Was wir von Thukydides und Mark Carney lernen können
Bild: Kanadas Premierminister Mark Carney auf dem World Economic Forum in Davos, 20.1.2026 (IMAGO / ZUMA Press)
In rasantem Tempo verliert die liberale Weltordnung an Bindekraft, beschleunigt durch den autoritären Kurs der zweiten Trump-Regierung. Angesichts dessen fordern viele eine Rückkehr zum machtpolitischen Realismus – teils unter Bezug auf die vermeintliche Autorität antiker Denker wie Thukydides. Dabei liefert dieser wichtige Hinweise darauf, wie sich der Erosionsprozess der politischen Ordnung aufhalten ließe.
Die transatlantische Welt ist in »größter Bewegung«.1 Wie im Zeitraffer verlieren vor unseren Augen die Struktursysteme der liberalen Ordnung ihre Bindekraft. Immer mehr und immer mächtigere Akteuren rufen sie nicht mehr zur Rechtfertigung ihres Handelns an. Eben darin aber liegt die ordnungsstiftende Wirkung von Normen und Institutionen: in der Selbstverständlichkeit ihrer Anwendung und Voraussetzung.
Der deutsche Diskurs hat sein Krisenbewusstsein mit »Epochenbruch« und »Zeitenwende« auf zwei klingende Begriffe gebracht. Wo sie derzeit zu hören sind, ist die (Selbst-)Kritik nicht weit, man habe in Deutschland in den vergangenen Jahren der Naivität gefrönt und »realistische« Einsichten in die »Natur des Menschen« und der aus ihr ableitbaren Natur der (internationalen) Politik ignoriert. Im trügerischen Glauben an die Macht der Werte und des Rechts habe man das machtpolitische Denken verlernt und damit ein Machtvakuum entstehen lassen, das feindlich gesinnte Akteure nun zu füllen versuchten.