Die Opiumfront | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Afghanistan: Krieg ohne Ende?

Die Opiumfront

Afghanistan als schwarzes Loch der Geopolitik

Public Domain Foto: Public Domain

von Alfred W. McCoy

Nach einem Krieg, der mittlerweile länger andauert als jeder andere ihrer Geschichte, stehen die Vereinigten Staaten in Afghanistan am Rande der Niederlage. Ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht und die Aussichten auf ein stabiles Afghanistan sind derart trostlos, dass bereits Präsident Barack Obama den geplanten Rückzug der US-Truppen stoppte und entschied, über 8000 US-Militärs auf unabsehbare Zeit im Land zu belassen.

Wie aber konnte es dazu kommen? Wie konnte die einzige Supermacht dieser Erde mehr als 16 Jahre lang ununterbrochen kämpfen – auf dem Höhepunkt des Konflikts mehr als 100 000 Soldatinnen und Soldaten entsenden, fast 2300 Militärangehörige opfern, über eine Billion Dollar für ihre Militäroperationen ausgeben und darüber hinaus eine Rekordsumme von 100 Mrd. Dollar für „Nation-Building“ sowie zur Finanzierung und Ausbildung einer 350 000 Köpfe zählenden afghanischen Bündnistruppe aufbringen – und es trotzdem nicht schaffen, eines der mittlerweile ärmsten Länder der Welt zu befrieden?

Der Schlafmohn als Kriegsschmiermittel

Das amerikanische Scheitern erscheint paradox: Washingtons waffenstarrende Kriegswalze wurde durch eine unscheinbare Blume zum Stehen gebracht – den Schlafmohn. In den fast vier Jahrzehnten, in denen Washington in Afghanistan Krieg führte, waren seine Operationen stets nur dann erfolgreich, wenn sie sich halbwegs in die Muster des illegalen Opiumhandels in Zentralasien einfügten. Verliefen sie nicht komplementär dazu, nahmen sie Schaden.

Die erste Intervention der Vereinigten Staaten in Afghanistan erfolgte noch während des Kalten Krieges. Als die Sowjets im Dezember 1979 Kabul besetzten, um ihr Vasallenregime dort vor dem Sturz zu bewahren, schalteten sich die USA ein, indem sie militanten Muslimen in deren Kampf zur Vertreibung der Sowjetarmee beisprangen. In Washington, das noch unter dem Trauma des vier Jahre zuvor erfolgten Falls von Saigon stand, beschloss man, Moskau durch die Unterstützung des islamistischen Widerstands in Afghanistan nun „sein eigenes Vietnam“ zu bescheren.

Die folgenden zehn Jahre hindurch versorgte die CIA die Guerillakrieger der Mudschaheddin mit Waffen im Wert von schätzungsweise drei Milliarden Dollar. Diese Unterstützung sollte, zusammen mit den Erlösen eines expandierenden Opiumanbaus, den afghanischen Widerstand jene zehn Jahre hindurch aufrechterhalten, derer es bedurfte, um den sowjetischen Rückzug zu erzwingen. Ein Grund für den seinerzeitigen Erfolg der amerikanischen Strategie bestand darin, dass der von der CIA ausgelöste Stellvertreterkrieg die afghanischen Verbündeten nicht daran hinderte, den anschwellenden Drogenhandel des Landes zur Finanzierung ihres langwierigen Kampfes zu nutzen.

Opiumhandel unter den Augen der CIA

Der aktuelle Krieg begann unmittelbar nach den Terroranschlägen von 9/11. Obwohl seit Oktober 2001, seit der amerikanischen Invasion zum Sturz des Taliban-Regimes, fast ununterbrochen gekämpft wird, sind alle Bemühungen, das Land zu befrieden, gescheitert – hauptsächlich deshalb, weil es den USA schlicht nicht gelungen ist, die explodierenden Gewinne aus dem afghanischen Heroinhandel unter ihre Kontrolle zu bringen.

Afghanistans Opiumproduktion schwoll von etwa 180 Tonnen im Jahr 2001 auf über 3000 Tonnen ein Jahr nach der Invasion und bis 2007 sogar auf über 8000 Tonnen an. In jedem Frühjahr füllt der Ertrag der Opiumernte die Kassen der Taliban aufs Neue und befähigt diese, einen neuen Schub von Guerillakämpfern zu rekrutieren.

