Ausgabe Juni 1998

Die Kontroverse über den Euro-Start

Ein Jugendstreich des alten Kontinents. Blick zurück in Trauer und Zorn

Deutschlands Parlamentarier haben sich zügig und ohne falsche Sentimentalität von der DM verabschiedet, dem besten Geld unserer Geschichte - ungerührt von Volkes Stimme. Sie konnten es, denn sie gaben etwas her, was sie ohnehin nie besessen hatten: die Kontrolle über Notenbank und Geldpolitik. Dennoch täuschen sich unsere Politiker, wenn sie glauben, damit sei Klarschiff im Währungsboot Europa. Weder Nachbar Frankreich, noch Vetter England sehen in der Zentralbank einen Gegenspieler zur Regierung, eine vierte und unabhängige Gewalt im Staat, und in der Währungspolitik ein neutrales Verteilernetz für die Zuteilung von Strom in der gewünschten Menge und Stärke. Wenn Frankreich schon Europas wegen auf die Kontrolle seiner Zentralbank verzichten soll, dann wenigstens unter einem Lands- und Fachmann, der die Spielregeln kennt. Von daher macht der Wunsch nach einem französischen Gründungspräsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) durchaus Sinn.

Auch Tony Blair in England denkt nicht daran, die seit einem Jahrtausend geheiligten Rechte des Westminster-Parlamentes dadurch zu schmälern, daß er aus der Bank von England (gegründet 1697) eine EZB-Filiale macht. Nur eine Volksabstimmung könnte ihn dazu bewegen und demokratisch entlasten! Bedenken dieser Art waren Bundestag und Bundesrat fremd.

Juni 1998

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