Zusammenbruch und Trümmer waren in Westdeutschland stets der Code für den Mai 1945, die vielbeschworene "Stunde Null". Daß es dennoch zu einem raschen wirtschaftlichen Aufstieg kam, kann dann nur als Wunder, eben als "Wirtschaftswunder" verstanden werden. Dies ist der Gründungsmythos der westdeutschen Wirtschaftsgesellschaft. Die Tatsachen allerdings lassen nicht auf ein Wunder schließen. Denn 1948 gab es in Westdeutschland 14% mehr und um ein Drittel jüngere Fabrikationsanlagen als 1935, und daß dies trotz Rüstungsproduktion, Kriegszerstörungen, Demontagen und trotz der millionenfachen Einberufung zum Kriegsdienst und damit fehlender Arbeitskräfte der Fall sein konnte, erklärt sich vor allem durch die Ausbeutung der Zwangsarbeiter sowie durch die Zufuhr von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und Industrieprodukten aus den besetzten Gebieten. Um den Zusammenhang zwischen der Zwangsarbeit im Krieg und dem späterem "Wirtschaftswunder" wirklich aufzuklären, muß als erstes untersucht werden, was 1945 in welchem Ausmaß zerstört war (die Fabriken, das Transportwesen, die Wohnungen).
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.