Antisemitismus: Kehrt das Monster zurück? | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Antisemitismus: Kehrt das Monster zurück?

von Brian Klug

Kürzlich aß ich zu Mittag mit einem Freund, der in London eine Menschenrechtsorganisation leitet. Seine Organisation arbeitet in der ganzen Welt, der Nahe Osten eingeschlossen. In der Vergangenheit hat sie die israelische Politik insbesondere in Bezug auf die freie Meinungsäußerung in den besetzten palästinensischen Gebieten öffentlich scharf kritisiert. Ich horchte deshalb auf, als mein Freund mir gestand, gelegentlich über die Ausdrucksweise über Israel, die einige Leute in seinem Arbeitsbereich benutzen, besorgt zu sein.

Er bezog sich auf Unterhaltungen mit Personen, die sich politisch links einordnen würden. Israel, sagte er mir, werde oft zum "Sündenbock" für alle Probleme in der arabischen Welt gemacht. Außerdem neige man dazu, Juden mit Israel gleichzusetzen, geradezu so, als ob sie für die Menschenrechtsverletzungen und andere Verbrechen der israelischen Regierung kollektiv verantwortlich seien. Er habe den Eindruck, in der Gedankenwelt einiger Linker, denen er im Rahmen seiner Menschenrechtsarbeit begegnet sei, nehme Israel einen überproportional großen Stellenwert ein.

Wie ist diese Erfahrung zu werten? Bestätigt sie etwa die Warnungen von Cobi Benatoff, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, auf dem EU-Seminar über Antisemitismus am 19. Februar in Brüssel? "Der Antisemitismus ist zurückgekehrt. Das Monster weilt wieder unter uns", so Benatoff.1

Ist das Monster wirklich wieder da? Zunächst gilt festzuhalten: Das Monster war nie verschwunden. Das Ausmaß und die Intensität des Antisemitismus in Europa haben sich stets verändert. Unterschiedlich waren auch der Grad und die Art von Diskriminierung und Verfolgung der Juden. Seit Jahrhunderten ist eine antisemitische Strömung in die europäische Kultur eingewoben. Öffentliche Meinungsumfragen in diversen europäischen Staaten legen nahe, dass ein bemerkenswerter Prozentsatz von Menschen noch immer Ansichten vertritt, die antisemitisch sind oder zumindest so wirken. So zum Beispiel sind sich nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage 42 Prozent der Italiener einig, dass "Juden in der Geschäftswelt zu viel Einfluss haben".2 (In Großbritannien sind es 21 Prozent.)

Doch es ist eine neue Situation eingetreten. Früher war das Thema Antisemitismus relativ eindeutig: Antisemitismus ist eine Form von Bigotterie. Nur bigotte Menschen unterstützen Bigotterie. Wir anderen verachten diese Haltung. So einfach war das. Heute ist das jedoch sehr viel komplexer und problematischer. Denn die Frage des Antisemitismus ist zum Politikum geworden. Das Wort "Antisemitismus" ist in die erbitterte Schlacht zwischen Israelis und Palästinenser geraten und zum Spielball der Nahostpolitik geworden.

Diese Entwicklung ist nicht über Nacht gekommen. Ihre Anfänge reichen ungefähr hundert Jahre zurück, als eine neue nationale Bewegung geboren wurde: der jüdische Nationalismus oder Zionismus. Wenn Benatoff aber sagt, das Monster sei wiedergekehrt, meint er damit, der Antisemitismus wachse wieder, seit vor mehr als drei Jahren im Juli 2000 die Friedensverhandlungen in Camp David zusammenbrachen und später im Jahr die Al-Aksa-Intifada ausbrach.

Ist dem so? Es ist nicht einfach, im Lichte der gegenwärtigen Debatte, in der Antisemitismusvorwürfe so schnell ausgeteilt werden, diese Frage überhaupt zu stellen, geschweige denn sie zu beantworten. Das EU-Seminar fand jüngst beinahe nicht statt, weil die Europäische Kommission einige Wochen zuvor selbst dem Antisemitismusvorwurf ausgesetzt war.3 Einer der zwei Ankläger war Edgar Bronfman, Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Der andere war Benatoff. Die Grundlage ihrer Vorwürfe war so dürftig, dass Ronny Naftaniel, der Direktor des Zentrums für Information und Dokumentation über Israel in den Niederlanden, an Benatoff schrieb und den Angriff für unweise erklärte, "insbesondere da der Vorwurf falsch ist".4 Das war kein Einzelfall. Der Vorwurf ist oft unbegründet, wenn er gegen Kritiker oder Gegner der israelischen Regierungspolitik gerichtet wird. In einer solchen Situation müssen wir zu den Ursprüngen zurückgehen und das Wort "Antisemitismus" aus dem verworrenen Netz der Politik zurückholen, in das es geraten ist.

