Ausgabe November 2023

Der Kaiser Wilhelm der SPD

Ex-Kanzler Gerhard Schröder in St. Petersburg, 4.6.2021 ( IMAGO / ITAR-TASS / Valery Sharifulin)

Bild: Ex-Kanzler Gerhard Schröder in St. Petersburg, 4.6.2021 ( IMAGO / ITAR-TASS / Valery Sharifulin)

Nein, diesmal gibt es nichts zu feiern für Gerhard Schröder am 27. Oktober, dem 25. Jahrestag von Rot-Grün. Noch vor fünf Jahren lud der Ex-Kanzler die wackeren Ritter seines Kabinetts zu einer großen Tafelrunde. Aber dann kam der vermaledeite Ukrainekrieg, Gazprom-Gerd blieb Putin treu und der Rest der rot-grünen Bande sagte Adieu. Nur einer kehrte zurück, der einstige Beelzebub, der gefallene Engel Oskar. Denn in Sachen Putin-Liebe passt nun endlich wieder kein Blatt Papier zwischen die beiden alten Genossen.

Es ist daher nicht überliefert, ob es nicht doch wenigstens ein kleines Tête-à-Tête zur Feier des Jahrestages gibt, erweitert um Sahra und Soyeon. In jedem Fall fällt die große Sause aus. Stattdessen lud Schröder die „Süddeutsche Zeitung“ zum Gespräch („Ich bereue nichts“, vom 14./15. Oktober). Und das liest sich fast wie eine Bewerbung für Wagenknechts neue Partei.

Zunächst stellt Schröder klar, wie er sich eine moderne Migrationspolitik vorstellt. „Rechtsstaat heißt nicht, vor allem Minderheiten zu schützen, sondern die Mehrheit zu schützen vor Kriminalität.“ Hoppla, für einen Juristen ist das ein starkes Stück. Schließlich lernt man schon im ersten Semester, dass die Menschenrechte des Grundgesetzes dem einzelnen Individuum, also der kleinstmöglichen Minderheit, und nicht irgendwelchen Mehrheiten zustehen. Aber Schröder war in dem Punkt schon immer wendig.

»Blätter«-Ausgabe 11/2023

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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