Ausgabe Oktober 2001

Und sie arbeiten doch!

"Eine Familien mit zwei Kindern muss über 2 700 Mark verdienen, um sich mit Arbeit besser zu stehen als mit Sozialhilfe. Warum sollen die Eltern schlechter bezahlte Jobs annehmen, wenn keine Konsequenzen drohen?" So fragte die "Süddeutsche Zeitung" (3.5.2001). Ja - warum eigentlich? Die "Bild"-Zeitung (1.9.2000) bot bereits vor einiger Zeit die entsprechende Antwort: "Wer arbeitet, ist blöd!" Seit Jahren wird die Ansicht als Einsicht fortgeschrieben: Arbeit lohnt nicht, weil die Sozialleistungen zu hoch sind. Legaler Zuverdienst ist kaum möglich, da das meiste davon eh von der Sozialhilfe abgeht. Der Weg zurück in Lohn und Brot ist beschwerlich; darum bleibt man in der Sozialhilfe sitzen, bringt sich um längerfristige Aufstiegsmöglichkeiten. Immerhin, der Begriff "Armutsfalle" der sich dafür eingebürgert hat, signalisiert, daß dies nicht die reine Wonne sein kann. Man lebt nahe der Armut oder, wie es amtlich-verschämt heißt, in "bekämpfter Armut".

Je nach Weltanschauung und Geschmack werden dafür wahlweise die Sozialgesetze oder die Sozialhilfebezieher verantwortlich gemacht. Entweder die Verhältnisse sind irrational oder die Sozialhilfebezieher faul. Oder beides.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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