Bild: Fatima Popovac fordert Aufklärung: Ihr sechsjähriger Sohn Adnan wurde von einem Scharschützen in Sarajevo im Krieg getötet (IMAGO / Anadolu Agency)
Sie wirken sanft, die grünen Hügel über Sarajevo. Während des Bosnienkrieges bildeten sie jedoch eine monströse Bedrohung. Von dort oben, mit Blick über die gesamte Stadt, feuerten serbische Einheiten von 1992 bis 1996 auf Wohngebäude, auf Frauen und Kinder, auf Alte und Kranke. Nirgendwo gab es Sicherheit, nicht beim Anstehen für Wasser, nicht beim täglichen Kampf um die knappen Lebensmittel. Mehr als 11 000 Zivilist:innen wurden durch Sniper- und Granatangriffe getötet.
Die bosnische Hauptstadt war so lange eingekesselt wie keine andere Stadt in der modernen Militärhistorie: 1425 lange Tage. Bis heute ist die Brachialität der Belagerung an den Häuserwänden sichtbar, immer wieder stößt man auf Einschusslöcher und abgefetzte Mauerteile – auch 30 Jahre nach Ende der Kampfhandlungen.
Die Hauptverkehrsader im Zentrum, die sich entlang des Flüsschens Miljacka Richtung Flughafen erstreckt, erhielt damals den Namen »Sniper Alley«. In mehreren Urteilen des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) spiegelt sich die Grausamkeit der Scharfschützen wider. So wurden der bosnisch-serbische General Ratko Mladić und der damalige Präsident der »Republika Srpska«, Radovan Karadzić, nicht nur wegen des Völkermordes im ostbosnischen Srebrenica zu langen Haftstrafen verurteilt, sondern zusammen mit zwei weiteren Militärs auch für die Verbrechen im Zusammenhang mit der Belagerung Sarajevos.
Gleich zweimal, im Februar 1994 und im August 1995, wurde der bekannte »Markale«, der Marktplatz im Herzen Sarajevos schwer getroffen, Dutzende Zivilist:innen starben. Ein Polizist, der den Beschuss des Marktes untersucht hatte, gab später zu Protokoll, das Geschehen habe ihn an »den letzten, tiefsten Kreis von Dantes Inferno« erinnert.[1] Für die Bevölkerung waren die systematischen Angriffe ein nicht enden wollender Alptraum. Zeug:innen bei den Vernehmungen in Den Haag beschrieben ihre permanente Todesangst. Unter den Opfern der Sniper-Attacken waren auch 1600 Kinder.
Orchestriert wurden die Angriffe in Pale, etwa 20 Autominuten von Sarajevo entfernt. Dort unterhielten die bosnischen Serben ihre Kommandozentrale, von dort wurde die Vertreibungspolitik gegen alle Nichtserb:innen in der neu ausgerufenen »Republika Srpska« vorangetrieben.
Gut 30 Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Dayton, mit dem der Bosnienkrieg im November 1995 beendet wurde, sorgen die Sniper-Verbrechen neuerlich für Schlagzeilen. Italienische Medien berichteten Ende 2025, dass die Staatsanwaltschaft Mailand gegen mutmaßliche italienische Täter ermittele, die für Summen von bis zu 100 000 Euro von den bosnischen Serben über Triest und Belgrad zu den Belagerungsringen um Sarajevo gebracht worden seien. Der Verdacht: Statt auf Großwildjagd in Afrika gingen sie auf Menschenjagd in Bosnien.
Die »Wochenend-Četniks«
Den Fall juristisch ins Rollen gebracht hatte der italienische Journalist Ezio Gavazzeni. Nun liegt der Fall beim Büro für Spezielle Angelegenheiten der Carabinieri. Grundlage für die Recherche war der 2022 erstmals gezeigte Dokumentarfilm »Sarajevo safari« des slowenischen Filmautors Miran Zupanič. Der Film schildert, wie die Jagd auf die Einwohner:innen Sarajevos für Waffennarren und Menschenhasser zum perversen Volkssport wurde.
