Ausgabe Juni 2003

Ein beiläufiger Tod

Es gibt Filme, deren Zeitgenossenschaft erst allmählich sichtbar wird. Sie reifen, verlieren nicht, sondern gewinnen an Aktualität, scheinen Ereignisse zu begleiten, zu kommentieren, auf Umbrüche zu reagieren, die erst später passieren. Mit halbjährigem Abstand ist nach einem fast unbemerkten Start Bertrand Bonellos schon 2001 entstandener Film Der Pornograph erneut in die Kinos gekommen und wirkt nun wie eine trostlose Legende zu den Bildern des Irakkrieges, mit dem die Menschheit doch erst jetzt ihre Würde vollends verloren hat.

Der Jungfilmer Jacques hat in den 70er Jahren eine Reihe Pornofilme gedreht und sich dann zurückgezogen. Nun muss er aus finanziellen Gründen wieder ins Geschäft einsteigen, aber inzwischen herrscht ein anderer Geist, und der junge Assistent muss das Projekt vor den skurrilen Ideen des Altmeisters – "eine Pornographie zu schaffen an der Grenze der Abstraktion" – bewahren, um ein kommerzielles Desaster zu vermeiden. Trotzdem erscheint die Pornoproduktion hier immer noch wie eine ehrliche Arbeit ohne Tricks und Digitaleffekte, und die einzige hard core-Szene, die durch den Titel provozierte oberflächliche Erwartungen bedienen könnte, wird als das präsentiert, was sie ist: ein Stück Tagewerk. Die Aufbereitung von Sex für die naiven Voyeure ist ein Beruf wie jeder andere, in dem Künstler und Handwerker arbeiten.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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