Ausgabe Januar 2002

Kollege Hipster unter Leidensdruck

Gewerkschaften in neuen Unternehmenskulturen

Der Internetbuchhandel Amazon.com ist ein Vorreiter der digitalen Ökonomie. Als "E-Commerce" in Deutschland noch ein Fremdwort war, hatte sich der Online-Versand aus Seattle im US-Bundesstaat Washington längst als internationaler Marktführer etabliert. Mit dem Ende des Börsenbooms wurde Amazon erneut zum Pionier, allerdings auf eher unfreiwillige Weise: Angestellte des Unternehmens kämpften für eine eigene Interessenvertretung - und brachen damit ein Tabu. Denn die IT-Branche gilt, zumindest in den Vereinigten Staaten, als ein Ort, an dem Gewerkschafter nichts zu suchen haben. Seine Mitarbeiter, so hatte Amazon-Gründer Jeff Bezos stets argumentiert, seien durch ihre Aktienoptionen zugleich Unternehmenseigentümer. Die klassischen Konflikte zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer könnten deshalb gar nicht erst entstehen.

Doch als die Kursnotierung von Amazon wie die anderer Firmen des Neuen Marktes absackte, kam Unmut auf. Über 80% ihres einstigen Wertes hatten die Papiere innerhalb eines Jahres verloren. Lager- wie Sachbearbeiter beschlich das Gefühl, ein Vermögen verspielt zu haben. Zugleich verschärfte sich wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage der Arbeitsdruck im Betrieb. An die Stelle von frei wählbaren Arbeitszeiten traten zum Beispiel rigide Vorgaben - ohne dass sich an den mageren Stundenlöhnen etwas änderte. "Amazon.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.