Als wichtiger Kronzeuge für die Recherchen gilt der ehemalige bosnische Geheimdienstmitarbeiter Edin Subašić. Er berichtet in mehreren Medien, dass ein serbischer Freiwilliger Ende 1993 Angaben zu Ausländern gemacht habe, die nach Bosnien gekommen seien, um sich an der Gewaltorgie zu beteiligen. Dabei handelte es sich nicht um die üblichen Söldner aus Rumänien, Russland und Griechenland, die für die serbischen Einheiten im Einsatz waren. Vielmehr habe die zweite Gruppe aus westlichen Touristen bestanden, die für ihren Waffeneinsatz zahlen mussten.
Der Mailänder Anwalt Nicola Brigida, der dabei half, das Material für die heimische Justiz zusammenzustellen, hält die Beweise für belastbar.[2] Von den ursprünglich fünf ermittelten Italienern[3], die in die »Sarajevo-Safari« verwickelt gewesen sein sollen, seien drei noch am Leben. Diese fünf Italiener waren offenbar jedoch nicht die einzigen, die sich an der Jagd auf Zivilist:innen beteiligten. Es gibt Originalaufnahmen aus dem Jahr 1992, in denen der russische Rechtsextremist Eduard Limonow[4] zu sehen ist, wie er bei den Sniper-Einheiten mit einem Maschinengewehr auf Sarajevo feuert. Andere Überlebende des Bosnienkrieges berichten von texanischen Gruppen, die während des Krieges aufgetaucht seien, sie hätten erklärt, sie seien nach Bosnien gekommen, um »Spaß zu haben«.
Auch der ehemalige deutsche Fremdenlegionär Thomas Gast erwähnt bei der Beschreibung seines Sarajevoeinsatzes in den Reihen der UNPROFOR-Truppen, dass wohlhabende Ausländer angereist seien, um ihre Freude am Schießen auszuleben. »Spaß haben«, mitten in einem blutigen Belagerungskrieg, der tausende Zivilist:innen das Leben kostete – die Indizien verdichten sich, dass die Belagerung Sarajevos noch weitaus grausamer war als bislang angenommen.
Senad, ein ehemaliger Verteidigungskämpfer der bosnischen Einheiten bestätigt, er habe noch während des Krieges von »Wochenend-Četniks« gehört. Damals hätten Meldungen von Freiwilligen aus der EU – auch aus Österreich und Deutschland – die Runde gemacht. Die neuesten Meldungen zu den Sniper-Touristen, so der in Sarajevo lebende Senad, hätten ihn »nicht überrascht«. Schon 1995 hatte auch die bosnische Zeitung »Oslobodjenje« über die Causa berichtet – ohne Konsequenzen.
Zeitzeug:innen erinnern sich, dass die Angriffe auf die Stadt während der Wochenenden intensiver wurden. Der Historiker Nihad Kreševljaković, der ein Filmarchiv mit Kriegsaufnahmen aufbaute, hält es für ausgeschlossen, dass das kriminelle Sniper-Business ohne direkte Beteiligung Serbiens möglich war.
Mehr als brisant ist in diesem Kontext die Tatsache, dass der amtierende serbische Präsident Aleksandar Vučić den Sniper-Einheiten nachweislich einen Besuch abstattete – zu einer Zeit, als die damalige serbische Führung ihre genozidale Politik gegenüber den bosnischen Muslim:innen vorantrieb. Während der Belagerung kam Vučić, das belegen Originalvideoaufnahmen,[5] mit dem serbischen Radikalenführer Vojislav Šešelj zu den Scharfschützeneinheiten; in einer Sequenz ist zu sehen, wie Vučić eine Waffe in der Hand hält.
