Ausgabe Mai 2014

Ein Leben für den Frieden

Ein Nachruf auf Karlheinz Koppe (1929-2014)

Am 9. Mai wäre Karlheinz Koppe 85 Jahre alt geworden. Und vor zehn Jahren sagte er an dieser Stelle als „Europäer der ersten Stunde“ im Gespräch mit den „Blättern“, deren Geschicke er von 1990 bis 2012 als Vorsitzender ihres Fördervereins maßgeblich begleitet hat: „Dieses Deutschland ist militärisch keine Bedrohung mehr für andere europäische Staaten, geschweige denn für Staaten außerhalb Europas. Aber Deutschland ist in anderer Weise eine nach wie vor beunruhigende Größe: Wir sind nun einmal das bevölkerungsreichste, wirtschaftlich und industriell stärkste Land in Europa. Auch ohne die Erinnerung an die beiden Weltkriege bestehen deshalb Befürchtungen hinsichtlich der Macht und damit auch der Politik Deutschlands.“[1]

Das war lange vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Demokratie, Ökonomie und Frieden zusammen zu denken und daraus ein wissenschaftliches Programm und einen institutionellen Rahmen zu zimmern – das war eine, wenn nicht die großartige Lebensleistung von Karlheinz Koppe. Er übernahm 1972, als ein frischer Wind durch die Republik wehte, die Leitung und den Aufbau der von Gustav Heinemann initiierten Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK). Das brachte ihn auch in die Sicherheitspolitische Kommission der SPD, wo unter Egon Bahrs Ägide die Konturen der Neuen Ostpolitik entstanden und sich die Kontroversen um die Nachrüstungsdebatte anbahnten, die in den 80er Jahren die größte deutsche außerparlamentarische Bewegung hervorriefen.

Im Koordinierungsausschuss (KA), der für die Aushandlung des politischen Konsenses der Bewegung und der Demonstrationsrouten diesseits und jenseits des Bonner Hofgartens zuständig war, lernten wir uns 1983 kennen und schätzen. Klar in der Sache, klug und sensibel bei der Kompromisssuche, humorvoll im Umgang – mit Karlheinz Koppe, der als Vertreter für Pax Christi im KA wirkte, machte es Spaß zusammenzuarbeiten und einen Regenschirm vor Willy Brandt‘s Rednerpult aufzuspannen, um autonom fliegende Tomaten und Eier abzuwehren. Es entstand so eine der engsten und verlässlichsten Arbeitsbeziehungen und Freundschaften meines Berufslebens.

Seine Verbitterung darüber, dass Helmut Kohl nach dem Regierungswechsel 1983 der DGFK die politische und materielle Unterstützung entzog, konnte Koppe relativ schnell und effektiv ummünzen in eine praxisnahe Vermittlungs- und Informationskonzeption der Arbeitsstelle Friedensforschung Bonn (AFB), deren Leiter er bis zu seiner Pensionierung 1994 wurde und an die sich drei Jahre Ehrenamt als Generalsekretär der International Peace Research Association (IPRA) anschlossen. Der Abschwung der Bewegung, die regierungsoffizielle Ignoranz gegenüber der Friedensforschung und nicht zuletzt das Ende des Ost-West-Konfliktes als neuer internationaler Impuls veranlassten zu einer intensiveren konzeptionellen Arbeit an den Begriffen der Friedenswissenschaft und am Ausbau der in Deutschland vergleichsweise unbedarften Lehr- und Forschungslandschaft. Selbst von 1987 bis 2000 Lehrbeauftragter an der Universität Münster, erschienen nun zahlreiche Publikationen und Beiträge für Lehrbücher aus Karlheinz Koppes Feder: „Von vielen FriedensforscherInnen [wird] der Begriff Frieden mehr oder weniger eng auf den Zustand der internationalen Beziehungen bezogen und die damit zusammenhängende Sicherheitsproblematik ebenfalls mehr oder weniger eng militärisch/territorial interpretiert. Dies wird nur scheinbar durch den Verweis auf den Gegenbegriff von Frieden, nämlich Krieg, bestätigt, denn schon beim Begriff ‚Bürgerkrieg’ zögern wir, den entsprechenden Gegenbegriff zu benutzen: ‚Bürgerfrieden’, was in der Tat innerem Frieden und sozialer (innerer) Sicherheit sehr nahe käme. Hilfsbegriffe wie ‚negativer Frieden’, ‚positiver Frieden’ und ‚Gerechtigkeit’ geben das, was zum Ausdruck gebracht werden soll, nur unvollkommen wider.“[2]

