Ausgabe Juni 2014

Die Legende vom griechischen Schummeln

In der letzten Ausgabe der »Blätter« zeichneten David Stuckler und Sanjay Basu ein verheerendes Bild des griechischen Gesundheitssystems. Ihr Beitrag verkenne jedoch die eigentliche Genese der griechischen Krise, meint Griechenland-Experte Niels Kadritzke. 

Will man die gesellschaftlichen Verwerfungen in Griechenland wirklich verstehen, ist die richtige Analyse der griechischen Wirtschaftskrise der letzten fünf Jahre von zentraler Bedeutung. Insofern soll nicht die zutreffende Schilderung der dramatischen Krise des griechischen Gesundheitssystems durch Stuckler und Basu in Frage gestellt werden, wohl aber ihre Skizze der wirtschaftlichen Entwicklung Griechenlands und der historischen Abfolge des Krisengeschehens.

Dieses hat sich vor dem Hintergrund des griechischen Beitritts zur Europäischen Union im Jahr 1981 und zur Eurozone im Jahr 2001 entfaltet. Erstaunlicherweise transportieren die Autoren dabei die Legende, die seit einiger Zeit zum Standardrepertoire des Griechenbashings gehört: Athen habe sich den Beitritt zur Europäischen Währungsunion durch Verschleierung der wahren Staatsverschuldung erschlichen, ja sogar erschummelt. „Die Daten zur griechischen Schuldenlast waren manipuliert worden, um den Anschein zu erwecken, Griechenland erfülle die Kriterien für eine Aufnahme in die Währungsunion“, heißt es bei Stuckler/Basu.

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema