Bild: Am Straßenrand in Ouagadougou hängt ein Plakat von Interimsstaatschef Ibrahim Traoré und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, 5.3.2024 (IMAGO / Achille Abboud)
In immer mehr Ländern Afrikas baut Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Einfluss aus – mit einer Mischung aus Militärhilfen, Diplomatie und Propaganda. Der Kremlchef zeigt sich dabei gerne als Freund und Förderer Afrikas. Aber ist er das wirklich – und wie weit reicht sein Einfluss?
Männer aus Russland gehören an manchen Orten Afrikas gewissermaßen zum Stadtbild. Zumindest sollen Bilder aus verschiedenen Ländern diesen Eindruck vermitteln. Als etwa im März 2024 in Russland Präsidentschaftswahlen stattfanden, war das auch in Bangui zu sehen, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Vor der russischen Botschaft, einem schmucklosen Hochhaus mit Blick über das Regierungsviertel und den angrenzenden Ubangi-Fluss, bildeten zwei Dutzend weiße Männer eine Warteschlange, um in der Botschaft ihre Stimme abzugeben. Sie trugen Freizeitkleidung und Masken über dem Gesicht. Das Foto ging um die Welt. »Eines der wahrscheinlich interessantesten Bilder der russischen ›Wahl‹ kommt aus der Zentralafrikanischen Republik, wo Wagner-Söldner vor der russischen Botschaft in Bangui Schlange stehen«, schrieb der niederländische Fotojournalist Thomas van Linge dazu auf der Plattform X. Die Aufnahme war wie ein Alarmsignal, stand sie doch für eine Entwicklung, die in Europa bis dahin relativ wenig Beachtung fand: In immer mehr Ländern Afrikas baut Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Einfluss aus. Er schickt Söldner und Waffen, schließt Handelsverträge, umgarnt afrikanische Machthaber bei Gipfeltreffen und Staatsbesuchen. Vor allem im Sahel, in Niger oder Mali scheint er eine »Südflanke« gegen Europa zu errichten: mit einer Mischung aus Militärhilfen, Diplomatie und Propaganda.
Im Internet finden sich dafür zuhauf Belege: Bilder aus der nigrischen Hauptstadt Niamey, auf denen Demonstrierende Russlands weiß-blau-rote Trikolore schwenken. Ein Foto der Agentur AFP vom März 2022, kurz nach der russischen Vollinvasion in die Ukraine, zeigt eine Versammlung von Putin-Fans in Bangui. »Russland, wir sind mit dir«, ist auf Französisch auf einem Plakat zu lesen. In Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou wehen russische Flaggen am Straßenrand. Auch ist das Netz voller Bilder, die den Kremlchef mit afrikanischen Kollegen zeigen: Putin beim freundlichen Händedruck mit Äthiopiens Premier Abiy Ahmed, im vertrauten Gespräch mit dem südafrikanischen Staatschef Cyril Ramaphosa oder mit Burkina Fasos Putschpräsidenten Ibrahim Traoré. Putin zeigt sich gerne als Freund und Förderer Afrikas. Aber ist er das wirklich?
