Ausgabe Juni 2000

Irrwege der Ökonomen

Zu den merk-würdigeren Events der Jahrhundertwende gehörte eine Zusammenkunft der American Economic Association (AEA), die vom 7 bis 9. Januar in Boston stattfand. Im Zentrum ihres Millenniumsprogramms standen weltpolitische Probleme, insbesondere Finanzkrisen (wie die asiatische) und das Scheitern der sogenannten wirtschaftlichen Transformation (in Rußland beispielsweise). So demonstrativ Veranstalter und Teilnehmer ihre Relevanz herausstrichen, so sehr sprang doch ins Auge, das irgend etwas nicht stimmte. Unter den anwesenden Wissenschaftlern fand sich kaum einer, von dem man jemals Kritik an jenen Institutionen gehört hatte, die uns die Asienkrise und die mißlungene Transformation bescherten. Statt dessen dominierten - Sitzung für Sitzung - die Architekten der herrschenden Weltordnung selbst. Es passiert nicht alle Tage, daß eine so hochkarätige Gruppe zusammenkommt, um vor einem derart verheerenden Panorama eigener Fehlleistungen zu debattieren. Um so erstaunlicher, daß so zentrale Fragen der Wirtschaftspolitik wie Inflation und Arbeitslosigkeit, Wachstum und Stabilität, Staatshaushalt sowie die (Ungleich-)Verteilung von Einkommen und Vermögen auf der Agenda fehlten. Womit also beschäftigt sich die moderne Ökonomie? Wie es scheint, vor allem mit sich selbst.

Die AEA bietet ihren Mitgliedern eine willkommene Plattform zur Selbstdarstellung.

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