Ausgabe Juni 1992

Die Lähmung vor dem neuen Unrecht

Ist Unrecht, das Mitverantwortlichen alten Unrechts geschieht, darum kein neues Unrecht? Genügt es in der größeren Bundesrepublik, als heimlichen Zuträger des DDR-Staatsapparats zu verdächtigen, wen man durch öffentliche Vorverurteilung ausschalten will? Was ist das für ein Triumph der Erfolgreichen, der an der Lebensarbeit der Unterlegenen kein gutes Haar läßt? Da stürzen sich die einen Deutschen auf die Vergangenheit der anderen, als könnten sie ihre eigene unerledigte Geschichte damit endgültig loswerden. Solange ich dazu schweige, werde ich mitverantwortlich für diesen Prozeß. Auf meinem Schreibtisch sammeln sich Zeugnisse neuer Ungerechtigkeit.

Das Telefon verlangt, ich müsse etwas tun, mehr als ich kann. Auf meinen Fahrten in die für mich nicht neuen Bundesländer bleibe ich oft stecken in Schleifspuren morastiger Aufrechnerei. Was an Freiheit hinzugewonnen wurde, ist für viele schon wieder verstellt, weil alte Rechnungen auf neuen Konten beglichen werden. Wo ist das Wort von den Brüdern und Schwestern geblieben? Es ist, als wäre es unter der einstürzenden Grenze begraben. In dem notwendigen Verlangen, mit dem alten Unrecht aufzuräumen, stürzt Rechthaberei weit übers Ziel hinaus.

Juni 1992

Sie haben etwa 17% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 83% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Bruch und Kontinuität

von Wolfgang Kaleck

Mit ihren Interventionen in Venezuela und Iran ist die zweite Trump-Regierung zu einem Frontalangriff auf das Völkerrecht übergegangen – und im Inneren der USA höhlt sie den Rechtsstaat immer weiter aus. Das oft opportunistische Verhalten europäischer Regierungen gegenüber Trump schwächt die internationale Ordnung zusätzlich.

Die Wehrpflicht gleicher Bürger

von Sven Altenburger

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat in Deutschland eine intensive Debatte über die Notwendigkeit einer Wehrpflicht ausgelöst. Dabei werden die ideengeschichtlichen Grundlagen der Wehrpflicht von ihren Gegnern regelmäßig verkannt, nämlich Republikanismus und Egalitarismus.

Frieden durch Recht

von Cinzia Sciuto

Am Anfang stand der 11. September 2001. Danach wurde die Lawine losgetreten: Ein langsamer, aber unaufhaltsamer Erdrutsch erfasste die internationale rechtliche und politische Ordnung. Ein Erdrutsch, der nach und nach die supranationalen Institutionen und die stets fragile, aber nie völlig illusorische Utopie einer friedlichen und auf dem Recht basierenden Weltordnung tief erschüttert hat