Ausgabe Juni 1995

Demaskierung auf Mexikanisch

"Warum soviel Aufhebens um die Maskierung der Zapatisten? Herrscht denn in nicht in ganz Mexiko eine Kultur der Vermummung? Ich bin bereit, die Kapuze abzunehmen, wenn die mexikanische Gesellschaft ebenfalls ihre Maske ablegt. Viele sehen nur den maskierten Teil von Mexiko: eine schöne, moderne Maske. Aber dahinter verbirgt sich ein Monster, das bereit ist zu morden, um an der Macht zu bleiben." Subcomandante Marcos, Sprecher der Zapatistenguerrilla EZLN

Fünf Thesen zur Dimension der Krise

1. Schon seit Beginn des vergangenen Jahres werden die Grundfesten der einstigen Musterrepublik von einem dreifachen Beben erschüttert: zunächst zertrümmerte die radikaldemokratische Zapatistenrevolte, weniger durch ihre Waffen als durch das millionenfache Echo im ganzen Lande, den jahrzehntelang gepflegten Mythos vom sozialen Frieden im postrevolutionären Mexiko. Gleichzeitig zerfällt die politische Klasse, die seit 68 Jahren regierende revolutionär-institutionelle Staatspartei PRI, in aller Öffentlichkeit: Die bislang sorgsam zugedeckten "Kloaken der Macht" öffnen sich - heraus kommen Skandale, mörderische Fraktionskämpfe, politische Attentate und Drogenfilz, die die PRI-Regierung trotz gewonnener Wahlen in eine anhaltende Legitimationskrise stürzen. Und schließlich kracht mit der überfallartigen Abwertung vom 20.

Juni 1995

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In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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