Dass Putin ein wachsendes Interesse an dem Kontinent hat, steht außer Frage. Mit mehr als 20 der 54 afrikanischen Staaten hat der Kreml in den vergangenen Jahren Verträge über Militärkooperationen abgeschlossen. Russland ist mit einem Anteil von fast 50 Prozent der größte Waffenlieferant Afrikas.1 Im März 2023 widmete Putin dem Kontinent in der »Konzeption der Außenpolitik der Russischen Föderation« erstmals ein eigenes Kapitel. Darin erklärt sich der Kreml »solidarisch mit afrikanischen Staaten bei ihrem Streben nach der Aufstellung einer gerechteren multipolaren Welt«. Sieben neue Botschaften will Moskau bis zum Jahresende in Afrika eröffnen – eine »durchaus bedeutende Zahl«, wie Außenminister Sergej Lawrow bereits Anfang 2025 betonte. Doch Putin will nicht nur mit klassischer Diplomatie und Militär Einfluss auf den Kontinent nehmen. Verstärkt setzt er auf einen Bereich, den Großmächte wie China oder die EU weniger im Blick haben: Kultur und Gesellschaft. Putin führt in Afrika einen Kampf um die Herzen und Köpfe. Der Kontinent hat die jüngste und am schnellsten wachsende Bevölkerung der Welt. Mit der seien die Bürgerinnen und Bürger Russlands besonders verbunden, behauptet Putin. Man teile politische Werte und stehe sich »spirituell nahe«, sagte der Kremlchef im Dezember 2024. Es sind Töne, wie man sie von europäischen Staats- oder Regierungschefs eher nicht hört. In seinem Kulturkampf wird Putin von einem weit verzweigten internationalen Netzwerk unterstützt: Staatliche Institute, private Firmen, kirchliche Einrichtungen, Bildungsträger, Sportverbände, Medienhäuser und Influencer helfen dem Kremlchef beim Knüpfen von Kontakten und der Verbreitung seiner Botschaften. Welche Ziele verfolgt er damit? Wie erfolgreich ist er dabei? Und: Welche Folgen hat das für den Kontinent?
In seinem Kulturkampf wird Putin von einem weit verzweigten internationalen Netzwerk unterstützt.
»Putins Expansionspläne in Afrika reihen sich nahtlos in die breitere außenpolitische Strategie des Kreml ein«, sagt Margarete Klein, Russlandexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. »Dahinter steht die Idee, dass man wieder eine globale Großmacht sein will, und dazu gehört, in zentralen Weltregionen präsent zu sein. Ein wichtiges Ziel ist, den Einfluss der europäischen Staaten zurückzudrängen.«2 Eine durchgeplante Strategie scheint Putin dabei jedoch nicht zu verfolgen. Er nimmt die Möglichkeiten eher so wahr, wie sie sich ihm bieten. Wie eine Analyse des »Netherlands Institute of International Relations« aus dem Jahr 2022 zeigt3, unterscheidet die russische Afrikapolitik zwischen zwei Arten von Staaten: In relativ stabilen Demokratien beschränken sich die Beziehungen auf die Regierungsebene. In fragilen Ländern, wo die Staatsgewalt von der Hauptstadt kaum bis in die Peripherie reicht, kommen auch private Firmen wie Söldnergruppen zum Einsatz. »Russlands Angebot an afrikanische Staaten ist die Stabilisierung der dortigen Regime, nicht Sicherheit und Wachstum für die Bevölkerung«, sagt der Politologe Tim Glawion, Professor an der Universität Freiburg.4 »Im Gegenzug gibt es Ressourcenabkommen und vielleicht gemeinsame Abstimmungen in internationalen Organisationen wie der UN.« So helfen etwa Wagner-Truppen dem Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik, Faustin-Archange Touadéra, im Kampf gegen Rebellen, sichern seine Macht – und schürfen Gold im Land. Militärhilfe aus Russland erhalten auch die Putschregierungen in Mali, Niger und Burkina Faso, deren Macht von Dschihadisten bedroht wird. Regelmäßig schicken sie Vertreter nach Moskau oder empfangen russische Spitzenpolitiker. Das wird oft von Posts in den Sozialen Medien flankiert, in denen die russisch-afrikanische Freundschaft hochgehalten wird.
Mischung aus Diplomatie und Propaganda
Das zeigt den zweigleisigen Ansatz, den Putin in Afrika verfolgt: eine Mischung aus Diplomatie und Propaganda. »Russland setzt auf klassische Diplomatie genau wie auf Manipulation, etwa durch Desinformationskampagnen«, sagt Wissenschaftlerin Klein. »Das ist eine kostengünstige Möglichkeit, sich mit begrenzten Ressourcen Einfluss zu verschaffen.« Tatsächlich ist Moskaus ökonomischer Fußabdruck auf dem Kontinent klein: Das Handelsvolumen zwischen Russland und Afrika betrug nach Angaben des Moskauer Außenministeriums im Jahr 2024 rund 27 Mrd. US-Dollar – kein Vergleich zur EU (355 Mrd. Dollar ) oder zu China (295 Mrd. Dollar).
Auch militärisch läuft es nicht rund für Putin in Afrika. So überrannte etwa Ende April eine neue Allianz aus Tuareg-Milizen und Dschihadisten des Al-Qaida-Ablegers JNIM einen Stützpunkt des russischen »Afrikakorps« in der malischen Stadt Kidal. Die russischen Soldaten mussten sich kampflos geschlagen geben und überstürzt aus Kidal abziehen – eine Demütigung für Putin. Ausgleichen will Putin das offenbar mit einem Wettbewerb der Narrative. Er knüpft an Verbindungen aus Sowjetzeiten an und inszeniert sich als Kämpfer gegen den Imperialismus – die eigenen Großmachtbestrebungen in der Ukraine werden dabei ausgeblendet. Putin zielt auf den in Afrika weit verbreiteten Wunsch nach mehr Unabhängigkeit und globaler Gerechtigkeit. Man unterstütze die »Beseitigung der sozial-wirtschaftlichen Ungleichheit, die wegen einer ausgeklügelten neokolonialen Politik mehrerer Industrieländer gegenüber Afrika zunimmt«, heißt es in der »Konzeption« des Kremls. Dass die USA und die EU ihre Entwicklungshilfe zurückfahren, spielt ihm in die Hände. Auch hilft dem Kreml, dass Russland seit dem Kalten Krieg in vielen afrikanischen Staaten ein gutes Image genießt, nicht zuletzt, weil es im Gegensatz zu europäischen Staaten keine Kolonialvergangenheit auf dem Kontinent hat. Die Sowjetunion sah sich stets als enge Verbündete der afrikanischen Freiheitsbewegungen, etwa in Angola, Tansania oder Mosambik. »Die Partnerschaften aus Sowjetzeiten sind in den Köpfen vieler Menschen noch sehr präsent«, sagt Glawion. 50 000 Männer und Frauen aus Afrika studierten einst in der Sowjetunion, darunter Prominente wie Angolas Präsident João Lourenço oder Südafrikas Ex-Staatschef Thabo Mbeki. Heute gebe es 32 000 Studierende aus Afrika in seinem Land, sagte Lawrow im vergangenen Dezember.
Mit dem Ende des Kalten Kriegs nahm die Zahl der russisch-afrikanischen Verbindungen zunächst ab, Moskau schloss Botschaften und Konsulate. Ab 2015, nach der Annexion der Krim, begann Putin jedoch, die Beziehungen wieder zu intensivieren. In den folgenden fünf Jahren gab es laut dem »Netherlands Institute of International Relations« 20 Staatsbesuche afrikanischer Politiker in Moskau. In den 15 Jahren zuvor habe es nur 17 solcher Delegationsreisen gegeben. Einen Höhepunkt bildete im Oktober 2019 der erste russisch-afrikanische Gipfel in Sotschi, zu dem 43 afrikanische Staats- und Regierungschefs anreisten. Davon bekam zwar weniger als die Hälfte die Gelegenheit für direkte Gespräche mit Putin5, doch das Treffen produzierte viele Bilder des Kremlchefs inmitten seiner afrikanischen Amtskollegen – ein Propagandaerfolg. An diesen konnte Putin allerdings später nicht mehr anknüpfen: Zum Gipfel 2023 in Sankt Petersburg, nach der Vollinvasion der Ukraine, kamen nur noch 17 afrikanische Staatschefs.6
Social-Media-Influencer im »Informationskrieg«
Dennoch war das erste Treffen 2019 wichtig für Putins Propaganda, auch weil es den Startpunkt für die Aktivitäten prorussischer Influencer in Afrika setzte. Das zeigt der dortige Auftritt der Aktivistin Nathalie Yamb, die seither als »Lady von Sotschi« bekannt ist. Der heute 56-Jährigen – Tochter eines Kameruners und einer Schweizerin – folgen bei Facebook, X und YouTube eine Million User. Dort verbreitet sie kremlfreundliche Narrative und übt scharfe Kritik an der Ex-Kolonialmacht Frankreich, womit sie in Afrika auf viel Zustimmung trifft. Im Juni 2025 wurde sie mit EU-Sanktionen belegt. Yamb pflege Kontakte zu einer »Organisation, die mit privaten russischen Militärunternehmen verbunden ist«, heißt es in der Begründung.7
Religion spielt eine wichtige Rolle in Putins Kulturkampf.
Ebenfalls eine wichtige Rolle im russischen »Informationskrieg« spielt der in Frankreich geborene Aktivist Kémi Séba, der zu den schillerndsten Figuren in Putins Propagandakosmos zählt. In den vergangenen Jahren hat er eine Vielzahl von Aufgaben übernommen: von einem Job als Berater des nigrischen Putschpräsidenten Abdourahamane Tchiani über den Vorsitz des französischen Ablegers der antisemitischen »New Black Panther Party« bis hin zur Leitung politischer Kampagnen im Senegal. Sébas Eltern stammen aus Benin – seit ihm 2024 die französische Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, reist er mit nigrischem Diplomatenpass. 2018 wurde er von der Nachrichtenseite »Africanews« zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Kontinents gewählt. Der 44 Jahre alte Frankreich-Kritiker hat viele Fans und sieht sich in der Tradition des Panafrikanismus. Die Denkschule geht zurück auf afrikanische Intellektuelle wie Ghanas ersten Präsidenten Kwame Nkrumah. Dieser verfolgte progressive Ideen, Séba hingegen hat keine Berührungsängste mit der extremen Rechten: Im Jahr 2017 besuchte er den ultranationalistischen Philosophen Alexander Dugin in Moskau. Mit seinen kremlfreundlichen Erzählungen ist Séba immer wieder Gast beim russischen Sender »RT France«. Das Propagandaorgan ist eine wichtige Stütze für Putins Kulturkampf in Afrika. Laut einer Auswertung des »Center for Data and Research in Russia« (Cedar) verzeichnet RT auf dem Kontinent seit 2022 hohe Wachstumsraten.8 So stammten fast 80 Prozent der Facebook-Fans von »RT France« aus Afrika. Der Sender werde geschätzt, weil er – so zitiert der Cedar-Report einen 28-Jährigen aus Burkina Faso – angeblich »traditionelle afrikanische Werte« vertrete.
Gemeint sind damit rechtskonservative Ideale, wie sie auch Putin propagiert. »Der Kreml setzt seit Langem auf sogenannte traditionelle Werte, von der Ablehnung von LGBTQ-Rechten bis zum klassischen Familienbild, in dem sich die Frau dem Mann unterordnet und möglichst viele Kinder bekommt«, sagt SWP-Wissenschaftlerin Klein. »In der Außenpolitik versucht Putin diese Themen für seine Zwecke einzusetzen. Er will den ideologischen Schulterschluss zu Menschen in Afrika herstellen, die diese Ansichten teilen.« Tatsächlich verbinden diese »Werte« Putins Weltsicht mit dem, was russlandfreundliche Machthaber auf dem Kontinent gerne als »traditionell afrikanisch« verkaufen. So macht etwa Ugandas Langzeitdiktator Yoweri Museveni seit Jahren Stimmung gegen Homosexuelle9, sein Amtskollege Traoré aus Burkina Faso ließ gleichgeschlechtlichen Sex im September 2025 unter Strafe stellen.
Aktivistinnen und Forscher weisen indes darauf hin, dass Queerfeindlichkeit keineswegs »traditionell afrikanisch« sei, sondern die historische Folge kolonialer Gesetzgebung und christlicher Missionierung. Der ugandische Pastor Martin Ssempa hingegen hält LGBT-Rechte für eine »westliche Auferlegung«. Der evangelikale Prediger ist Aktivist der kremlfreundlichen US-Organisation »World Congress of Families«, die laut GIGA-Institut »Russland in Afrika als Verteidiger traditioneller Sitten gegen westliche Normen darstellt«.10 Religion spielt eine wichtige Rolle in Putins Kulturkampf. So hat die russisch-orthodoxe Kirche nach eigenen Angaben seit 2022 in Afrika massiv expandiert und ist dort inzwischen in 36 Ländern vertreten. Das passt zur Ideologie des Kremls. »Putin stellt die russische Kultur gerne als eine dar, die sich von der angeblichen Dekadenz, dem Individualismus und dem postreligiösen Nihilismus des Westens unterscheidet. Damit versucht er, auch in Afrika anzuknüpfen«, so Klein. Daneben gibt es auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen eine Vielzahl an Organisationen, die im Dienste von Putins Expansionsplänen stehen. Dazu zählen staatliche Forschungsinstitute, die es seit Sowjetzeiten gibt, aber auch neuere, pseudowissenschaftliche Einrichtungen und Medienoutlets, die im Internet Verschwörungstheorien verbreiten. Auch hier nutzt Putin Einfallstore in afrikanische Gesellschaften, ganz so wie sie sich bieten: Das kann die Neueröffnung russischer Kulturzentren sein, wie es sie in Dar es Salaam, Bangui, Tunis oder Alexandria bereits gibt, oder aber Sportevents wie in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba: Dort eröffnete 2025 ein Kampfsportzentrum, in dem Putins Lieblingssport »Sambo« trainiert wird. In der Zentralafrikanischen Republik richtete eine russische Baufirma 2018 sogar einen Schönheitswettbewerb aus.
Das rohstoffreiche Land in der Mitte Afrikas ist seit Jahren ein Hotspot russischer Aktivitäten. In der Hauptstadt gibt es ein »Russisches Haus«, russischen Sprachunterricht an der Uni und eine Statue des einstigen Wagner-Anführers Jewgeni Prigoschin. Zugleich ist der Krisenstaat ein Beispiel dafür, wie wenig die Menschen in Afrika von Moskaus Engagement profitieren. Während Wagner-Söldner das Regime um Präsident Touadéra mit Waffengewalt stützen und dafür in Gold bezahlt werden, hungert ein Drittel der Bevölkerung. Humanitäre Hilfe leistet Moskau nicht.
Dennoch bemüht Putin das Narrativ von Russland als großem Förderer des Kontinents. Dabei nützt ihm, dass das Verhältnis vieler afrikanischer Staaten zu den ehemaligen Kolonialmächten bis heute angespannt ist. Zwar streben viele Menschen aus Afrika zum Studieren oder Arbeiten nach Großbritannien oder Frankreich, die Verbindungen sind oft eng. Doch zugleich genießt Europa keinen umfassend guten Ruf in Afrika. Die Erinnerungen an die Verbrechen der Kolonialzeit sind genauso präsent wie das Bewusstsein für die anhaltend ungleichen Verhältnisse zwischen Nord und Süd. Hinzu kommen diplomatische Fehltritte, etwa von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der den Afrikanerinnen und Afrikanern Anfang 2025 mangelnde Dankbarkeit für den militärischen Einsatz Frankreichs gegen Islamisten vorwarf. In vielen Ländern löste das Empörung aus – eine Steilvorlage für Russland.
Die westafrikanischen Staaten Mali, Burkina Faso und Niger haben sich bereits vollends von Europa losgesagt und Moskau zugewandt – begleitet von Social-Media-Kampagnen, die die Putschregierungen der drei Länder als mutige Revolutionäre feiern. Die dürften aber vor allem an die Eliten gerichtet sein. Weniger als ein Drittel der Bevölkerung in den drei Sahel-Staaten hat Internetzugang. Spürbarer dürfte für die meisten Menschen sein, dass auch die russische Militärhilfe – wie schon die europäische zuvor – kaum Erfolge im Kampf gegen islamistischen Terror und Instabilität vorweisen kann. Auch von einem Ende von Not und Armut kann keine Rede sein.
Russland ist bislang ein ›Scheinriese‹ in Afrika.
Damit bleibt die Frage, wie die russische Politik in Afrika bei der breiten Bevölkerung ankommt: Sind die Bilder von Putin-Fans auf den Straßen von Ouagadougou oder Bangui Ausdruck echter Russlandbegeisterung oder nur das Produkt geschickter Propaganda? »Wir wissen es nicht«, sagt der Politikwissenschaftler Glawion. »Es gibt keine belastbaren Zahlen. Das liegt daran, dass in den Ländern mit hoher russischer Präsenz Forschung gezielt behindert wird. Man kann keine unabhängigen Befragungen machen.« Vor ein paar Jahren recherchierten drei russische Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik zu den Aktivitäten der Wagner-Gruppe. Alle drei wurden 2018 ermordet. Burkina Faso lässt ebenfalls ungern Journalistinnen oder Wissenschaftler ins Land. Auch deshalb wird zu dem Thema wenig geforscht.
Insgesamt ist Russland bislang wohl ein »Scheinriese« in Afrika, mit zwar wachsendem, aber immer noch begrenztem Einfluss – wirtschaftlich, militärisch und gesellschaftlich. Auch mit Blick auf die Bilder in den Sozialen Medien läuft nicht alles gut für Putin. Seit einigen Monaten kursieren im Netz Aufnahmen von afrikanischen Männern, die an der Seite Russlands in der Ukraine kämpfen – viele gegen ihren Willen. Sie werden laut Medienberichten mit Jobangeboten nach Russland gelockt und dann von der Armee zwangsrekrutiert. Rund 1400 sollen sich in der Ukraine befinden. Ein virales Onlinevideo aus dem vergangenen Jahr zeigt eine Gruppe ostafrikanischer Männer in Kampfmontur, die in einem verschneiten Waldstück sitzen und ein Lied auf Swahili singen. Eine russische Stimme kommentiert aus dem Off amüsiert, die Männer würden bald als Kanonenfutter enden. Einige afrikanische Regierungen warnen ihre Landsleute angesichts dessen inzwischen ausdrücklich davor, Jobangebote aus Russland anzunehmen. Und so dürfte Putins Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen in Afrika spätestens dort an Grenzen stoßen, wo die Realität ein anderes, weniger vorteilhaftes Bild des Kremls offenbart.
1 Antje Diekhans, Waffen gegen Rohstoffe, tagesschau.de, 2.5.2023.
2 Im Gespräch mit der Autorin am 19.2.2026.
3 Guido Lanfranchi und Kars de Bruijne, The Russians are coming! The Russians are coming? Russia’s growing presence in Africa and its implication for European policy, clingendael.org, Juni 2022.
4 Im Gespräch mit dem Autor am 5.2.2026.
5 Stephan Ahlf, Russland in Afrika. Motive, Strategien & Effekte, pure.giga-hamburg.de.
6 Russia’s growing influence in Africa calls for more balanced partnerships, issafrica.org, 26.6.2024. Vgl. auch: Simone Schlindwein, Russland und Afrika: Alte Freunde, neue Absatzmärkte, in: »Blätter«, 9/2023, S. 37-40.
7 Durchführungsverordnung (EU) 2025/1278 des Rates, eur-lex.europa.eu, 26.6.2025.
8 What makes one a fan of RT France?, cedarus.io, November 2025.
9 Vgl. Simone Schlindwein, Queer in Uganda: Backlash für die Menschenrechte, in: »Blätter«, 7/2023, S. 33-36.
10 Vgl. Stephan Ahlf, Russland in Afrika, a.a.O.