Literatur und Politik: Die brasilianische Melange | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Literatur und Politik: Die brasilianische Melange

von Gerhard Drekonja-Kornat

Die Brasilianer sind da! 70 Autorinnen und Autoren sowie eine Hundertschaft von Verlegern, Journalisten, Lektoren und Übersetzern stürmen diesmal die Frankfurter Buchmesse, selbstbewusst, souverän, erfolgreich, als Vertreter eines Landes, welches den Status der „Unterentwicklung“ abstreift und Großmachtallüren zeigt. Was für ein Unterschied zum Jahr 1994, als Brasilien in Frankfurt schon einmal den Schwerpunkt gesetzt hat. Damals musste finanziell gefördert und verlegerisch geholfen werden. Doch binnen kürzester Zeit verpuffte die literarische Offensive. Fast alle damals vorgestellten, aus dem brasilianischen Portugiesisch ins Deutsche übersetzten Texte sind heute längst vergriffen oder wurden verramscht. Diesmal wollen die Brasilianer bleiben, aus eigener Kraft: Viele der neuen Übersetzungen verdanken wir daher direkt dem brasilianischen Kulturministerium.

Und in der Tat: Brasilien, was für ein Land! Von der Größe eines Kontinents, reich an Bodenschätzen, wirtschaftlichen Gütern, Wasser, Energie, Schönheit, bevölkert von fast 200 Millionen Menschen, in denen die kreativen Gene vieler Ethnien stecken: Indigene und Europäer, Afrikaner und Juden, Japaner und Libanesen, die Araber nicht zu vergessen. Sie alle sind heute stolze Brasilianer, die wissen, dass die Zukunft ihnen gehört – wenn jetzt nur nicht schwerwiegende Missgriffe passieren. Wieder einmal.

Brasiliens Geschichte dokumentiert zahlreiche Entwicklungsversuche, die immer wieder scheiterten. Deswegen der boshafte Satz, Brasilien sei das Land der Zukunft – und werde es auch immer bleiben.

Tapfer hielten wohlmeinende Autoren aus Europa dagegen, zumeist mit geographischen Texten. „Brasilien. Ein Land der Zukunft“ heißt ein 1912 in Stuttgart publizierter Text von Konsul Heinrich Schüler. Sollte Stefan Zweig 1936 (vor seinem ersten Brasilien-Besuch) das betreffende Exemplar in der Wiener Universitätsbibliothek eingesehen haben? Denn genau diesen Titel verwendete er für sein eigenes Brasilien-Buch, 1941 im exilierten Berman-Fischer Verlag in Stockholm herausgebracht. Darin feiert Zweig das Land, das ihm Exil gewährte, in überströmend dithyrambischen Sätzen. Ein Paradies winkt. Aber manches sei noch zu tun, meint Zweig. Für den entscheidenden Entwicklungssprung müsse eine „Transfusion von Blut und Kapital“ erfolgen – womit Zweig verschlüsselt jüdisches Blut und jüdisches Geld meinte. Denn der realistisch denkende Stefan Zweig misstraute Theodor Herzls Palästina-Projekt und hätte Brasilien oder die portugiesische Kolonie Angola als Zufluchtsort für Europas Juden vorgezogen. Alberto Dines, Journalist in São Paulo und unermüdlicher Zweig-Biograph, hat mit seinem 700 Seiten starken Band „Tod im Paradies“, 1976 auf Deutsch erschienen, diese bis dato nur vage Annahme präzise dokumentieren können.

Aber auch so kamen Vertreter aller Länder dieser Erde nach Brasilien, die in der Melange 150 unterschiedliche Hautschattierungen in den Statistikbögen angeben dürfen. Jene spezifische Mischung, im Zusammenspiel mit geopolitischen Vorteilen und körperbetontem Vitalismus, macht den Kern der brasilidade aus, zusammengehalten durch das positivistisch konnotierte Motto der Republikgründer ordem e progresso (Ordnung und Fortschritt) in der brasilianischen Flagge.

Eine Flankenhilfe erwartete man sich dabei stets von der Literatur. Indes, die ursprünglichen Versuche, Kopien aus Europa, Klassik, Romantik, französischer Parnass, Naturalismus, warfen zwar viele Texte aus, die aber nur wenig der eigenen Identitätsfindung nützten. Erst die in ganz Lateinamerika um 1900 auftauchende Kulturströmung des Modernismo – ein schillernder Begriff mit Erlaubnis für kühnere Schreibstile – ließ neue Profile aufkommen. 

Schluss mit dem sklavischen Kulturimport

Brasilien wagte sogar den Befreiungsschlag: Genau zur Hundertjahrfeier der brasilianischen Unabhängigkeit, in der Woche vom 13. zum 17. Februar 1922, organisierte São Paulos Schickeria, jubelnd unterstützt von Poeten, Malern, Intellektuellen, Philosophen, Aktionisten und frühen Futuristen, eine Semana de Arte Moderna – eine Woche der modernen Kunst, auch heute noch Brasiliens kulturelles Vorzeigeprojekt.

Schluss mit dem sklavischen Kulturimport aus Europa, lautete die Devise. „Was ist Wagner gegen den Karneval von Rio“, eiferte sich Oswaldo de Andrade, der befahl, Importliteratur durch Exportpoesie zu ersetzen. Dazu lieferte er viel Sprachexperimentelles und einfach Witziges, wie seine dem Tupy-Indio entlehnte Shakespeare-Parodie „Tupy or not Tupy that is the question“. Mit der 1928 initiierten Zeitschrift „Revista de Antropofagía“ (Menschenfresser-Zeitschrift) sowie mit dem „Manifesto Antropófago“ tastete er sich in eine Sphäre vor, wo ungeniert auch der Freudsche Diskurs (in São Paulo sehr wohl bekannt) einverleibt wurde. Damit nahmen die intellektuellen Wilden von São Paulo ansatzweise die postkoloniale Theorie vorweg: Fressen statt gefressen werden! Europäisches ist einzunehmen, zu verdauen und schließlich, bis auf das Brauchbare, auszuscheiden, auszuscheißen. Nur so sei Autonomie zu gewinnen und die Peripherie zu erlösen. Mário de Andrade, ein Autorenkollege, verfasste 1928 den anthropofagischen Schelmenroman „Macunaíma“ und verdinglichte damit alle diese Experimente im Gefolge der Semana de Arte Moderna in magische, zugleich urkomische Literatur.

Zwar ließ die Weltwirtschaftskrise nach 1929 viel von diesem spezifisch brasilianischen Modernismo verblassen, aber genug Türen blieben offen für eine nicht mehr provinzielle brasilianische Literatur. Echte Euphorie gab es zwar nur kurzzeitig, während der Präsidentschaft von Juscelino Kubitschek von 1956 bis 1961, der Brasilia als neue Hauptstadt durchboxte (was eine katastrophale Hyperinflation bewirkte). Doch alle ökonomischen Krisen, politischen Turbulenzen und autoritären Militärregime konnten die ersten bedeutenden Dekaden brasilianischer Literatur nicht verhindern. Eine starke Romanliteratur, mit Akzent auf Regionalismus (immer wieder taucht der sonnenverbrannte Nordeste auf) gewann internationale Aufmerksamkeit: Eríco Veríssimo, Graciliano Ramos, Rachel de Queiróz, José Lins do Rego, João Guimarães Rosa (dessen „Grande Sertão: Veredas“ von 1956 als Jahrhundertwerk gilt); parallel dazu die gefeierten Ethno-Literaten Gilberto Freyre und Darcy Ribeiro; vor allem auch die einzigartige Clarice Lispector. Bestseller schaffte freilich nur der immer auch klassenkämpferische Magier Jorge Amado, dessen burleske Figuren der brasilianischen Unterschicht entspringen, die er trotz ihrer Ausgrenzung stets vital und fröhlich zeichnet. Deutsche Fassungen jener epischen Romanliteratur verdanken wir einigen Übersetzer-Altmeistern wie dem begnadeten Curt Meyer-Clasen, der sensiblen Ray-Güde Mertin, dem geschichtskritischen Berthold Zilly. 

Modernisierung und Industrialisierung statt literarischer Sinnstiftung

Und doch verlor die klassische Literaturproduktion als Sinnlieferant nach 1950 vorübergehend an Boden. Modernisierung und Industrialisierung ließen ein anderes Brasilien wachsen, in dem Bankenkonsortien, imperiale Multimedia-Moguln, einflussreiche Zeitschriften und vor allem das Fernsehen – deren tägliche „Telenovelas“ eine faszinierende Trivialliteratur ausstoßen – variierende Definitionen von brasilidade lieferten.

Während der harschen Militärdikatur der Jahre 1964 bis 1985 geriet das literarische Schreiben überhaupt in den Verdacht der Subversion. Bücher wurden verboten. Schriftsteller flüchteten ins Ausland. Widerstand verlagerte sich ins Musikalische, wo der süße Bossa Nova zur proteststarken Música Popular Brasileiro mutierte, deren tropikalistischer Stil mit der vorangegangenen geruhsamen Ästhetik radikal brach, was die militärischen Zensoren – oft alternde Fußballspieler – regelrecht ins Schwitzen brachte.

Im Gefolge der „abertura“, der von Brasiliens Zivilgesellschaft erzwungenen Re-Demokratisierung, nach 1994 um eine monetäre Stabilisierung erweitert, bereitete sich das Wunder des Wirtschaftsbooms vor. Innerhalb der letzten zehn Jahre erlebte das Land eine an China erinnernde Expansion, die plötzlich eine grandiose Zukunft aufriss. Brasilien schaffte – jedenfalls statistisch – Vollbeschäftigung und stieg in die Liga der führenden Industrienationen auf. Politische Freiheiten, Demokratie und Wachstum beflügelten in der Folge das Kulturelle, was Gilberto Gil, afrobrasilianischer Sängerstar und 1994 Kulturminister, die bisherige Trennung zwischen Volkskultur und Hochkultur beseitigen ließ. Brasiliens jüngere Schriftsteller profitierten enorm davon. Für die im Boom aufsteigenden (finanziell immer noch prekären) Mittelschichten, die heute an die 90 Millionen Köpfe – also fast die Hälfte der Bevölkerung – zählen, wurde Lesen wichtig. Immer mehr Bücher werden gedruckt (aktuell 26 000 Titel im Jahr) und immer mehr gekauft.

Die Konsequenz: Junge Autorinnen und Autoren können dank Tantiemen, Lesungen, TV-Auftritten, Sponsoring oder Stipendien erstmals einigermaßen vom Schreiben leben. Neben der farblosen Buchmesse von Rio blühte in jüngsten Jahren das mitreißende Festival FLIP im Kolonialstädtchen Paraty südwestlich von Rio auf. Diese Fiesta Literária Internacional de Paraty vereinigt im Wintermonat Juli für fünf Tage junge Autoren mit Lesern, Übersetzern, Verlegern, Literaturfans, Künstlern und Cineasten zu einer kreativen Explosion, die auf das ganze Land ausstrahlt. Auch die afrobrasilianische Erzählweise (Sklaverei gab es in Brasilien noch bis 1888) tritt dort aus dem Schatten. Und sogar die literatura de cordel, die „Literatur von der Wäscheleine“ aus dem Nordosten, gereimte Balladen vorgetragen im heiseren Sing-Sang, von Akademikern lange als Schund verlacht, findet Beachtung.

Als eigene Gruppe treten dort auch die Enkel von deutschsprachigen Juden auf, die vor den Nazis nach Brasilien flüchten konnten. Clarice Lispector, ukrainisch-jüdischer Abstammung, hat ihnen den Weg geebnet. Dass diese Autorinnen und Autoren um ihre eigene Definition von brasilidade ringen, leuchtet ein: Luis S. Krausz, Ronaldo Wrobel, Bernardo Kucinski oder Moacyr Scliar bereichern das brasilianische Schreiben um jüdische Fabulierkunst, umrandet von schmerzenden Erinnerungen. 

Das junge literarische Brasilien und: Vor einem brasilianischem Frühling?

Brasiliens junge Autoren, alle durchweg universitär gebildet, spielen heute mit verschiedenen literarischen Stilen, pendeln zwischen Genres, meistern die Kurzgeschichte und gehen auch an metaliterarische Grenzen. Dank einer jungen Übersetzer-Generation (Michael Kerber, Marlen Eckl, Timo Berger) können wir neuerdings viel von ihnen auf Deutsch lesen.

Während die hispanoamerikanischen Autoren des sogenannten Boom (Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa etc.) im „magischen Realismus“ schwelgten, entstand in Brasilien die Praxis eines realismo violento. Viel davon wurzelt bei Ignacio de Loyola Brandão, bei dem das Thema des schwierigen Alltags für die aufsteigenden Mittelschichten in den Mega-Cities – die Reichen fliegen im Hubschrauber drüber – dominiert. In diesem Sinne schaffen die jungen Nachfolger eine spezifisch brasilianische Stadtliteratur, lakonisch, schnörkellos, ohne Larmoyanz, die alles Provinzielle abgestreift hat und transkulturelle Qualität zeigt, mit intellektuellen Verknüpfungen nach Japan oder Frankreich.

Ignacio de Loyola Brandão hat bereits in den 1980er Jahren unbarmherzig die literarische Apokalypse projiziert, indem er in „Kein Land wie dieses“ (deutsch 1986) ein São Paulo im Jahr 2000 schildert: Ein Pferch für 60 Millionen Menschen, die nur noch künstliche Nahrung konsumieren, da Natur und Landwirtschaft in Wüsten, vor denen grün bemalte Kartons hängen, untergingen. Erfreulicherweise blieb diese Vision auf dem Papier. Jedoch – der Alltag für die aufsteigenden Mittelschichten, die in verlotternden Infrastrukturen leben, von den Bewohnern der Favelas ganz zu schweigen, ist harsch genug. Darüber schreiben Brasiliens junge Autoren, nicht als Soziologen, sondern als literarische Dokumentaristen, so dass die Botschaft unverfälscht auf uns zukommen kann. Nach Abschluss der Frankfurter Buchmesse werden einige von ihnen – Luis Ruffato, Beatriz Bracher, João Paulo Cuenca – in deutschen Städten auftreten.

Deshalb: Hingehen und zuhören! Und vor allem fragen, was denn nun eigentlich los ist in Brasilien. Denn seit Juni dieses Jahres steht das Land Kopf. Massendemonstrationen entzauberten den Giganten. Ausgerechnet die beispiellosen wirtschaftlichen Erfolge der letzten Dekade haben nun die Schattenseiten des brasilianischen Wunders hervortreten lassen: Seit zwei Jahren schwächelt die Wirtschaft; eine neue Inflation zeigt ihr hässliches Gesicht. Dies trifft vor allem die Angehörigen der aufsteigenden Mittelschichten, die sich für lange begehrte Konsumgüter überschuldet haben und nun die hohen Kosten der öffentlichen (zudem miserabel funktionierenden) Dienstleistungen – Schulen, Spitäler, Wasser, Elektrizität, Verkehr – kaum noch begleichen können. Allem voran quälen die Menschen die überfüllten Busse des Nahverkehrs, der in privaten Unternehmerhänden liegt und dessen Preise zu den höchsten in der Welt zählen. Es war daher kein Zufall, dass ausgerechnet die gesetzlich dekretierte Anhebung der Fahrscheinpreise um 20 Centavos (rund sieben Eurocent) wie eine Lunte das Pulverfass entzündete. Brasiliens Städte explodierten in Massendemonstrationen, zusätzlich angeheizt durch die Milliarden, die für die Fußball-Weltmeisterschaft der Fifa-Oligarchie in den Hintern gesteckt werden. Prompt lautete eine der poetischen Forderungen der Protestierenden: „Schulen und Krankenhäuser mit Fifa-Standard!“[1]

Seitdem brodelt Brasiliens Zivilgesellschaft. „Globo“, Brasiliens gigantisches TV-Konglomerat, unterbrach erstmals in der Geschichte die tägliche Telenovela, um live von der Straße zu berichten. Längst ist es nicht mehr bei den Forderungen nach Bekämpfung der sagenhaften Korruption im Kongress und nach besseren staatlichen Einrichtungen und Dienstleistungen geblieben. Gegen die militärische Besetzung einiger Favelas zugunsten von Fußball und Olympia und polizeiliche Repression demonstrieren auch Homosexuelle, Transvestiten, Landlose, Indigene oder Favela-Bewohner – gemeinsam mit den „Durchschnittsbrasilianern“, die es im Schmelztiegel Brasilien ja eigentlich gar nicht gibt. Eher hilflos reagiert auf diese Protestkraft der – vorerst noch amorphen – Zivilgesellschaft die Präsidentin Dilma Rousseff, Vorsitzende einer ursprünglich revolutionären PT-Arbeiterpartei, aber letzthin eher der Großindustrie verpflichtet. Immerhin wurde die Preiserhöhung bei den Bussen zurückgenommen. Wie aber weiter? Das angebliche Wunderland Brasilien steht plötzlich zur Disposition. Bricht nun gar ein „brasilianischer Frühling“ aus? Es könnte also spannend werden – im Land der Fußball-WM und Olympiade. 

Brasilianische Literatur heute: Persönliche Lektüre-Empfehlungen des Autors 

Mário de Andrade, Macunaíma. Der Held ohne Charakter [1928], Übers. Curt Meyer-Clason, Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 217 S. Ein anthropofagischer Schelmenroman, der im brasilianischen Urwald beginnt und im urbanen Dschungel von São Paulo endet. Umwerfend komisch.

