Ausgabe August 2007

Wenn Arbeit arm macht

Der Niedriglohnsektor als Boombranche

Kein innenpolitisches Thema, das haben die letzten Wochen und Monate bewiesen, ist derzeit so umstritten – und damit auch so wahlkampftauglich – wie der Mindestlohn. Und trotz der Mangelhaftigkeit des erreichten Minimalkompromisses hat der bisherige politische Schlagabtausch immerhin zweierlei gezeigt: Zum einen, dass der staatlich subventionierte Niedriglohnsektor vom bundesdeutschen Arbeitsmarkt nicht mehr wegzudenken ist, und zum anderen, dass seine Auswüchse umfassend politisch reguliert werden müssen, wenn die zunehmenden Spaltungen auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich beseitigt werden sollen.

Seit Mitte der 90er Jahre wächst der Niedriglohnsektor beständig. Ein Wachstumsmotor der besonderen Art war dabei die Hartz-Gesetzgebung durch die rot-grüne Bundesregierung – als wesentlicher Bestandteil des groß angelegten Versuchs, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren. Die Neuregelung der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse getreu dem Motto „Sozial ist, was Arbeit schafft“ machte den Anfang und spiegelte den längst vollzogenen Stimmungswandel hin zu neoklassischen Positionen wider. Die Einführung und Ausweitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse als arbeitsmarktpolitisches Instrument setzte dann, wenn auch in kodifizierter Form, den anhaltenden Trend zum Ausbau des Niedriglohnsektors fort.

Sie haben etwa 6% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 94% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Flucht vor der Verantwortung: Lieferkettengesetze am Ende?

von Merle Groneweg

Der 11. September erinnert nicht nur an den Einsturz des World Trade Centers in New York, sondern auch an eine der schwersten Katastrophen in der Textilindustrie: den Brand in der Fabrik Ali Enterprises in Karatschi, Pakistan.

Ohne EU-Mindestlohn kein soziales Europa

von Roland Erne

Nach Jahren antisozialer Politik infolge der Finanzkrise von 2008 standen soziale Fragen in der vergangenen Legislatur der EU wieder weiter oben auf der Agenda. Zwischen 2022 und 2024 verabschiedeten das EU-Parlament und der Rat seit langem wieder mehrere soziale EU-Gesetze, darunter die Richtlinie über „angemessene Mindestlöhne in der Europäischen Union“.