Ausgabe Juli 2020

Posttribalismus für die Praxis

Die Philosophin Susan Neiman hat ein Buch zur Geschichte der Gegenwart geschrieben, das von hoher, ja brennender Aktualität ist – buchstäblich.

„Von den Deutschen lernen“ ist vieles zugleich: eine Auseinandersetzung mit verbrecherischer nationaler Vergangenheit und postheroischem Heldentum, eine stereoskopische Analyse der unterschiedlichen Erinnerungskulturen in Deutschland und den USA, aber auch ein Reisebericht durch die Landschaften und Orte der Erinnerung. Alles autobiographisch – und unterfüttert mit zahlreichen Beispielen teilnehmender Beobachtung.

Neiman, eine Kantianerin und Rawls-Schülerin, lebt seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Berlin und ist seit dem Jahr 2000 Direktorin des Potsdamer Einstein Forums. Prägend war für sie die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre in Georgia, wo sie aufwuchs. In ihrem Buch hält sie der US-amerikanischen Gesellschaft ihrer Jugend nun den Spiegel der deutschen Gesellschaft ihres Erwachsenenalters vor: Was lässt sich von der „Vergangenheitsaufarbeitung“, dem working-off-the-past, für die Erinnerung an die Sklaverei ableiten? Was ist überhaupt verallgemeinerbar am Umgang der Deutschen mit dem Bösen in ihrer Geschichte?

Die Deutschen sahen sich nach dem Zweiten Weltkrieg selbst als Opfer von Krieg und Besatzung, bis die ins Studienalter gekommenen Kinder der NS-Generation ihren Eltern unangenehme Fragen zu stellen begannen – 1968.

Juli 2020

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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