Ausgabe Dezember 2010

Sarrazins Legende vom klugen Gen

Man stelle sich vor, Sarrazin hätte bei seinem Bestseller auf die brisante Melange aus provokanter Wortwahl und Biologismus verzichtet. In Deutschland gäbe es dann lediglich ein „Sachbuch“ mehr zum leidigen Thema Bildungspolitik und den trüben Aussichten für die nächsten Generationen. Kaum jemand hätte daran großes Interesse gezeigt, niemand sich darüber aufgeregt. Doch Sarrazins waghalsige Bezugnahme auf die Evolutionsbiologie, die Vererbbarkeit von Intelligenz und die „enorme Fruchtbarkeit“ der muslimischen Mitbürger als Stütze seiner politischen Hauptthesen haben dem vorgebeugt. Seine hitzigen Ausführungen – die ihre Dummheit vererbenden Muslime breiteten sich zunehmend in Deutschland aus, während die eingeborene Bevölkerung und damit die vererbte Intelligenz ausstürben – haben in Medien, Bevölkerung und Politik gewaltige Wellen geschlagen, die noch lange nicht verebbt sind.

Die großen, überregionalen Tageszeitungen und auch „Zeit“ und „Spiegel“ haben nicht nur der politischen Kritik an Sarrazins Buch Raum gegeben, sondern ebenso den Unterstützern und Verteidigern ganze Seiten zur Verfügung gestellt. In zahlreichen Artikeln wird Sarrazin eifrig bescheinigt, dass er im Großen und Ganzen doch nur den Stand der Wissenschaft referiere – unter anderen von den Psychologen, die einen Teil seiner Quellen ausmachen.

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Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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Am Morgen des 24. März hängten unbekannte Aktivisten eine Schaufensterpuppe, die die antike römische Göttin Minerva darstellt, am Denkmal des Grafen Uwarow in der Nähe des Hauptgebäudes der Staatlichen Universität St. Petersburg auf. In der Hand der antiken Schutzherrin der Wissenschaften befand sich ein Zettel mit der Aufschrift „Die Wissenschaft ist tot“.

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Wer mit Ingeborg Maus sprechen wollte, wurde von ihr meist auf den Abend verwiesen: Bevorzugt nach 20 Uhr ließ sich die Professorin für „Politologie mit dem Schwerpunkt politische Theorie und Ideengeschichte“ an der Frankfurter Goethe-Universität anrufen und klärte dann geduldig und stets zugewandt organisatorische und akademische Fragen, oftmals bis weit in die Nacht. Natürlich musste man erst einmal durchkommen, denn es waren viele, die etwas mit ihr besprechen wollten.