Ausgabe Mai 2025

Befreiung als Zusammenbruch

Wie die Deutschen 1945 das Kriegsende erlebten

Russische Soldaten und ein Zivilist schieben einen großen bronzenen Reichsadler zu den Trümmern, 1945 (IMAGO / Photo12 / Ann Ronan)

Bild: Russische Soldaten und ein Zivilist schieben einen großen bronzenen Reichsadler zu den Trümmern, 1945 (IMAGO / Photo12 / Ann Ronan)

Im August 1941 wandte sich Thomas Mann in einer seiner berühmten Radiobotschaften aus dem amerikanischen Exil wieder einmal an die deutschen Hörer. Die Sowjetunion schien fast besiegt, die Vereinigten Staaten befanden sich noch nicht im Krieg, Präsident Roosevelt und Winston Churchill hatten mit der Atlantik-Charta eben ihren Gegenentwurf zu Hitlers Pax Germanica der totalen Unterwerfung verkündet. Es sei ein Streit in der Welt, teilte der Nobelpreisträger seinen Landsleuten mit, „ob man zwischen dem deutschen Volk und den Gewalten, die es heute beherrschen, eigentlich einen Unterschied machen kann, und ob Deutschland überhaupt fähig ist, sich der neuen, sozial verbesserten, auf Frieden und Gerechtigkeit gegründeten Völkerordnung, die aus diesem Krieg hervorgehen muss, ehrlich einzugliedern.“ Thomas Mann gab eine optimistische Antwort: Obgleich der Nationalsozialismus mit seinen langen Wurzeln in der deutschen Tradition eine „Sprengmischung“ bilde, welche die gesamte Zivilisation bedrohe, sei er doch „gutgläubig und vaterlandsliebend genug“, den positiven deutschen Traditionen den „längeren historischen Atem zuzutrauen“. Den negativen Traditionen werde der Atem ausgehen, prophezeite er auf dem Höhepunkt von Hitlers Machtentfaltung. Die unheilvolle deutsche Tradition sei nämlich „im Begriffe, sich auszuleben, sich wahrhaftig zu Ende und zu Tode zu leben.

»Blätter«-Ausgabe 5/2025

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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