Ausgabe August 1994

Erbfolgestreit mit Überraschungen

Französische Kräftekonstellationen am Ende der Ära Mitterrand

In Frankreich finden im Frühjahr 1995 Präsidentschaftswahlen statt. Die konservativen Parteien scheinen das Rennen bereits gemacht zu haben. Nur noch interne Streitigkeiten oder aber eine Zusammenballung der durchaus vielfältigen sozialen Proteste der vergangenen Monate können ihnen den Weg verlegen. Erstgenanntes scheint dabei wahrscheinlicher. Eigentlich hatten sich die Konservativen in Paris nach einem für sie ermüdenden Jahrzehnt Mitterrand für die beginnenden 90er Jahre eine klare Strategie zurechtgelegt: im Frühjahr 1993 sollten die demoralisierten Sozialisten bei den Parlamentswahlen weggefegt werden. Anschließend sollte der Neogaullist Edouard Balladur die Regierungsgeschäfte übernehmen. Einer der beiden großen alten Männer der Konservativen, Jacques Chirac, Gaullist wie Balladur, oder der Rechtsliberale Giscard d'Estaing, sollte dann im leichten Trab und ohne sonderliche Anstrengungen die Präsidentschaft erobern.

Der erste Teil des Plans funktionierte gut: bei den Parlamentswahlen im März 1993 gewannen die beiden konservativen Parteien RPR und UDF, vom herrschenden Mehrheitswahlrecht begünstigt, mit 484 Sitzen fünf Sechstel der Abgeordnetensitze und eine erdrückende Mehrheit im Pariser Matignon. Der parlamentarischen Linken aus Sozialisten und Kommunisten blieb im Verbund mit dem linksliberalen Mouvement des Radicaux de Gauche (MRG) gerade einmal 93 Sitze.

August 1994

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.