Ausgabe Dezember 2007

Die Normalität der Kinderarmut

Zum Ende dieses Jahres sorgte kurzzeitig der Kinderreport des christlichen Hilfswerks „World Vision“ für Aufsehen. Die Studie machte nicht nur deutlich, dass Kinder aus armen Familien über weit schlechtere Chancen verfügen als ihre besser gestellten Altersgenossen, sondern auch, dass sie sich ihrer Chancenlosigkeit sehr früh bewusst sind. Tatsächlich glauben heute schon viele Acht- bis Elfjährige nicht mehr an einen möglichen sozialen Aufstieg, sondern nur noch an eine Zukunft mit dem Namen „Hartz IV“. Von einer sorglosen Kindheit kann also für immer größere Teile der Gesellschaft immer weniger die Rede sein.1

Dennoch war Kinderarmut über Jahrzehnte kein Thema, das die deutsche Öffentlichkeit nennenswert bewegte. Höchstens in der Vorweihnachtszeit oder im Sommerloch nahmen die Massenmedien der Bundesrepublik davon überhaupt Notiz. Hierfür gibt es mehrere Gründe.

Erstens waren in der Bundesrepublik lange Zeit eher ältere Menschen, hauptsächlich Rentnerinnen, von Unterversorgung betroffen. Erst gegen Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre etablierte sich der Begriff der „Infantilisierung der Armut“ (Richard Hauser), weil inzwischen junge Menschen zu der am häufigsten und am stärksten von Armut bedrohten Altersgruppe geworden waren.

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