Ausgabe März 1994

Klamotten-Moral

Seit Wochen schleicht er mitleidserregend durch die Lindenstraße, der idealistische Lehrer mit der Sammelbüchse für die bosnischen Flüchtlingsfrauen. Frau Beimer, selbst um die Existenz ihres kleinen Reiselädchens gegen die Schikanen des Vermieters kämpfend, gibt nicht nur ein paar blaue Scheine, sondern meldet sich auch freiwillig zur Betreuung der Lagerinsassen, einmal die Woche. Es rührt uns der unverdrossene politpädagogische Impetus der Serienmacher und es wundert uns, daß die Lindenstraße, auch gegen die konzentrierte, von Politikern unterstützte Generalattacke der Privaten, die allerhöchsten Einschaltquoten des gesamten dualen Serien-Angebots halten kann, Ihre allumfassende Problemorientiertheit scheint ein nützlicher Auffangspeicher für angesammelte Machtlosigkeitsgefühle zu sein. Nein, wir wollen alles vorgeführt bekommen, das Leid, die Morde und die unsinnigen Kämpfe aus aller Welt, wir kümmern uns, wir schauen zu, es wird nichts vergessen.

Das einfache Zeigen der Mordinstrumente und der Kriegsopfer produziert in uns das Bewußtsein von der Existenz eines allgemeinen Weltgewissens. Und die Kommentare und Talkshows stärken unsere Gewißheit, daß genügend Embargos und Kreuzzüge geplant werden, welche die Schuldigen schon bestrafen werden.

März 1994

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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