Ausgabe April 2016

Osteuropa: Vielfalt statt Einfalt

In der Januar-Ausgabe der »Blätter« übte Helmut Fehr heftige Kritik an der autoritären Entwicklung der vier Visegrád-Staaten, insbesondere Ungarns und Polens, aber auch Tschechiens und der Slowakei. Eine einseitige Sicht und ahistorische Verengung des Blicks sieht darin die deutsch-tschechische Publizistin Alena Wagnerová.

Das Verhältnis der postsozialistischen Länder Mittel- und Osteuropas gegenüber dem Westen nach 1989 lässt sich mit zwei Worten erfassen: Einholen und Rückkehren. Spielt sich das Einholen zwischen zwei ungleichen Partnern ab, dann bedeutet die Rückkehr nur die Wiederherstellung einer ursprünglichen Gleichheit, die – aus welchen Gründen auch immer – gestört wurde.[1] Und sagen wir es gleich: Je weiter östlich eines der postsozialistischen Länder liegt, umso weniger ging es nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems um eine Rückkehr als vielmehr um ein Einholen. Das Einholen setzt allerdings voraus, dass der Einzuholende, in diesem Fall der Westen, dem anderen voraus ist. Nur solange der Einzuholende für den Einholenden einen besseren Teil der Welt darstellt – besetzt mit Attributen wie modern, fortschrittlich, wohlhabend, demokratisch, frei –, erscheint der Prozess des Einholens erstrebenswert und wird verfolgt.

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Aktuelle Ausgabe Januar 2026

In der Januar-Ausgabe skizziert der Journalist David Brooks, wie die so dringend nötige Massenbewegung gegen den Trumpismus entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies erörtert, ob die Demokratie in den USA in ihrem 250. Jubiläumsjahr noch gesichert ist – und wie sie in Deutschland geschützt werden kann. Der Politikwissenschaftler Sven Altenburger beleuchtet die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht – und deren bürgerlich-demokratische Grundlagen. Der Sinologe Lucas Brang analysiert Pekings neue Friedensdiplomatie und erörtert, welche Antwort Europa darauf finden sollte. Die Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres erläutern, warum die Abhängigkeit von Öl und Gas Europas Sicherheit gefährdet und wie wir ihr entkommen. Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski erklärt, wie wir im Umgang mit Künstlicher Intelligenz unsere Fähigkeit zum kritischen Denken bewahren können. Und die Soziologin Judith Kohlenberger plädiert für eine »Politik der Empathie« – als ein Schlüssel zur Bekämpfung autoritärer, illiberaler Tendenzen in unserer Gesellschaft.

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