Ausgabe April 2026

Davos oder die Kernschmelze der liberalen Weltordnung

Was wir von Thukydides und Mark Carney lernen können

Kanadas Premierminister Mark Carney auf dem World Economic Forum in Davos, 20.1.2026 (IMAGO / ZUMA Press)

Bild: Kanadas Premierminister Mark Carney auf dem World Economic Forum in Davos, 20.1.2026 (IMAGO / ZUMA Press)

In rasantem Tempo verliert die liberale Weltordnung an Bindekraft, beschleunigt durch den autoritären Kurs der zweiten Trump-Regierung. Angesichts dessen fordern viele eine Rückkehr zum machtpolitischen Realismus – teils unter Bezug auf die vermeintliche Autorität antiker Denker wie Thukydides. Dabei liefert dieser wichtige Hinweise darauf, wie sich der Erosionsprozess der politischen Ordnung aufhalten ließe.

Die transatlantische Welt ist in »größter Bewegung«.1 Wie im Zeitraffer verlieren vor unseren Augen die Struktursysteme der liberalen Ordnung ihre Bindekraft. Immer mehr und immer mächtigere Akteure rufen sie nicht mehr zur Rechtfertigung ihres Handelns an. Eben darin aber liegt die ordnungsstiftende Wirkung von Normen und Institutionen: in der Selbstverständlichkeit ihrer Anwendung und Voraussetzung. 

Der deutsche Diskurs hat sein Krisenbewusstsein mit »Epochenbruch« und »Zeitenwende« auf zwei klingende Begriffe gebracht. Wo sie derzeit zu hören sind, ist die (Selbst-)Kritik nicht weit, man habe in Deutschland in den vergangenen Jahren der Naivität gefrönt und »realistische« Einsichten in die »Natur des Menschen« und der aus ihr ableitbaren Natur der (internationalen) Politik ignoriert. Im trügerischen Glauben an die Macht der Werte und des Rechts habe man das machtpolitische Denken verlernt und damit ein Machtvakuum entstehen lassen, das feindlich gesinnte Akteure nun zu füllen versuchten.

»Blätter«-Ausgabe 4/2026

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In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

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