Das Ringen um begriffliche Klärungen ging mit der für viele enttäuschenden Erfahrung einher, dass die nach dem Kalten Krieg erhoffte Friedensdividende ausblieb und angesichts neuer Gewaltkonflikte schnell geradezu eine Renaissance militärischer Logik erkennbar wurde. Das provozierte Pazifisten wie Koppe: „Es gibt keinen ‚gerechten Krieg’ und hat ihn nie gegeben!“[3] Angesichts von Opportunismus und moralischen Doppelstandards, die im Hintergrund der Menschenrechtsverteidigung und Demokratieförderung sichtbar wurden, warnte er früh vor einem neuen Interventionismus. Als ihm 1990 der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen werden sollte, lehnte er in höflicher, aber bestimmter Form ab: „Der entscheidende Grund [...] ist indessen der Umstand, dass ich mich in unserer Republik seit ihrer Gründung als Pazifist diffamiert fühle. Ich lehne seit meinen Erfahrungen als Soldat der Wehrmacht während der letzten Kriegswochen jede Form militärischer Gewalt ab, weil jede Gewalt Gegengewalt erzeugt, zerstört statt zu versöhnen.“[4]

Seine Unbedingtheit in ethischen Grundüberzeugungen war verbunden mit einem rationalen, zuweilen ironisch-fröhlichen Pragmatismus den Widrigkeiten des politischen Alltags gegenüber. Wem es nach einigen Wochen als Kindersoldat und Hitlers „letztes Aufgebot“ gelungen war, sich noch vor dem 16. Geburtstag, der mit der Kapitulation des Deutschen Reiches zusammenfiel, erfolgreich von der Truppe zu entfernen, konnte auch als bekennender Agnostiker leitende Positionen in der katholischen Bewegung einnehmen, bei Pax Christi, Justitia et Pax und im Zentralkommitee deutscher Katholiken. Und der konnte auch ohne akademische Grade (Doktor- und Professorentitel kamen erst als sehr späte Anerkennung, 1995 bzw. 2001) eine wissenschaftliche Gesellschaft aufbauen und über viele Jahre eine von den Studierenden sehr geschätzte Lehre veranstalten.

Karlheinz Koppe war ein höchst eigenwilliger, wenig eitler, unendlich engagierter Interpret und Initiator von Friedensbewegung. Wenn man ihn und Helene, seine Frau und Unterstützerin der gleichen Sache, in den letzten Jahren in ihrem Bonner Haus mit den vielen Schätzen aus den internationalen Zeiten besuchte, war da auch Schwermut spürbar über eine chronische Krankheit und zunehmende Unbeweglichkeit. Dem undogmatischen Freimaurer blieb am Ende nicht mehr viel Zeit. Das wusste er.

In großer Dankbarkeit dafür, dass wir solange und intensiv mit ihm zusammenarbeiten durften, nehmen wir Abschied.

 

[1] Karlheinz Koppe, Europäer der ersten Stunde. „Blätter“-Gespräch, in: „Blätter“, 5/2004, S. 614-623, hier: S. 621. 

[2] Ders., Exkurs zum Friedensbegriff in der Friedenswissenschaft, in: „Wissenschaft und Frieden“, 3/1990, www.wissenschaft-und-frieden.de. 

[3] Ders., Es gibt keinen „gerechten“ Krieg und hat ihn nie gegeben, in: „Wissenschaft und Frieden“, 1/1994, www.wissenschaft-und-frieden.de. 

[4] Ders., Dreimal getauft und Mensch geblieben, Berlin 2004, S. 202. 

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