Obwohl das Wort erst in den 1870er Jahren geprägt wurde, ist der Antisemitismus ein altes europäisches Hirngespinst über Juden. Der Komponist Richard Wagner drückte das so aus: "Ich halte die jüdische Rasse für den eigentlichen Feind der reinen Humanität und all dessen, was in ihr edel ist."5Wagner sprach von der jüdischen "Rasse". Aber all die Jahrhunderte über war der antisemitische Diskurs mehr oder weniger derselbe, unabhängig davon, ob Juden als Rasse, Nation, Volk, Glaubensgemeinschaft, Kultur oder was auch immer angesehen wurden. Die Essenz lässt sich so zusammenfassen: "Juden sind Außenseiter. Wo immer sie hingehen, schaffen sie einen Staat innerhalb des Staates. Sie arbeiten gemeinsam im Verborgenen daran, ihre kollektiven Vorteile herauszuschlagen - auf Kosten der Staaten, in deren Mitte sie leben und deren Ressourcen sie ausbeuten. Sie haben sich zusammen verschworen, die Welt zu beherrschen. Ihre unsicht- baren Hände kontrollieren die Banken, die Märkte und die Medien. Sogar Regierungen werden von ihnen gelenkt. Und wenn Revolutionen ausbrechen oder Staaten in den Krieg ziehen, sind es die Juden, die - geschickt, skrupellos und als Gruppe in sich geschlossen - unweigerlich die Fäden ziehen und die Früchte ernten."

Wenn solche Hirngespinste auf Israel projiziert werden, weil Israel ein jüdischer Staat ist, dann muss Feindschaft gegenüber Israel oder dem Zionismus wohl antisemitisch sein. Indes, Israels Besatzung der Westbank und des Gazastreifens ist kein Hirngespinst. Auch die jüdischen Siedlungen in diesen Gebieten sind es nicht. Und auch nicht die institutionalisierte Diskriminierung israelisch- arabischer Bürger in verschiedenen Lebensbereichen. Das sind Realitäten. Es ist eine Sache, auf der Grundlage antisemitischer Hirngespinste gegen Israel oder gegen den Zionismus zu argumentieren, eine andere jedoch, wenn man es der Realitäten am Ort wegen tut. Letzteres ist nicht antisemitisch.

Natürlich kann Antizionismus auch ein verdeckter Antisemitismus sein. Es gibt eine lange und unschöne Geschichte davon, wie "Zionisten" als Codewort für das Wort "Juden" gebraucht wurde. Ich erinnere an das kommunistische Polen, das im Rahmen der sogenannten antizionistischen Säuberungen 1968 tausende von Juden aus dem Land trieb. Die extreme Rechte benutzte viele Jahre das Akronym ZOG (Zionist Occupation Government), wenn sie von der US-Administration sprach.

Doch die Verbindung zwischen Antizionismus und Antisemitismus ist nicht zwangsläufig. Historisch gesehen haben viele Antisemiten den Zionismus unterstützt. Entweder wollten sie die Juden loswerden oder sie hatten eine völlig übertriebene Vorstellung von der Macht der zionistischen Bewegung, weil diese jüdisch war. Umgekehrt war der Zionismus unter Juden von Anfang an umstritten. Mit der Zeit stellen nun immer mehr Juden den jüdischen Nationalismus in Frage und befassen sich mit einer möglichen postzionistischen Zukunft für Israel. Nicht zuletzt gehören gerade Juden aus Israel und anderswo zu den schärfsten Kritikern der israelischen Politik. Das macht sie genauso wenig zu sich selbst hassenden Juden wie die nichtjüdischen Kritiker zu Antisemiten. In Wahrheit sind diese Leute nachdenklich und engagiert.

Aber wie verhält es sich nun mit den Leuten, von denen mir mein Freund beim Mittagessen erzählte? Es sind Menschen, die im Menschenrechtsbereich arbeiten. Gewiss sind auch sie nachdenklich und voller Engagement. Doch sie scheinen dazu zu neigen, unbedacht über Israel und die Juden zu sprechen. Ist das ein Beweis für linken Antisemitismus?

