Ausgabe November 2011

Namibia, postkolonial ignoriert

Seit den berüchtigten „Hottentotten-Wahlen“ des Jahres 1907 hat Namibia – damals Deutsch-Südwestafrika – keine so starke mediale Beachtung in Deutschland mehr erlebt. Doch dieses erstaunliche Interesse liegt nicht einmal in erster Linie am eigentlichen Anlass: der Anwesenheit einer namibischen Delegation in Berlin, um 20 Schädel entgegen zu nehmen. Diese waren im Zuge der Niederwerfung des verzweifelten autochthonen Widerstandes zwischen 1903 und 1908, heute als Namibischer Krieg bezeichnet, zwecks „rassekundlicher“ Forschung nach Deutschland verschleppt worden und befanden sich seither im Besitz der Berliner Charité. Für die eigentliche Aufregung sorgte die Haltung der Bundesregierung und anderer staatlicher Stellen. Wie schon zuvor zeigten sie einen erschreckenden Mangel an Sensibilität gegenüber den Opfern von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die über Monate erwartete Rückgabe der Schädel rückte ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte ins Licht der Öffentlichkeit, das die offizielle Politik seit über 20 Jahren zu verdrängen sucht: den Völkermord, den die deutschen Streitkräfte Anfang des 20. Jahrhunderts bei der Niederschlagung des Ovaherero- und Nama-Aufstandes im damaligen Deutsch-Südwestafrika begingen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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