In jedem Stadium dieser seit fast vier Jahrzehnten andauernden turbulenten und tragischen Geschichte – im verdeckten Krieg der 1980er Jahre, im Bürgerkrieg der 1990er und der Besatzungszeit seit 2001 – hat Opium eine zentrale Rolle gespielt und das Schicksal Afghanistans entscheidend mitbestimmt. Es ist eine der bitteren Ironien der afghanischen Geschichte, dass die Begegnung der einzigartigen Natur des Landes mit der amerikanischen Militärmaschinerie aus diesem entlegenen, weltabgeschiedenen Gebiet den ersten echten Narkostaat werden ließ – ein Land, in dem illegale Drogen wirtschaftlich dominieren, politische Richtungsentscheidungen prägen und über das Schicksal ausländischer Interventionen entscheiden.

Im Verlauf der 1980er Jahre trug der verdeckte Krieg der CIA gegen die sowjetischen Besatzer Afghanistans dazu bei, dass in den afghanisch-pakistanischen Grenzgebieten eine Basisstation des globalen Heroinhandels entstand. „In den Stammesgebieten gibt es keine Polizei.“, so das US-Außenministerium 1986. „Es gibt keine Gerichte. Es gibt keine Steuern. Keine Waffe ist illegal [...] Haschisch und Opium sind häufig on display, werden ganz offen gehandelt und zur Schau gestellt.“ Die Mobilisierung einer Guerilla zum Kampf gegen die Besatzungsmacht war zu dieser Zeit längst in vollem Gange. Statt selbst eine Koalition aus Widerstandsführern zu bilden, hatte die CIA sich auf die mächtige Inter-Services Intelligence Agency (ISI) Pakistans und deren afghanische Klienten gestützt, die alsbald zu Schlüsselfiguren im grenzüberschreitend aufblühenden Opiumhandel wurden.

Während Afghanistans Opiumproduktion von etwa 100 Tonnen jährlich in den 1970er Jahren bis 1991 auf 2000 Tonnen steil anwuchs, sah die CIA einfach weg. Zu eben der Zeit, als die CIA-Operation anlief, in den Jahren 1979 und 1980, schoss entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze ein wahres Netzwerk von Heroinlaboratorien aus dem Boden. Binnen kurzem entwickelte die Region sich zum weltgrößten Produzenten der Droge. Schon 1984 versorgte sie atemberaubende 60 Prozent des US-amerikanischen und sogar 80 Prozent des europäischen Marktes. In Pakistan selbst explodierte die Zahl der Heroinabhängigen. Von nahezu null (ja: null!) 1970 stieg sie bis 1980 auf 5000. In den folgenden fünf Jahren wurden daraus 1,3 Millionen, was auf eine – wie die Vereinten Nationen formulierten – „besonders schockierend“ hohe Abhängigkeitsrate hinauslief.

Einem Bericht des State Department von 1986 zufolge ist Schlafmohn, die Opiumpflanze, „eine ideale Feldfrucht in kriegszerrissenen Ländern, da sie nur geringe Kapitalinvestitionen verlangt, schnell wächst sowie leicht transportiert und gehandelt“ werden kann. Darüber hinaus eigne sich Afghanistans Klima gut für den Mohnanbau. Das erbarmungslose Ringen zwischen den Stellvertreterkriegern der CIA und der Sowjets forderte seinen Zoll. Schließlich gingen afghanische Bauern „aus Verzweiflung“ zum Opiumanbau über, weil dieser „hohe Profite“ abwarf, mit denen sie die steigenden Lebenshaltungskosten decken konnten. Gleichzeitig stiegen, dem Bericht des State Department zufolge, Elemente des Widerstands in Opiumproduktion und -handel ein, „um die unter ihrer Kontrolle lebende Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen und Waffenkäufe zu finanzieren“.

