"Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig", schrieb Kurt Tucholsky 1931. Was er beklagte, war die Unfähigkeit der politischen Klasse der Weimarer Republik, "die Denkungsart der breiten Masse" zu erfassen: "Der wirkliche Gehalt dieses Volkes, seine anonyme Energie, seine Liebe und sein Herz" - für all das gehe gerade den sozialdemokratischen Vertretern der Republik jeder Instinkt ab. "Daß nun dieses richtige Grundgefühl heute von den Schreihälsen der Nazis mißbraucht wird, ist eine andre Sache." Zwei Jahre später war es mit der ersten deutschen Republik vorbei. Gewiß, mit den historischen Analogien soll man es nicht zu weit treiben. Der Kollaps demokratischer Politik steht in diesen Tagen in Deutschland und Westeuropa nirgendwo auf der Tagesordnung. Doch immerhin gibt der Ausgang der Europawahlen Anlaß zu Fragen über den Zustand von Politik, Parteien und Demokratie in Deutschland. Um die Diskrepanz zwischen dem falschen Verstehen und richtigen Fühlen der Bürger einerseits und den Fehlleistungen ihrer politischen Klasse andererseits geht es auch bei ihnen. Und besonders um die SPD und ihren "Dritten Weg".
In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert.