Ausgabe Juli 2013

Modell Lettland

Hurra, brüllt eine wirklichkeitsferne Bürokratie. Bravo, assistieren wohlfeile Medien: Lettland darf im kommenden Jahr den Euro einführen. Vorgeschlagen von einer von niemandem gewählten EU-Kommission und der Europäischen Zentralbank, deren Legitimation aus der Geld-Druckmaschine kommt. Ohne nationales Referendum, doch – das ist jetzt schon sicher – abgesegnet von einem EU-Finanzministertreffen im Juli, dessen Agenda wesentlich von den großen Banken bestimmt wird.

Natürlich darf Lettland in den fatalen Club aus Bankrotteuren und Profiteuren, weil es ein „Musterschüler“ ist. Ein Land, in dem die absurden Sparprogramme aus dem Merkel-Export-Labor widerspruchslos umgesetzt werden. Lettland erscheint im Spiegel der Börsenjournale als Modell für die Mehrheit der Länder in der EU.

Aus dem „Modell Lettland“ fliehen derweil die Bürger: Mehr als 100 000 Menschen verließen in den letzten Jahren das Zwei-Millionen-Land: weil Löhne und Renten brutal gekürzt wurden, weil mehr als ein Viertel der Letten mit 290 Euro auskommen muss, weil das Land mit dem höchsten Armutsrisiko in Europa lebt. Vor ein paar Jahren musste die PAREX, die größte Bank Lettlands, gerettet werden. Das kostet. Dem lettischen Europa-Abgeordneten Krisjanis Karins fällt dazu ein: „Es ist wie bei Übergewicht.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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