Die Hemmschwelle für antisemitischen Mord ist gefallen. Am 13. November 1992 gerieten zwei Nazis in einer Wuppertaler Gaststätte in Streit mit einem 53jährigen Mann. Die verbale Auseinandersetzung eskalierte, als die Männer in ihrem Gegenüber einen Juden zu erkennen glaubten. Sie zertrampelten ihn, zündeten ihn an und schafften die Leiche über die Grenze nach Venlo. Der Mord wurde hierzulande erst bekannt, nachdem das israelische Fernsehen darüber berichtet hatte. Und während die internationale Öffentlichkeit entsetzt war - stellvertretend sei die Schlußfolgerung der "Unita" zitiert: "Das ist die Straße nach Auschwitz" -, ließ die deutsche Staatsanwaltschaft die erste Zeugenaussage schnell dementieren und behauptete, bei dem Verbrechen habe Antisemitismus "überhaupt keine Rolle gespielt". Die Wuppertaler Bluttat und die im folgenden bekanntgewordenen Morddrohungen gegen den Schriftsteller Ralph Giordano sind allerdings nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die präzise mit dem November 1989 begonnen hat. Im Prozeß der Wiedervereinigung ist der vorher latente Antisemitismus virulent geworden. Die Monate nach der Maueröffnung waren von einer Welle von Verwüstungen jüdischer Friedhöfe begleitet, wie sie seit drei Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen war.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.