"In dieser heute so geprüften Region muß der Glaube wieder zu einer einigenden und wohltätigen Kraft werden, wie die Flüsse, die sie durchqueren. Ich denke an den Fluß Save, der in Slowenien entspringt, euer Vaterland durchströmt, weiterfließt entlang der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina, um schließlich, auf serbischer Erde, sich mit der Donau zu vereinigen, (...) so wie (die) Völker aufgerufen sind, sich zu vereinen, und wie vor allem jene zwei Erscheinungsformen des Christentums es tun sollten, die westliche und die östliche, die in diesen Regionen seit je zusammenleben. In dieser Metapher der Flüsse können wir quasi den Pfad vorgezeichnet finden, den in dieser historischen Stunde zu beschreiten Gott euch aufruft." Fromme Worte von Papst Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Zagreb im September 1994, die den Charakter der Hirten-Visite als Friedensmission unterstreichen sollten. Eines allerdings hatte Karol Wojtyla in seiner Fluß-Metapher zu erwähnen vergessen: das an den Ufern des Flusses Save gelegene, zeitweilig von katholischen Ordensbrüdern geleitete Vemichtungslager Jasenovac, wo im Zeichen des Kreuzes in den Jahren 1941-1945 Hunderttausende Andersgläubige und Anders"rassige" von Katholiken abgeschlachtet wurden.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.