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Interpretieren, um zu verändern

von Achim Engelberg

Eric Hobsbawm dürfte der weltweit bekannteste lebende Historiker sein. Einige seiner Bücher gelten bereits als moderne Klassiker, etwa seine Trilogie über das 19. Jahrhundert; der Titel seiner Geschichte des 20 Jahrhunderts, „Zeitalter der Extreme“, ist fast ein geflügeltes Wort. Der 1917 in Alexandria geborene und heute in London lebende Jahrhundertintellektuelle analysiert lange Phasen und Formationen; fußend auf der Tradition von Karl Marx und Friedrich Engels erforschte er die Höhenzüge der Gesellschafts- und Weltgeschichte.

Nun darf der mittlerweile 95jährige die Früchte seines langen Forscherlebens ernten: Soeben erschien auf Deutsch sein im vergangenen Jahr im englischen Original publiziertes Buch über Marx und den Marxismus. Der Band vereinigt nicht nur die gesammelten Essays zum Thema, sondern auch Schriften aus unterschiedlichen Zeiten und Anlässen, von 1956 bis 2009, zu einer Synthese, ein neues Ganzes anstrebend.

„Welche Werke?“ hatte Karl Marx bitter einem Besucher erwidert, der ihn nach diesen fragte, weiß Eric Hobsbawm in der Einleitung zu berichten. Seine Nachwirkung schien Marx selbst, obwohl er sich einige brillante Pamphlete zuschrieb, keineswegs sicher, denn sein Hauptwerk „Das Kapital“ war ein Torso und blieb einer – seine Ausarbeitung stagnierte in seinem letzten Lebensjahrzehnt. Sein wichtigstes politisches Anliegen nach dem Scheitern der 1848er-Revolution, die sogenannte Erste Internationale der Jahre 1864 bis 1873, war fehlgeschlagen. Und weder im politischen noch im intellektuellen Leben Großbritanniens spielte er eine große Rolle.

Welch‘ Unterschied zu seinem Konkurrenten Herbert Spencer, der als der „Aristoteles seiner Zeit“ galt! Hochgerühmt und wohlbestallt schrieb dieser, wie man damals meinte, ein klassisches Werk, während Karl Marx sich, um ungestört arbeiten zu können, Geld bei seinem Freund Friedrich Engels borgen musste. Beide, Spencer wie Marx, liegen in Sichtweite auf dem Friedhof von Highgate, aber ansonsten haben sich die Abstände zwischen ihnen gewaltig vergrößert – wenn auch anders als erwartet.

Eric Hobsbawm erzählt, wie Marx’ Werk entstand, welche Teile sich wo und wie ausbreiteten und, dass es bis heute nicht vollständig erschlossen ist – die Gesamtausgabe von Karl Marx und Friedrich Engels wird in deutscher Sprache frühestens 2030 vorliegen. Was wir unter Marxismus verstehen, ist also immer die Diskussion und Auseinandersetzung mit einer bestimmten Auswahl von Schriften und Fragmenten.

Erst mit dem Aufstieg der Sozialdemokratie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde allmählich ein Werkkorpus greifbar und Übersetzungen entstanden. Als Karl Marx im Jahr 1883 starb, schien es unwahrscheinlich, dass nur 70 Jahre später „ein Drittel des Menschengeschlechts in Regimen“ leben würde, die meinten, „seine Ideen zu verkörpern und seine Erwartungen zu realisieren“. Nach 1991 allerdings, mit dem Zusammenbruch vieler dieser Regime oder ihrer Transformation wie in China, galt Karl Marx als überholt. „Marx ist tot, doch Jesus lebt“ war damals nicht selten zu hören. Doch wie kaum ein anderer Denker des 19. Jahrhunderts ist Marx nun im Begriff, einer für das 21. Jahrhundert zu werden.

Eric Hobsbawm erzählt von dramatischen Zäsuren wie der Oktoberrevolution 1917, die den Übergang zum Sozialismus zu bilden schien, oder dem Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn 1956, der für viele das Ende dieser Hoffnung bedeutete, von der allmählichen Verbreitung, Umdeutung, Kanonisierung, Dogmatisierung sowie Fortentwicklung des von Karl Marx und Friedrich Engels begonnenen Denkens und Analysierens. Es sind weltumspannende Ge- wie Missbrauchs-Geschichten!

Dennoch waren, so Hobsbawm, „selbst Ende der 1970er Jahre die Schriften von Marx und Engels in den Landessprachen eines großen Teils der nichtsozialistischen Welt außerhalb Europas nicht verfügbar“. Kurzum: Eric Hobsbawm erzählt nicht, wie der Marxismus wiederentdeckt und -belebt wird, sondern wie sich seine Interpretationen und Ideen allmählich – mit Rückschlägen und Niederlagen – ausbreiten und dabei sich und andere verändern.

Dabei wuchs natürlich auch die Anzahl der Autoren, die versuchten, diese Denkrichtung zu widerlegen. Ihr Ton wurde hysterischer, wenn sich sozialistische Bewegungen ausbreiteten. Sowohl Anhänger wie Gegner schrieben ihre Abhandlungen zum Marxismus immer wieder als solche über den Stand der „Entwicklung der spezifisch marxistischen Theorie“. Dabei blendeten sie häufig „einen wichtigen, wenngleich nicht leicht zu bestimmenden Bereich“ seiner Weltgeltung aus: „Wie Darwin und Freud gehört Marx zu der kleinen Gruppe von Denkern, deren Namen und Ideen in der einen oder anderen Form Eingang in die allgemeine Kultur der Moderne gefunden haben.“

So zeigt Hobsbawm, wie Karl Marx und Friedrich Engels die Arbeiterbewegung inspirierten – und wie sie gleichzeitig zu rasche Schlüsse zogen. Denn beide stützten ihre Zukunftserwartungen nicht auf eine Analyse des Kapitalismus, sondern auf Annahmen. Diese waren zwar „für eine Prognose mittlerer Reichweite exakt genug, doch langfristig nicht haltbar“: Die erhoffte Überwindung des Kapitalismus durch ein gewaltig anwachsendes Proletariat fand nicht statt; große Revolutionen ereigneten sich nicht in entwickelten Industriestaaten mit ihrer Vielzahl von Facharbeitern, sondern an den Peripherien wie Russland und China oder anderen Ländern einer später sogenannten Dritten Welt.

Gramsci statt Adorno oder Bloch

Eric Hobsbawm misst die Größe eines Denkers auch daran, welche Bedeutung er für Menschen hat, die ihn nie bewusst studierten. Deshalb widmet er Antonio Gramsci – und nicht Rosa Luxemburg oder Theodor W. Adorno, Ernst Bloch oder Georg Lukács – in diesem Buch eine Einzelstudie.

Antonio Gramsci, ein Intellektueller, der 1937 mit nur 46 Jahren starb, von denen er ein Jahrzehnt im Gefängnis verbringen musste, und der selbst zehn Jahre nach seinem Tod nur seinen alten Genossen aus den 1920er Jahren bekannt war, prägte Begriffe wie den der Hegemonie. Dieser, wie auch einige andere, haben, wenngleich erst seit den 1970er Jahren, Eingang in Debatten über Politik und Geschichte gefunden, sie werden sogar von Diskutanten verwendet, „die nichts von seinen Schriften gelesen haben“.

Antonio Gramsci schrieb für einen Marxisten „relativ wenig über wirtschaftliche Entwicklungen“, aber er schuf – strenggenommen – erstmalig eine marxistische Theorie der Politik. Er sei wie Machiavelli ein Denker „der Konstituierung und Transformation von Gesellschaften, nicht der konstitutionellen Details und schon gar nicht der Trivialitäten, mit denen sich diejenigen befassen, die für eine ganz bestimmte Lobby schreiben“.

Entwickelte bürgerliche Gesellschaften benützten „politische Arrangements“, um die bürgerliche Hegemonie zu stärken, „so dass Schlagworte wie die von der Verteidigung der Republik, von der Verteidigung der Demokratie […] Herrscher und Beherrschte aneinanderbinden zum einseitigen Vorteil und Nutzen der Herrschenden“. Die real existierenden sozialistischen Gesellschaften dagegen missachteten mehrheitswirksame politische Mittel – gestern wie heute. So seien in China in den letzten Jahren wichtige Entscheidungen, die das ganze Land betreffen, oftmals „aus den Auseinandersetzungen einer kleinen Gruppe von Herrschenden an der Spitze“ entstanden, „und allein schon das Wesen dieser Entscheidungen bleibt unklar, weil sie nie öffentlich diskutiert wurden“.

Hier läuft für Eric Hobsbawm etwas ganz grundsätzlich falsch, denn diese „Missachtung von Politik“ wirft für ihn die Frage auf: „Wie können wir erwarten, das menschliche Leben zu verändern, eine sozialistische Gesellschaft [...] zu schaffen, wenn die breite Masse der Menschen vom politischen Prozess ausgeschlossen ist?“ In dem kleinen, großen Wort „wir“ zeigt Eric Hobsbawm, dass er sich noch immer als Teil einer den Kapitalismus transformierenden, nicht nur reformierenden Bewegung sieht. Eine neue Politik und Bewegung hält er vor allem wegen der verheerenden Auswirkungen des modernen Kapitalismus auf die Biosphäre für notwendig. Hier liege dessen Achillesferse, nur könne man noch nicht sagen, wer den tödlichen Pfeil abschießt.

Eine Aufgabe der Intellektuellen sei es daher, „die Funktionsweisen eines Wirtschaftssystems sowohl historisch, als bestimmte Phase und nicht als Ende der Geschichte, als auch realistisch zu analysieren“, was heißt, „nicht im Hinblick auf ein ideales Marktgleichgewicht, sondern auf einen eingebauten Mechanismus, der immer wieder potentiell systemverändernde Krisen erzeugt“. Die Märkte gaben nicht einmal zwischen den größeren Krisen der bisherigen kapitalistischen Formationen gültige Antworten zur Lösung des zentralen Widerspruchs, „vor dem das 21. Jahrhundert steht: dass unbegrenztes und zunehmend durch Hochtechnologie generiertes Wirtschaftswachstum im Streben nach nicht nachhaltigem Profit zwar globalen Reichtum schafft, allerdings auf Kosten eines immer entbehrlicher werdenden Produktionsfaktors, nämlich der menschlichen Arbeitskraft, und […] der natürlichen Ressourcen unseres Planeten. Wirtschaftlicher und politischer Liberalismus, jeder für sich oder im Zusammenspiel, können die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht lösen.“ Eric Hobsbawm interpretiert deshalb Marx und den Marxismus, um zu verändern – und zeigt am Beispiel dieser vielstimmigen Denk-Richtung, was diese Ideen bislang bewegen konnten. Es ist, so seine Bilanz, an der Zeit, Marx endlich ernst zu nehmen.

 

Eric Hobsbawm, Wie man die Welt verändert, Über Marx und den Marxismus. Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, München 2012, 448 S., 27,90 Euro.

(aus: »Blätter« 9/2012, Seite 119-122)
Themen: Kapitalismus und Geschichte

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