Ausgabe November 1997

Test the West

Über die Amerikanisierung der Bundesrepublik Deutschland

Vor einigen Jahren - es muß zur Zeit der Wende 1989 gewesen sein - fühlte sich ein Hamburger Graffiti-Sprayer von einem jener Straßenschilder, die zu "Tempo 30" mahnen und ein Wohngebiet zur "Zone" erklären, herausgefordert, selbiges als "West-Zone" kenntlich zu machen. Die sprichwörtlichen Zeichen an der Wand lassen bekanntlich Rückschlüsse zu, in diesem Fall auf das Selbstbild einer Gesellschaft, die mitunter viel Aufwand betreibt, um sich den Anstrich des Amerikanischen zu geben. Erinnert sei nur an den in "Flower Shopp" umbenannten Blumenladen, "Shopp" mit doppeltem p. Konrad Adenauer hatte noch dagegen ankämpfen wollen und offenbarte 1961 in einem Interview mit der Londoner "Times", daß er in der Diskussion über die Bundeshauptstadt seinerzeit Bonn den Vorzug gegeben habe, weil Frankfurt "total amerikanisiert" sei.

Doch schon sein Nachfolger Ludwig Erhard sah die Deutschen auf dem besten Wege, "amerikanischer als die Amerikaner" zu werden. Klaus Harpprecht sprach über seine Generation als "Kinder einer amerikanischen Zivilisation", und Wim Wenders hielt 1976 in dem Film "Im Lauf der Zeit" fest: "Die Amis haben unser Unbewußtes kolonisiert.

November 1997

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema