Sieg der Maskulinisten | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb
Emanzipation oder Backlash

Sieg der Maskulinisten

von Geraldine Carrara

Wie hieß es früher noch so schön: „Stell Dir vor“, und wir fahren ganz aktuell fort, „alle sprechen von der Frauenquote, und dabei ist die gar nicht nötig.“ Was wär das schön! Doch leider muss man heute eher bilanzieren: „Alle sprechen von der Frauenquote – dabei ist überhaupt keine geplant!“

Dennoch besteht eine gewisse Zufriedenheit selbst unter Feministinnen, dass nach jahrelangem Stillstand und lächerlichen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft nun endlich eine gesetzliche Frauenquote auf den Weg gebracht ist – und das trotz der Enttäuschung über die sparsame Zielmarke von nur 30 Prozent und obwohl die Quote gerade einmal für etwa 100 Unternehmen gelten soll.

Aber, bei aller Bescheidenheit – wir haben uns zu früh gefreut: Niemand plant eine Frauenquote! In den bisher statt eines Gesetzentwurfs vorgelegten Leitlinien ist an keiner Stelle von einer solchen die Rede. Stattdessen plant die Bundesregierung lediglich eine „Geschlechterquote“. So heißt es zur Besetzung von Aufsichtsräten: „Die Mindestquote von 30 Prozent für jedes Geschlecht ist [...] gesondert einzuhalten.“

Was aber, fragen sich an dieser Stelle Gutmeinende, soll an dieser Form der Gleichberechtigung nun so schlimm sein? Läuft das im Ergebnis nicht auf dasselbe heraus? Keineswegs! Hier geht es nicht um semantische Feinheiten oder steifes Juristinnendeutsch, sondern um einen echten Abschied von der Grundidee der Frauenquote, die da hieß: Bekämpfen wir die berufliche Diskriminierung von Frauen!

Stattdessen heißt es zur Reform des Bundesgleichstellungsgesetzes: Durch die geschlechtsneutrale Formulierung „wird ermöglicht, dass je nach Stand der Gleichstellung stets das Geschlecht angesprochen und gefördert wird, das in den jeweiligen Bereichen benachteiligt bzw. unterrepräsentiert ist.“

Ja, geht’s noch? Als ob heute mal das eine, mal das andere Geschlecht diskriminiert würde. Deutlicher kann man an den strukturellen Realitäten wohl nicht vorbeischielen: Denn ohne weitere explizit frauenfördernde Maßnahmen würde es beim jetzigen Tempo noch Jahrzehnte dauern, bis Frauen überhaupt je die gleichen Karrierechancen hätten wie Männer. Die Große Koalition tut dagegen so, als könnte eine Umkehrung der Geschlechterverhältnisse über uns hereinbrechen wie ein Sommergewitter, ja, als wäre jederzeit mit einem Matriarchat zu rechnen.

Nein, es geht bei der Frauenquote nicht um den Ausgleich in angeblich zufällig besetzten Gremien. Es geht auch nicht um den Erhalt irgendeiner geschlechtsspezifischen Sichtweise. Die Quote ist einzig und allein als Antidiskriminierungsmaßnahme für Frauen gedacht – und nur als solche zu rechtfertigen. Denn eine vergleichbare strukturelle Benachteiligung von Männern ist nicht ersichtlich. Ist dagegen die strukturelle Diskriminierung von Frauen eines Tages endlich überwunden, kann und muss auch die Quote wieder abgeschafft werden.

Doch ausgerechnet zwei SPD-geführte Ministerien opfern nun das feministisch geprägte rot-grüne Bundesgleichstellungsgesetz den Maskulinisten. Sie machen den Kniefall vor den gruseligsten Antifeministen. Manuela Schwesig und Heiko Maas fehlt ganz offensichtlich der Mumm, eindeutig Stellung zu beziehen und klar zu sagen: Ja, wir fördern gezielt Frauen, denn sie werden in dieser Gesellschaft nach wie vor diskriminiert. Daran zeigt sich: Mehr Frauen in Aufsichtsräten sind gewiss erstrebenswert. Aber was dieses Land vor allem braucht, ist ein klares Bekenntnis zum Feminismus!

(aus: »Blätter« 12/2014, Seite 84-84)
Themen: Arbeit, Feminismus und Recht

top