Das Hauptziel: Den Sowjets so viel Schaden zuzufügen wie möglich

Anfang der 1980er Jahre erzielten die Mudschaheddin-Guerilleros erste Bodengewinne und begannen, innerhalb Afghanistans befreite Zonen einzurichten. Zur Finanzierung ihrer Operationen zogen sie unter anderem von den Bauern, die sich auf den lukrativen Schlafmohnanbau verlegten, Steuern ein, besonders im fruchtbaren Helmandtal. Die Karawanen, die CIA-Waffen in diese Region transportierten, kehrten oft schwer beladen mit Opium nach Pakistan zurück – manchmal, wie die „New York Times“ berichtete, „mit der Zustimmung pakistanischer oder amerikanischer Geheimdienstler, die den Widerstand unterstützten“.

Charles Cogan, ein ehemaliger Leiter der afghanischen CIA-Operation, äußerte sich später ganz offen über die Prioritäten seiner Agentur. „Unsere Hauptaufgabe war es, den Sowjets so viel Schaden zuzufügen wie möglich“, sagte er 1995 in einem Interview. „Wir hatten seinerzeit eigentlich weder Mittel noch Zeit, um uns um eine Untersuchung des Drogenhandels zu kümmern. Ich denke nicht, dass wir uns dafür entschuldigen müssen [...] Es gab Nebenwirkungen in Gestalt der Drogen, ja. Aber die Hauptaufgabe wurde erledigt. Die Sowjets verließen Afghanistan.“

Auf lange Sicht hat die US-Intervention allerdings ein schwarzes Loch geopolitischer Instabilität geschaffen, das nie wieder geschlossen werden konnte – eine Wunde, die nicht heilt. Afghanistan konnte sich von der beispiellosen Verwüstung, die es in den Jahren der ersten amerikanischen Intervention erlitten hatte, einfach nicht erholen. Als der sowjetisch-afghanische Krieg zwischen 1989 und 1992 abflaute, überließ die von Washington angeführte Allianz das Land im Grunde seinem Schicksal. Sie versäumte es sowohl, eine Friedensregelung zu fördern, als auch den Wiederaufbau zu finanzieren.

Als Washington seine Aufmerksamkeit von Afghanistan ab- und anderen ausländischen Brennpunkten in Afrika und am Persischen Golf zuwandte, brach in dem Land, das zwischen 1979 und 1989 bereits etwa anderthalb Millionen Todesopfer zu beklagen hatte – ungefähr zehn Prozent seiner Einwohnerzahl –, ein mörderischer Bürgerkrieg aus. Während der jahrelangen Kämpfe zwischen den zahlreichen schwerbewaffneten Warlords, welche die CIA gut vorbereitet für den Kampf um die Macht zurückgelassen hatte, bauten Afghanistans Bauern die einzige Feldfrucht an, die sofortige Gewinne garantierte: die Opiumpflanze Schlafmohn. Nachdem sich die Mohnernte während der Ära der verdeckten Kriegführung in den 1980er Jahren bereits verzwanzigfacht hatte, wuchs sie während des Bürgerkriegs der 1990er Jahre kräftig weiter. Diesmal verdoppelte sie sich.

Angesichts der Wirren dieser Jahre lässt der Aufstieg des Opiums sich am besten als Reaktion auf die schweren Schäden verstehen, die zwei Dekaden zerstörerischer Kriegführung hinterlassen hatten. Als drei Millionen Flüchtlinge in das verwüstete Land zurückkehrten, erschienen die Beschäftigungsmöglichkeiten der Opiumproduktion wie ein Geschenk des Himmels, erforderte doch der Schlafmohnanbau neunmal so viele Arbeitskräfte wie der traditionell in Afghanistan angebaute Weizen. Darüber hinaus konnten nur Opiumhändler schnell genug die Kapitalmengen akkumulieren, derer es bedurfte, um den armen Mohnbauern die dringend benötigten Vorschüsse zahlen zu können. Oft machten diese mehr als ihr halbes Jahreseinkommen aus. Für viele verarmte Dorfbewohner erwiesen sich solche Kredite als überlebenswichtig.

