Ausgabe März 2009

Bastard-Keynesianismus

Kapitalismus oder Staatsinterventionismus – wer trägt die Schuld an der Krise? So lautet die derzeit wohl am heftigsten umstrittene Frage. Das offensichtliche Comeback des Keynesianismus wird von dessen neoliberalen Gegenspielern mit dem Argument bekämpft, dass wir es speziell in den USA mit ihren großen staatlichen Nachfrageprogrammen doch bereits mit keynesianischer Politik zu tun gehabt hätten. Die daraus resultierenden Folgen erlebten wir jetzt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Was in den letzten 40 Jahren reüssierte, war lediglich ein Bastard-Keynesianismus, der mit dem originären Linkskeynesianismus nichts zu tun hat.

Tatsächlich wurde in den westlichen Industrieländern das Wachstum in den vergangenen Jahren zunehmend durch die Verschuldung des Staates und der privaten Haushalte aufrechterhalten. Die Ursache dieser Malaise liegt auf der Hand: Von 1980 bis 2006 ist in den 15 reichsten OECD-Ländern der Anteil der Löhne an der Nettowertschöpfung in den Unternehmen von 67 auf 57 Prozent gefallen. Dies musste den privaten Verbrauch dämpfen und damit das Wirtschaftswachstum. Die Lösung des Problems war kreditfinanzierte Nachfrage – sowohl des Staates als auch seiner Bürgerinnen und Bürger.

Seit Ronald Reagan ist es herrschende Wirtschaftspolitik, Druck auf die Masseneinkommen auszuüben und den Nachfrageverlust durch Staatsdefizite auszugleichen.

Sie haben etwa 10% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 90% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Dividenden statt Investitionen

von Aurora Li, Michael Peters, Uwe Zöllner

Ob bei der Wasserversorgung, in der Pflege oder im Gesundheitssektor: Bereits seit einigen Jahrzehnten kommt es selbst in systemrelevanten Bereichen immer wieder zu Privatisierungen – bei denen die kurzfristige Gewinnmaximierung zugunsten der Investoren oftmals das Geschäft bestimmt.

Von der Silicon Valley Bank zur Credit Suisse: Finanzmarktkrise 2.0?

von Rudolf Hickel

Fünfzehn Jahre nach der Finanzmarktkrise, die im September 2008 durch die Lehman-Pleite ausgelöst wurde und die Weltwirtschaft beinahe zum Absturz brachte, drohen erneut massive Turbulenzen im Kasinokapitalismus. In den USA erschütterte der Crash eines zuvor ziemlich unbekannten regionalen Spezialinstituts, der Silicon Valley Bank (SVB), die Finanzmärkte.