Ausgabe Juli 2016

Für Freiheit und Demokratie

Der kurze Frühling des Eurokommunismus

Am 29. Juni 1976 kommentierte im frühen Abendprogramm der ARD der ebenso wortgewaltige wie erzkonservative Matthias Walden: Der „kommunistische Hochalpinismus“ habe nun endlich seine Gipfelkonferenz bekommen, in Ostberlin. Ein Gipfelsturm sei es nicht gewesen, der da endlich in dünner Luft zum Ziel geführt habe. Eher ein mühsames Klettern und Kraxeln, ein Kriechen über Geröll und ein durchaus nicht schwindelfreies Balancieren bei den Gratwanderungen. Auch habe es sich als schwierig erwiesen, alle ideologischen Bergsteiger zu einer Seilschaft zusammenzufügen, so dass die Konferenz immer wieder vertagt worden sei und der Anstieg Dutzende Male unterbrochen wurde. Und warum das alles? Weil Breschnew den „Imperialismus seines roten Zarentums“ festschreiben wollte; um „Gefolgschaft möglichst aller Kommunistenführer dieser Welt“ ginge es ihm – 29 an der Zahl, ausnahmslos alle aus Europa; allein die albanischen Kommunisten fehlten bei der Tagung.

SFB-Chefkommentator Matthias Walden, der eigentlich Eugen Wilhelm Otto Baron von Saß hieß und bald zum Mitherausgeber der Springer-Zeitung „Die Welt“ aufsteigen sollte, zeigte sich in seinem Element, war aber auch genervt und gelangweilt. Breschnew könne froh sein, sein Gesicht gewahrt und wenigstens eine Konferenz zustande gebracht zu haben.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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