In der ersten Phase des Bürgerkriegs, zwischen 1992 und 1994, fochten rücksichtslose örtliche Kriegsherren ihren landesweiten Kampf um die Macht mit einer Kombination von Waffen und Opium aus. Später warf dann Pakistan seinen Einfluss zugunsten eines neu aufgekommenen paschtunischen Machtfaktors in die Waagschale – der Taliban. Nachdem diese 1996 Kabul erobert und dann große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht hatten, begünstigten sie den örtlichen Opiumanbau. Das Taliban-Regime stellte den Rauschgiftexport unter staatlichen Schutz und erhob zur Geldbeschaffung Steuern sowohl auf die Schlafmohnernte als auch auf das aus dem Rohopium raffinierte Heroin. UN-Berichte zeigen, dass während der ersten drei Jahre des Taliban-Regimes die Opiumernte Afghanistans 75 Prozent der Weltproduktion ausmachte. Doch im Juli 2000, als eine verheerende Dürre ihr zweites Jahr erreichte und sich im ganzen Land eine Hungersnot ausbreitete, verhängte das Regime plötzlich ein umfassendes Verbot, Schlafmohn anzubauen und zu Heroin zu verarbeiten, offenbar in dem Bestreben, internationale Anerkennung zu erlangen. Eine daraufhin von der UNO unternommene Untersuchung, die 10 030 Dörfer erfasste, ergab, dass dieses Verbot die Ernte tatsächlich um 94 Prozent reduziert hatte.

Drei Monate später, im September 2000, entsandten die Taliban dann eine Delegation zum UN-Hauptquartier in New York, um mit der anhaltenden Drogenbekämpfung in ihrem Land um diplomatische Anerkennung zu werben. Doch stattdessen verhängten die Vereinten Nationen neue Sanktionen gegen das Regime, weil es Osama bin Laden Schutz bot. Die Vereinigten Staaten indessen belohnten die Taliban sogar mit humanitärer Hilfe im Wert von 43 Mio. Dollar, ungeachtet ihrer Unterstützung der UN-Kritik in Sachen bin Laden. Ihr Außenminister Colin Powell lobte, als er diese Maßnahme im Mai 2001 bekannt gab, „das Verbot des Schlafmohnanbaus als eine Entscheidung der Taliban, die wir begrüßen“, forderte aber weiterhin, das Regime solle „seine Unterstützung des Terrorismus; seine Verletzung international anerkannter Menschenrechtsstandards, insbesondere bei der Behandlung von Frauen und Mädchen“ beenden.

9/11 oder die Wiederentdeckung Afghanistans

Nachdem man es in Washington ein ganzes Jahrzehnt hindurch weitgehend ignoriert hatte, wurde Afghanistan in der Folge der Terrorangriffe von 9/11 „wiederentdeckt“. Im Oktober 2001 begannen die Vereinigten Staaten mit der Bombardierung des Landes, um anschließend, unterstützt von britischen Streitkräften, eine Invasion zu starten, an deren Spitze örtliche Warlords marschierten. Das Tempo, mit dem das Taliban-Regime zusammenbrach, überraschte viele Regierungsvertreter. Im Rückblick entsteht der Eindruck, dass das Opiumverbot der Taliban ein Schlüsselfaktor dafür war. Zwei volle Dekaden hindurch hatte Afghanistan seine Ressourcen – Kapital, Boden, Wasser und Arbeitskraft – in einem Ausmaß, das nicht allgemein bekannt ist, in die Produktion von Opium und Heroin gesteckt. Zu dem Zeitpunkt, als die Taliban den Mohnanbau verboten, war aus der afghanischen Landwirtschaft schon fast eine Opium-Monokultur geworden. Die meisten Steuereinnahmen und große Teile der Exporterlöse entstammten dem Drogenhandel und auch die Beschäftigungsrate hing stark von ihm ab.

So erwies sich der Opiumbann, den die Taliban plötzlich verhängten, als ein Akt ökonomischen Suizids, der eine bereits geschwächte Gesellschaft an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Im Jahr 2001 ergab eine UN-Untersuchung, dass das Verbot „für geschätzte 3,3 Millionen Menschen“ – rund 15 Prozent der Bevölkerung – „schwere Einkommensverluste bewirkt“ hatte. Unter diesen Umständen war es den Vereinten Nationen zufolge „für westliche Militärs einfacher, die ländlichen Eliten und die Bevölkerung zur Rebellion gegen das Regime zu bewegen“. Mit ihrem mörderischen Bombenkrieg und den Bodenangriffen der verbündeten Warlords brauchten die Vereinigten Staaten kaum länger als einen Monat, um die geschwächten Abwehrkräfte der Taliban zu zerschlagen. Doch die längerfristige US-Strategie legte – im wahrsten Sinne des Wortes – die Keime dafür, dass die Taliban nur vier Jahre später überraschend wieder aufleben konnten.