Jorge Amado, Die Werkstatt der Wunder, Roman, Übers. Karin von Schweder-Schreiner, Frankfurt a. M., S. Fischer Verlag 2012, 432 S. Nach der DDR-Edition nun eine sorgfältige Neu-Edition des Meisterwerkes von Amado. Eine augenzwinkernd erzählte Geschichte mit afrobrasilianischer Zauberei, bahianischer Küche, praller Erotik und Kampf gegen Rassismus.

Clarice Lispector, Nahe dem wilden Herzen, Übers. Ray-Güde Mertin, überarbeitet von Corinna Santa Cruz, Frankfurt a. M., Verlag Schöffling & Co 2013, 320 S. Der Schöffling Verlag bereitet eine deutsche Werkausgabe der einzigartigen brasilianischen Autorin mit ihrer intimistischen Prosa vor, die zwischen Frauenemanzipation und Judentum pendelt.

João Ubaldo Ribeiro, Brasilien Brasilien, Roman, Übers. von Curt Meyer-Clason und Jacob Deutsch, Berlin, Suhrkamp Verlag 2013, 730 S. Brasiliens Geschichte als turbulentes Abenteuer atemlos erzählt, mit allen Stärken, aber auch Widersprüchen des Landes.

Popcorn unterm Zuckerhut. Junge brasilianische Literatur, ediert von Timo Berger, Berlin, Verlag K. Wagenbach 2013, 141 S. Brasiliens junge Autoren erweisen sich als Meister der Kurzgeschichte, die im urbanen Ambiente besonders wirkt.

Daniel Galera, Flut, Roman, Übers. Nicolai von Schweder-Schreiner, Berlin, Suhrkamp Verlag 2013, 423 S. Der Held wandert durch die Landschaften Süd-Brasiliens auf der Suche nach einem Großvater, den sein Selbstmord-Vater verleugnet. Klarsichtige, an Musil erinnernde Prosa.

Patrícia Melo, Leichendieb, Übers. Barbara Mesquita, Stuttgart, J.G. Cotta‘sche Buchhandlung 2013, 202 S. Der Tunichtgut-Held findet im abgestürzten Sportflugzeug nicht nur den toten Piloten, sondern auch einen Rucksack voller Kokain. Kann er der Versuchung widerstehen? Ein Beinahe-Krimi mit Happy End.

Moacyr Scliar, Kafkas Leoparden, Übersetzung und Nachwort von Michael Kegler, Düsseldorf, Lilienfeld Verlag 2013, 160 S. Ein Büttel der Militärregierung findet bei einem Oppositionellen einen Zettel mit einem Satz eines gewissen Franz Kafka und verlangt dessen sofortige Untersuchung, da im rätselhaften Deutsch eine subversive Botschaft vermutet wird. Eine meisterhafte „kafkaeske“ Geschichte.

Luis S. Krausz, Verbannung. Erinnerung in Trümmern, Übers. Manfred von Conta, Berlin, Hentrich & Hentrich 2013, 165 S. Dokumentation eines speziellen Mikrokosmos von Brasilien-Einwanderern, nämlich der bürgerlichen österreichischen und deutschen Juden auf der Flucht vor Hitler. Der Autor entstammt selber einer jüdischen Familie aus Wien.

Luis Ruffato, Es waren viele Pferde, Übers. Michael Kegler, Berlin und Hamburg, Assoziation A 2012, 158 S. Literarische Collagen über Schicksale in São Paulo auf der Basis von Zeitungsausschnitten. Ein normaler Tag im Mai mit wenig Glanz und viel Elend, Gewalt, Hass, Angst.

Beatriz Bracher, Antonio, Übers. Maria Hummitzsch, Berlin und Hamburg, Assoziation A 2013, 192 S. Die in Hispanoamerika so beliebte Familienchronik auf den Kopf gestellt: Der „Held“ Antonio ist noch nicht geboren. Damit er eine Zukunft hat, müssen Vergangenheiten rekonstruiert werden, wobei der Wandel in Brasiliens Gesellschaft überzeugend herauskommt.

Dawid Danilo Bartelt, Copacabana. Biographie eines Sehnsuchtsortes, Berlin, Verlag K. Wagenbach 2013, 221 S. Was auf den ersten Blick wie ein Touristenführer aussieht, entpuppt sich als glänzend geschriebene, unterhaltsame Kulturgeschichte von Rio. Der ideale Begleiter im Flugzeug nach Brasilien.


[1] Vgl. Janna Greve, Brasilien: Volksaufstand statt Fußballfest, in: „Blätter“, 8/2013, S. 25-28.

 

(aus: »Blätter« 10/2013, Seite 115-120)
Themen: Lateinamerika, Geschichte und Kultur

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