Ausgabe November 2004

Globalisierung als Chance

Wohl keine Organisation - sieht man von der SPD ab - steht derzeit stärker mit dem Rücken zur Wand als die Gewerkschaften. Die Erosion des Flächentarifvertrages und fortgesetzte Angriffe auf die Tarifautonomie, permanenter Mitgliederschwund und anhaltende Dauerarbeitslosigkeit lassen das Bild von überkommenen Organisationen und Reformverhinderern entstehen. Kurzum: Die deutschen Gewerkschaften befinden sich im Abwehrkampf.

Neben dieser deutschen Innensicht existiert jedoch eine andere Perspektive: die Internationalisierung der Gewerkschaftsbewegung und ihre Öffnung gegenüber den neuen sozialen Akteuren. Die Aktionsformen reichen von der "Battle von Seattle" bis zur Gründung erster "Weltbetriebsräte". Das Neue daran: Die Firmenzentralen und nicht mehr die Arbeitgeberverbände werden zum relevanten Adressaten. Es stellt sich damit die Frage, ob wir tatsächlich an der Schwelle zu neuen globalen Arbeitsbeziehungen stehen und inwieweit die (deutschen) Gewerkschaften darin eine maßgebliche Rolle spielen können.

Das Scheitern der Freiwilligkeit

In den 90er Jahren haben die kapitalistische Globalisierung der Wertschöpfungsketten und die durch sie verstärkten Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen den Protest zivilgesellschaftlicher Gruppen (NGOs) hervorgerufen. Die Konzerne reagierten mit einer Vielzahl an freiwilligen Verhaltenskodizes (Codes of Conduct).

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.