In Deutschland ist seit Beginn der 90er Jahre wieder über eine Zunahme des Ausmaßes von Armut die Rede, einer Armut, die sich vorwiegend in städtischen Räumen konzentriert und die gleichzeitig das Gegenbild zu einer zunehmenden Anhäufung von Reichtum und Wohlstand in anderen Teilgebieten der gleichen Stadt darstellt. Vor dem Hintergrund einer enormen Reichtumsentwicklung auf der einen Seite hat auf der anderen Seite die Zahl der Menschen deutlich zugenommen, die in unmittelbarer Nähe oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Diese Unterschiede lassen sich auf nationaler Ebene in den Einkommensstatistiken noch nicht nachweisen; sie werden jedoch aufgrund der Konzentration von Armut und Reichtum in städtischen Teilgebieten sichtbar und alltäglich erfahrbar. Wurden in der ersten Hälfte der 80er Jahre die Unterschiede in der Reichtums- und Armutsentwicklung zwischen Städten deutlich hierfür wurde der Begriff des Süd-Nord-Gefälles geprägt -, so werden seit etwa fünf bis sechs Jahren die zunehmenden Polarisierungen innerhalb der Städte offensichtlich: die reichen Stadtteile wurden immer reicher und die armen Stadtteile immer ärmer. Das bedeutet, daß die Begrifflichkeit "'neue' neue Armut" nicht nur Folge eines beobachtbaren Mengeneffektes ist, sondern vor allem das Ergebnis von Polarisierungsprozessen in der (städtischen) Gesellschaft.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst seit Jahrzehnten und erreicht inzwischen demokratiegefährdende Ausmaße. Dabei droht die neoliberale Ökonomisierung der Politik in eine autoritäre Politisierung der Ökonomie zu kippen, die nicht nur die Demokratie, sondern auch den Wettbewerb untergräbt.