Ausgabe März 2014

Der Bruch des Beschweigens

Ein Nachruf auf Reinhard Kühnl (1936 - 2014)

Das große Beschweigen des Faschismus nach Kriegsende zu durchbrechen, war riskant. Denn hinter diesem Schweigen steckte auch eine interessierte und durchaus handlungsfähige Mixtur aus alt-neuer Macht. Zum Gründungsverständnis der „Blätter“ gehörte, dieses Risiko einzugehen: Seit 1967 veröffentlichten sie ein halbes Hundert Beiträge von Reinhard Kühnl. Diese trugen dazu bei, dem Schweigen ein Ende zu setzen. Von 1972 bis 2011 gehörte Reinhard Kühnl auch zum Kreis der Herausgeber. In den letzten Jahren jedoch hatte er sich mehr und mehr zurückgezogen. Er war an Alzheimer erkrankt. Am Morgen des 10. Februar 2014 ist Reinhard Kühnl im Alter von 77 Jahren gestorben.

Historische Faschismusforschung, theoretische Faschismusanalyse und die Entwicklung der politischen Rechten waren Kühnls zentrale Themen. Er sprach über Faschismus und schwieg dabei weder über den Kapitalismus noch über die bürgerliche Bestimmtheit der Gesellschaft, aus der er kam und kommt – bis heute ein doppeltes Skandalon. Seine große Tabuverletzung, das Zusammenbinden von Liberalismus und Faschismus als „Formen bürgerlicher Herrschaft“ (1971), thematisierte er seit Ende der 90er Jahre neu – mit besonderem Augenmerk auf die Transformation des Liberalismus zum Neoliberalismus. Reinhard Kühnl verstand Wissenschaft als begreifende, eingreifende und dann auch als radikale, demokratiepolitische, marxistische Analyse, als Bildung und gesellschaftliche Praxis, die zugleich den Zustand von Wissenschaft und Hochschule verändern sollte. Diese Position hat er seit Mitte der 60er Jahre als Assistent von Wolfgang Abendroth und in seiner Zeit als Hochschullehrer von 1971 bis 2001 als Arbeits- und Lebensmaxime vertreten – auch in den „Blättern“, die immer wichtig für ihn waren.

Es mit der öffentlichen und kritischen Wissenschaft zu halten, ist nicht einfach, wenn Staats- und Marktmacht Geheimhaltung und private Plusmacherei zur anerkannten Allerweltspriorität machen. Dagegen hilft eine einfache Methode: Wer gut verstanden wird, weil er einfach spricht, ohne zu vereinfachen und zu verletzen, stachelt zur Neugier an – auf Gründe, Zusammenhänge und Begründungen. Diese Kunst beherrschte Reinhard Kühnl wie kaum ein anderer. So fand sich bei ihm auch ein recht seltenes Publikum ein: Gewerkschaftler, Schüler, Volkshochschulbesucher, Demonstranten, Radikale und Liberale – vielleicht auch eine Erklärung dafür, dass seine Bücher hunderttausendfach aufgelegt wurden. Und wer diese Neugier verknüpft mit einem widerständigen Optimismus, der verwandelt oft Zuhörer und Lesende zu Schülern, Mitstreitern, Genossen und Genossinnen.

„Wenn wir WissenschaftlerInnen heute dem Zeitgeist widerstehen“, schrieb er in einem Beitrag aus dem Jahr 1995, „riskieren wir allenfalls akademische Karriere, Forschungsgelder, öffentliche Anerkennung und die Teilnahme an Talkshows. Und dieses Risiko ist unsere Sache schon wert. Denn für die Sicherung einer menschenwürdigen Zukunft brauchen wir die Wahrheit über die Vergangenheit. In unserem Lande gerade die Wahrheit über Faschismus und Widerstand.“

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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