Ausgabe November 2016

»Lasst sie doch absaufen«, Teil 1

Umweltrassismus und das Ende der Heimat

Edward Said war kein tree-hugger – keiner, der Bäume umarmt oder sich zu ihrem Schutz an sie kettet. Er, der von Händlern, Handwerkern und Akademikern abstammte, charakterisierte sich selbst einmal als „Extremfall eines verstädterten Palästinensers, dessen Verhältnis zur ländlichen Welt im Grunde rein metaphorischer Art ist“. In „After the Last Sky“, seiner Meditation über die Fotografien Jean Mohrs, erforschte er palästinensisches Leben bis in seine intimsten Aspekte hinein, von der Gastfreundschaft über den Sport bis hin zu Lebensstil und häuslichem Ambiente. Noch das kleinste Detail – die Hängung eines gerahmten Bildes, die Trotzhaltung eines Kindes – löste eine wahre Sturzflut Saidscher Einsichten aus. Doch vor Bildern von palästinensischen Bauern – wie sie mit ihrem Vieh umgingen oder Feldarbeit verrichteten – verflüchtigte sich Saids Beobachtungsgabe. Welche Getreidesorten wurden da angebaut? Wie war die Bodenqualität? Gab es genug Wasser? Da kam rein gar nichts. „Ich sehe immer nur ein Volk armer, leidender Bauern, manchmal als Farbfleck, aber unwandelbar und kollektiv“, gestand er. Das sei, wie er zugab, eine „mythische“ Wahrnehmung – aber er wurde sie nicht los.

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In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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