Linke Mehrheiten haben noch jedes Mal zu einem Desaster geführt, wenn sie die Politik des Gegners betrieben und die Wähler für Idioten hielten. - Keine Warnung an die neue deutsche Regierung, sondern eine Abrechnung, die Abrechnung von Pierre Bourdieu mit der französischen Linksregierung, veröffentlicht am 8. April dieses Jahres. Kaum ein Jahr nach dem Regierungsantritt der Linkskoalition unter Lionel Jospin plädiert der renommierte und international bekannte Soziologe, Professor am College de France und Studiendirektor an der Hochschule für Sozialwissenschaften EHESS, in "Le Monde" für eine "linke Linke" und liest in harschen Worten dem "Quartett" Jospin, Chevenement (PS), Hue (PCF) und Voynet (Grüne) die Leviten. Die linkspluralistische Regierung lasse sich inzwischen von der neoliberalen Troika Blair-Jospin-Schröder animieren, betreibe eine kurzsichtige Tagespolitik und zeige sich blind und taub angesichts der Nöte der "Volksklassen". Wirkliche Antworten auf die schleichende oder offene Faschisierung des Landes könnten nur von den neuen sozialen Bewegungen kommen, die sich seit den Streiks vom Dezember 1995 gebildet haben.
Der große autoritäre Umbruch, der gegenwärtig sowohl die nationale als auch internationale Politik erschüttert, führt zu enormer Verunsicherung. Umso mehr muss er die politischen Akteure veranlassen, sich der Ziele ihres Handelns immer wieder aufs Neue zu vergewissern, aber auch ihrer Wurzeln.