Möglich. Links oder rechts, niemand ist gegen Vorurteile innerhalb der eigenen Kultur immun, und der Antisemitismus ist seit langem ein Bestandteil der europäischen Struktur. Es gibt aber auch andere Dinge, sozusagen andere Sünden, deren sich Linke schuldig gemacht haben könnten, ohne dabei antisemitisch zu sein: etwa Ignoranz, Achtlosigkeit und Mittäterschaft.

Ich denke zum Beispiel daran, dass oft und vor allem seit dem Sechstagekrieg von 1967 vergessen wird, dass der Zionismus, welche Mängel auch immer er haben möge, eine Reaktion auf den Antisemitismus war. Juden sind in Europa an den Rand gedrängt, ausgeschlossen und schließlich fast völlig ausgelöscht worden. Sobald Linke diesen historischen Hintergrund ausblenden und die Geschichte der Juden einfach allgemein in die Geschichte des europäischen Imperialismus einordnen, fühlen die meisten Juden - nichtzionistische Juden eingeschlossen - sich abermals marginalisiert und ausgeschlossen. Es ist verständlich, wenn sich das wie Antisemitismus anfühlt, selbst wenn es keiner ist.

Wenn linke Kritiker Israels außerdem leichtfertig von "jüdischer Macht" und "jüdischem Einfluss" sprechen, ohne ih- re Behauptungen auch nur ansatzweise zu modifizieren, kann das den Eindruck vermitteln, alle Juden müssten für die Machenschaften einiger weniger herhalten. Das nährt eine antisemitische Strömung innerhalb breiterer kultureller Kreise. Der jüdische Sozialist Steve Cohen stellte zu Recht fest: "Jede Gruppierung, die vorgibt, gegen den Antisemitismus zu sein, sollte extrem darauf achten, welche Bilder sie hervorruft."6

Ähnlich ist es mit Koalitionen - dem A und O politischer Aktivitäten. Denn manche Bündnisse sind weniger heilig als andere. Auf einigen Massenversammlungen und Demonstrationen der Linken tauchten unverhüllt antisemitische Slogans und Symbole auf.7 Außerdem gibt es Komplizen des Schweigens. Naomi Klein, die Anti-Globalisierungs- Aktivistin, verweist auf "Veranstaltungen, auf denen ich kürzlich war, wo zu Recht anti-muslimische Gewalt verurteilt und Ariel Sharon mit ebensolcher Berechtigung verdammt wurde, es aber keinerlei Erwähnung von Angriffen auf jüdische Synagogen, Friedhöfe und Gemeindezentren gab."8

Menschen, die sich als Linke betrachten, sollten überlegen, ob sie sich dieser "Sünden" oder gar des Antisemitismus schuldig gemacht haben. Doch nicht minder sollten jene, die andere beschuldigen, innehalten und nachdenken. Antisemitismus ist wie jede andere Form des Rassismus ein Monster. Falsche Anschuldigungen der Bigotterie sind jedoch ebenfalls monströs.

Übersetzung: Alexandra Senfft

1 BBC-Nachrichten-Website, vgl. http://news. bbc.co.uk/1/hi/world/europe/3502019.stm.
2 Eine Untersuchung von ADL im September 2002, vgl. www.adl.org/anti_semitism/EuropeanAttitudesPoll- 10-02.pdf.
3 Europe’s moral treachery over anti-Semitism, in: "Financial Times", 5.1.2004.
4 Associated Press, European anti-Semitism seminar is back on the track, in: "Ha’aretz", 9.1.2004.
5 Brief an Ludwig II. von Bayern, zitiert in Robert S. Wistrich, Antisemitism: The Longest Hatred, London 1992, S. 57.
6 Steve Cohen, That’s Funny, You Don’t Look Anti- Semitic: An anti-racist analysis of left anti-Semitism, Beyond the Pale Collection, Leeds 1984, S. 86.
7 Vgl. Steve Silver, Anti-imperialism of fools, in: "Searchlight", 2/2003, S. 6-8; David Rosenberg, When words fail us, in: "Jewish Socialist", Winter 2002/2003, S. 5-7; Brief von Reva Klein u.a. als Reaktion auf einen Marsch in London gegen die Invasion des Irak, in: "The Guardian", 1.10. 2002.
8 Naomi Klein, Sharon’s best weapon, in: "The Guardian", 25.4.2002

(aus: »Blätter« 4/2004, Seite 394-396)
Themen: Antisemitismus

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