Ausgabe April 2013

Islamismus oder neuer Aufbruch?

Tunesien zwei Jahre nach der Revolution

Der Mord am populären linken Oppositionsführer Chokri Belaid Anfang Februar 2013 legt offen, was schon länger schwelt: Tunesien, Pionier der arabischen Revolutionen, steckt in seiner schwersten Krise seit den Umbrüchen 2010/2011. Am deutlichsten zeigt dies die seit etwa einem Jahr massiv zunehmende Serie von Gewalttaten, die vorwiegend islamistischen und salafistischen Milizen zugerechnet werden kann. Dadurch haben sich nicht nur die Konflikte in der „Troika“ zugespitzt: Diese heterogene Regierung und Parlamentskoalition besteht aus der islamistischen Mehrheitspartei Ennahda (89 Sitze), deren Hauptströmung sich aus der Muslimbruderschaft rekrutiert, und zwei säkularen Parteien, Republikaner und Ettakatol (Sozialdemokraten), die zusammen 109 der 217 Sitze innehat. Insgesamt existiert in der sehr zersplitterten Parteienlandschaft (Mitte Februar waren rund 150 Parteien registriert) eine starke Tendenz zur Frontstellung zwischen säkularen und religiösen Kräften. Würde sich diese weiter fortsetzen, liefe das auf eine fatale Spaltung der Gesellschaft hinaus.[1]

„Nahda“ heißt „Renaissance“, aber weder im Kampf gegen Korruption, beim Aufbau eines demokratischen Staatswesens, der Wahrung der Menschenrechte oder der Instandsetzung der Volkswirtschaft haben die islamistischen Parteien in Kairo und Tunis ihre Versprechen erfüllt.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Krieg im Kongo: Trump und der gordische Knoten

von Simone Schlindwein

Heute gelingt uns das, woran so viele andere gescheitert sind«, prahlte Donald Trump im Dezember 2025, als Kongos Präsident Felix Tshisekedi und dessen ruandischer Amtskollege Paul Kagame zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages im Weißen Haus eintrafen.

Südsudan: Krieg im Patronagestaat

von Simone Schlindwein

Seit nunmehr drei Jahren tobt im Sudan ein brutaler Krieg zwischen dem sudanesischen Militär SAF und der paramilitärischen Miliz RSF mit ihren rivalisierenden Anführern General Abdelfatah al Burhan und General Mohammed Hamdan Daglo; mehre Millionen Menschen wurden seither innerhalb des eigenen Landes und in Nachbarländer vertrieben, Hunderttausende getötet.