Dies könnte folgenreich sein: Der kroatische Investigativjournalist Domagoj Margetić hat bei der Mailänder Staatsanwaltschaft Anzeige gegen Vučić erstattet. Der Präsident leugnet zwar jede Beteiligung – die Filmaufnahmen bei den Killer-Einheiten suggerieren freilich etwas anderes. Belastet wird Vučić auch durch Aussagen des Nationalisten Šešelj, der 2018 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit von den Haager Richtern zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Bei seinen Vernehmungen vor dem ICTY hatte er erklärt[6], Vučić habe sich als Freiwilliger den Sniper-Einheiten am Jüdischen Friedhof angeschlossen.[7]
Als Propagandaminister im Regime von Slobodan Milošević stand Vučić, obwohl erst am Anfang seines Aufstiegs im Machtgetriebe, den Scharfmachern Milošević und Šešelj in nichts nach. Vučićs Radikalität, sein Hass auf Muslim:innen, ist am nachdrücklichsten durch folgendes Statement dokumentiert: Nur wenige Tage nach dem Genozid von Srebrenica im Juli 1995, bei dem bosnisch-serbische Truppen mehr als 8300 muslimische Jungen und Männer umbrachten, drohte Vučić[8] dem Westen: Für einen getöteten Serben würde man 100 Muslim:innen töten.
Dubiose Todesfälle von Zeitzeugen
Beobachter:innen sind sich sicher, dass Vučić nicht nur als Mastermind die Vernichtung der bosnischen Muslim:innen unterstützte, sondern aktiv am Beschuss Sarajevos beteiligt war. Für Aufsehen sorgten daher jüngst Meldungen über dubiose Todesfälle: In nur drei Monaten starben gleich drei Zeugen bzw. direkt Beteiligte der Sniper-Verbrechen. Ein Todesfall Mitte Dezember lässt besonders aufhorchen: Četnik-Führer Slavko Aleksić, der eine der Sniper-Einheiten über Sarajevo befehligte, starb auf ungeklärte Weise in Serbien. Die Umstände seines Todes sind dubios, verschiedenen Quellen zufolge soll Aleksić von seinem Wohnort im bosnischen Trebinje nach Serbien gebracht worden sein, wo er in einem Militärkrankenhaus starb. Der serbische Geheimdienst habe dies veranlasst, so sieht es Rechercheur Margetić und forderte von der bosnischen Staatsanwaltschaft eine Obduktion des Leichnams, um Klarheit über die Todesursache zu erlangen. Aleksić soll derjenige gewesen sein, der die Safaris für zahlende Touristen organisierte – und seiner Einheit soll auch Vučić angehört haben. Seit er juristische Schritte gegen Vučić eingeleitet hat, erhält Investigativexperte Margetić Morddrohungen, die er mit dem Umfeld des serbischen Präsidenten in Verbindung bringt. Schon lange wird über Kontakte Vučićs zu Hooligans und Mafiastrukturen berichtet.[9] Angesichts der Häufung von Todesfällen in der brisanten Causa kann Einmischung von außen zumindest nicht ausgeschlossen werden: Die drei verstorbenen ehemaligen serbischen Kämpfer galten als »unbequeme Zeugen« – zweifelsfrei besaßen sie Insiderwissen, das Vučić hätte gefährlich werden können. Und jene, die darüber berichten, müssen mit Repressalien rechnen. So wurde der Belgrader Anwalt Čedomir Stojković, der in den sozialen Medien die Verbindung Vučićs zum Četnikführer Aleksić dargelegt hatte, kurzzeitig verhaftet. Vorwurf: Er habe die öffentliche Ordnung gestört.
Deals mit einem Kriegsverbrecher
Trotz der großserbisch motivierten Vernichtungspolitik an den bosnischen Muslim:innen, trotz der Urteile des Jugoslawientribunals zu Gewalttaten in Städten wie Prijedor oder Foča, gilt Vučić seit Jahren als Darling der europäischen Balkanpolitik: Angela Merkel stattete dem gewieften Taktiker freundliche Besuche ab. Auf ihrer letzten Reise lobte sie den immer autoritärer auftretenden Vučić, er sei stets bemüht gewesen, seine Versprechungen einzuhalten. Auch die EU fasst Vučić seit Jahren mit Samthandschuhen an: Kommissionschefin Ursula von der Leyen lobte ihn im November 2024 für die – nachweislich nicht existenten – Fortschritte beim Ausbau rechtsstaatlicher Standards. Freedom House zeichnet dagegen ein düsteres Bild der Verhältnisse: Serbiens demokratische Verfasstheit verschlechtert sich seit Jahren[10] – Wahlen werden manipuliert, Kritiker:innen und Journalist:innen bedroht und angegriffen, Studierendenproteste mit Schlägertrupps aufgemischt. Dessen ungeachtet setzen Brüssel und Berlin auf Serbiens Ressourcenvorkommen, nicht zuletzt Lithium.