Ohne Opium keine Lebensgrundlage

Während 2001 den ganzen Oktober hindurch der amerikanische Bombenkrieg tobte, schaffte die CIA 70 Millionen Dollar Bargeld ins Land, um ihre alte Koalition mit den Warlords der Stämme aus der Zeit des Kalten Krieges für den Kampf gegen die Taliban zu remobilisieren. Präsident George W. Bush sollte diese Transaktion später als eines der „größten Geschäfte“ der Geschichte preisen. Für die Eroberung Kabuls und anderer Schlüsselstädte investierte die CIA ihr Geld in die Führer der Nordallianz, eine tadschikische Stammestruppe, die in den 1980er Jahren gegen die Sowjets gekämpft hatte und in den 1990ern der Taliban-Regierung widerstand. Diese Warlords hatten ihrerseits lange den Drogenhandel in dem von ihnen während der Taliban-Jahre kontrollierten Gebiet Nordostafghanistans beherrscht. Ferner setzte sich die CIA mit einer Gruppe aufstrebender paschtunischer Kriegsherren entlang der pakistanischen Grenze ins Benehmen, die im südöstlichen Teil Afghanistans als Drogenschmuggler operiert hatten. Als das Taliban-Regime kollabierte, waren die Voraussetzungen dafür, Opiumanbau und Drogenhandel in großem Stil wieder aufzunehmen, also bereits geschaffen.

Sobald Kabul und die Provinzhauptstädte erobert waren, übertrug die CIA die operative Kontrolle rasch auf verbündete Truppen und Zivilbeamte. In den folgenden Jahren überließen die untauglichen Antidrogenprogramme dieser Kräfte die wachsenden Profite aus dem Heroinhandel de facto zunächst den Warlords und später großteils den Taliban-Guerilleros. Eine historisch beispiellose Entwicklung führte so dazu, dass 2003 illegale Drogen 62 Prozent des afghanischen Bruttoinlandsprodukts ausmachten.

Doch in den ersten Jahren der Besatzungsherrschaft nahm Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einem Bericht der „New York Times“ von 2007 zufolge „zunehmende Hinweise darauf, dass den Taliban Drogengeld zufloss, nicht ernst“. Die CIA und die Militärs sähen, so die „Times“, „über die Drogen-bezogenen Aktivitäten prominenter Warlords hinweg“.

Ende 2004, nachdem man die Opiumkontrolle fast zwei Jahre lang den britischen Verbündeten und die Polizeiausbildung den Deutschen überlassen hatte, sah sich das Weiße Haus plötzlich mit beunruhigenden Erkenntnissen der CIA konfrontiert. Diese deuteten darauf hin, dass der eskalierende Drogenhandel einer Wiedergeburt der Taliban Vorschub leistete. Unterstützt von George W. Bush drängte Außenminister Colin Powell deshalb auf eine energische Antidrogenstrategie für Teile des ländlichen Afghanistans, unter Einbeziehung ebenjener Entlaubungsangriffe aus der Luft, wie sie seinerzeit gegen den illegalen Coca-Anbau in Kolumbien durchgeführt wurden. Doch Zalmay Khalilzad, der damalige US-Botschafter in Kabul, widersetzte sich einem solchen Vorgehen, unterstützt von seinem afghanischen Verbündeten Aschraf Ghani. Der damalige Finanzminister (und seit 2014 Präsident) des Landes warnte, ein solches Ausrottungsprogramm würde zu einer „umfassenden Verarmung“ Afghanistans führen. Ansonsten wären 20 Mrd. Dollar Auslandshilfe erforderlich, um eine „echte alternative Lebensgrundlage“ zu schaffen. Der Kompromiss bestand dann darin, dass Washington sich künftig auf private Vertragsunternehmen wie DynCorp stützte, die afghanische Teams dazu ausbilden sollten, Drogen zu eliminieren. Doch schon 2005 hatten sich die Ergebnisse dieser Bemühungen der „New York Times“-Korrespondentin Carlotta Bell zufolge als „eine Art Witz“ erwiesen.

