Berlin oder: Die Dödel vom Dienst | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Berlin oder: Die Dödel vom Dienst

<span class="fcredit">Foto: <a href="wirwollendiespiele.de" target="_blank">Stadt Berlin</a></span> Foto: Stadt Berlin

von Albrecht von Lucke

"Dit is ja nochma jutjejangen“, mag sich der brave Michael Müller heimlich gedacht haben, als sich das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes für Hamburg aussprach und damit Müllers größte Sorgen beerdigte. „NOlympia 2024“ in Berlin, was für ein Glück für den neuen Regierenden! Schließlich hatte noch olle Wowereit seinem Nachfolger dieses faule Ei ins Nest gelegt. Immer getreu der alten Berliner Devise: „Haste eene Baustelle, mach ne zweete uff, dit lenkt ab.“

Einen kongenialen Chefplaner hätte Müller allerdings schon zur Hand gehabt. Denn passend zur Olympia-Bewerbung nahm Hartmut Mehdorn Abschied als BER-Chef. Natürlich nicht ohne warme Worte für die Hinterbliebenen: „Machen Sie aus dem BER einen erfolgreichen, florierenden Flughafen, der Berlin, Brandenburg und Deutschland gut zu Gesicht steht”, schrieb der 72jährige Alt-Berliner in seinem „Abschiedsbrief“ an die treuen Mitarbeiter. „Das ist schon längst mehr als ein Job – das ist eine nationale Aufgabe. Sie schaffen das!“

Wie mitfühlend und aufmunternd! Fragt sich nur, warum Mehdorn selbst diese „nationale Aufgabe“ nach nur zwei Jahren hingeschmissen hat. Aber nein: „Ich habe nicht hingeworfen, ich lege nieder“, stellt der Manager unbeirrbar fest. „Wir haben in den zurückliegenden beiden Jahren viel erreicht”, betont Mehdorn. Es bleibe aber noch genug Arbeit. Wer hätte das gedacht! Doch immerhin habe man das havarierte Großprojekt wieder flott bekommen. Berlin selbst hat davon allerdings nichts mitgekriegt. Noch immer ist das BER-Gelände eine einzige Bauruine, tot von innen wie von außen.

Weit besser ist dagegen in Erinnerung, dass Mehdorn schon nach hundert Tagen zugeben musste, dass er die Probleme unterschätzt habe: „Im Moment ist es so, als ob man in einem Sportwagen sitzen würde. Mordslärm, Qualm, die Räder drehen durch – aber das Auto bewegt sich nicht.“ Da trifft es sich gut, dass mit Karsten Mühlenfeld ein ehemaliger Rolls-Royce-Manager zum Nachfolger als „Dödel vom Dienst“ (Mehdorn) erkoren wurde. Zwei Wochen will der alte Chef nun den neuen in seinen Hightech-Flughafen einarbeiten. Spötter sagen, zwei Stunden täten‘s auch. Denn wo immer auch der „kleine Dicke“ (Mehdorn über Mehdorn) anfängt, am Ende fehlt was. So war nach seinen neun Jahren als Bahnchef das Dach des Berliner Hauptbahnhofs glatt ein gutes Stück zu kurz geraten.

Wie aber lautet nun Mehdorns Vermächtnis in der „nationalen Aufgabe“? „Der BER wird im zweiten Halbjahr 2017 eröffnet.“ Was für ein Wort! Der gemeine Berliner glaubt dagegen schon lange nicht mehr an den Pannen-Airport: 40 Prozent wollen ihn am liebsten gar nicht mehr fertig bauen. Erst einmal soll der BER jedoch weitere 1,1 Mrd. Euro aus öffentlichen Kassen erhalten. Die Kosten für den – einstmals, so es denn klappt – drittgrößten deutschen Flughafen liegen damit heute bereits bei 5,4 Mrd. Euro; davon stammen 3 Mrd. aus der öffentlichen Hand. Eine ganze Menge angesichts der Tatsache, dass der Flughafen bei einer Eröffnung 2017 schon wieder viel zu klein wäre.

Bis zur Austragung der Olympischen Spiele im Jahr 2024 hätte man dann wahrscheinlich gleich einen neuen bauen können. „Berlin kann Olympia!?“ Was für ein Quatsch! Oder typisch Berlin eben. Denn wie wusste schon der große Kurt Tucholsky: „Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt."

(aus: »Blätter« 4/2015, Seite 84-84)
Themen: Technologiepolitik und Demokratie

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