Derweil verfolgt Vučić dieselbe völkische Agenda wie einst Milošević. Der war vom Haager Tribunal wegen schwerer Kriegsverbrechen angeklagt, starb jedoch in Haft. Seine großserbische Ideologie lebt hingegen fort: Zusammen mit dem bosnisch-serbischen Extremisten Milorad Dodik, der jüngst als Präsident der »Republika Srpska«, dem serbisch dominierten Landesteil Bosniens, abgesetzt wurde, formulierte Vučić im Juni 2024 auf einem allserbischen Kongress[11] das Ziel, den Traum von Großserbien zu finalisieren: Serb:innen aus mehreren Ländern sollen endlich in einem Land zusammenleben. Statt Aussöhnung, statt Katharsis stellt das »Serbische-Welt«-Konzept eine neuerliche Kampfansage an die multiethnischen Nachbarländer Bosnien und Herzegowina sowie das Kosovo dar. Miloševićs Agenda ethnisch »reiner« Gebiete – unter Vučić wird sie kompromisslos weitergeführt.
Bis heute haben die Überlebenden der Belagerung mit den Folgen der Gewaltexzesse zu kämpfen. So auch Irma: Die gebürtige Sarajevoerin war 16 Jahre, als ihr Bruder bei einem Angriff am Arm getroffen wurde. Mit einer Freundin gelang es ihr, aus der eingekesselten Stadt zu fliehen. Heute lebt Irma in Deutschland, Ärzte haben ihr ein schweres Trauma attestiert.[12]
Wie viele andere fragt auch sie, warum Vučić trotz der Verbrechen, die serbische und bosnisch-serbische Einheiten verübten, bis heute nicht juristisch zur Rechenschaft gezogen wurde. »Es wird Zeit«, sagt sie, »dass er sich vor Gericht verantwortet und von der politischen Landkarte verschwindet«.
[1] Vgl. Prosecutor v. Dragomir Milošević Summary of Judgement, icty.org, 12.12.2007.
[2] Lorenzo Tondo und Angela Giuffrida, Serbian president faces legal complaint in Sarajevo »sniper-tourism« case, theguardian.com, 21.11.2025.
[3] Tatjana Đorđević, Ezio Gavazzeni: Nadam se da će vikend snajperisti odgovarati za zločine u Sarajevu, portalnovosti.com, 18.11.2025.
[4] Vgl. Russian Writer Shooting at Sarajevo, youtube.com.
[5] Vgl. Vučić Suspected of Joining Sniper Attacks on Civilians in Bosnia, facebook.com/ViralKSofficial, 15.11.2025.
[6] Vgl. The case of accused war criminal Vojislav Šešelj, europarl.europa.eu, 27.11.2014.
[7] Vgl. Šešelj u Hagu otkrio kako su povezani Vučić i Slavko Aleksić koji je »iznenada« preminuo, fokus.ba, 24.12.2025.
[8] Vgl. Vucic: Wenn ihr nur einen Serben tötet, werden wir hundert Muslime töten!, youtube.com.
[9] Robert F. Worth, The President, the Soccer Hooligans and an Underworld »House of Horrors«, nytimes.com, 3.5.2023.
[10] Vgl. The Uphill Battle to Safeguard Rights, freedomhouse.org, 13.11.2025.
[11] Igor Bandović, »Serbian World« – A Threat to European Integration and Stability of the Western Balkans, reunir-horizon.eu.
[12] Die Identität wurde auf Wunsch der Betroffenen anonymisiert, der Name ist der Redaktion bekannt.