2007 stellte dann der UN-Opiumbericht für Afghanistan fest, dass die in diesem Jahr erzielte Rekordernte von etwa 8200 Tonnen für 93 Prozent des illegalen Heroinnachschubs weltweit sorgte. Wichtig war auch die Erkenntnis, dass die Taliban-Kämpfer „begonnen haben, aus der Drogenwirtschaft Ressourcen für Waffen, Logistik und Soldzahlungen abzuzweigen“. 2008 kassierten die Rebellen Berichten zufolge 425 Mio. Dollar an „Steuern“ auf den Opiumhandel, und jede neue Ernte verschaffte ihnen genügend Mittel, um in den Dörfern einen neuen Jahrgangjunger Kämpfer zu rekrutieren. Jeder dieser Guerillakrieger konnte auf monatliche Zuwendungen in Höhe von 300 Dollar zählen – weit mehr, als er als Landarbeiter hätte verdienen können.

Die große »Welle« – Obamas gescheiterter Versuch

Um den sich ausweitenden Aufstand einzudämmen, entschied Washington Mitte 2008, weitere US-Kampfverbände – insgesamt 40 000 zusätzliche Soldatinnen und Soldaten – nach Afghanistan zu entsenden. Das erhöhte die Gesamtstärke der alliierten Kampftruppen auf 70 000. Weil man die Schlüsselrolle der Opiumeinkünfte für die Taliban-Rekrutierung erkannt hatte, setzte das alliierte Oberkommando jetzt auch Spezialistenteams ein, die Entwicklungshilfemittel zur Drogenbekämpfung in mohnreichen Provinzen einsetzten. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass die Rekordernte von 2007 einen Opiumüberschuss erbracht hatte, der auf die Preise drückte, während gleichzeitig Lebensmittelengpässe den Anbau von Weizen konkurrenzfähig machten. In Schlüsselgebieten der Provinzen Helmand und Nangarhar begannen Bauern mit Unterstützung ausländischer Hilfsgelder Kulturpflanzen anzubauen, woraufhin die afghanische Opiumproduktion stark zurückging. 2007 hatte sie eine Rekordfläche von 200 000 Hektar in Anspruch genommen, zwei Jahre später waren es nur noch 123 000 Hektar – was allerdings immer noch ausreichte, die Taliban am Leben zu erhalten. Zudem führten plumpe und gewalttätige Versuche, den Drogenhandel zu unterdrücken, letztlich nur zu wachsendem Widerstand gegen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten.

2009 schließlich breiteten sich die Aufständischen so rapide aus, dass sich die neue Obama-Administration zu einer als „Surge“ (Welle) bezeichneten Aufstockung der US-Truppen auf 102 000 Soldaten entschloss – in der Absicht, den Taliban einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Offiziell begann die Umsetzung dieser Strategie, mit der Obama auf einen großen Durchbruch setzte, am 13. Februar 2010 vor Sonnenaufgang in Marja, einem abgelegenen Marktflecken in der Provinz Helmand. Ganze Wellen von Hubschraubern setzten, Staubwolken aufwirbelnd, in den Außenbezirken Hunderte von Marines ab, die über die Schlafmohnfelder auf die Lehmmauern des Dorfes zustürmten. Obwohl ihr Angriff den dortigen Taliban-Kämpfern galt, handelte es sich de facto um die Besetzung einer der Metropolen des weltweiten Heroinhandels.

Eine Woche später flog General McChrystal in Begleitung Karim Khalilis, des afghanischen Vizepräsidenten, per Hubschrauber nach Marja ein. Die beiden kamen zu einer Medieninszenierung der neu gestylten Aufstandsbekämpfungstaktiken, die, wie der General den Reportern erzählte, Dörfer wie Marja mit Sicherheit befrieden würden. Die örtlichen Opiumbauern sahen das allerdings anders. „Wenn sie mit Traktoren anrücken“, verkündete eine afghanische Witwe unter den anfeuernden Zurufen der anderen Dorfbewohner, „werden sie mich überrollen und töten müssen, bevor sie meinen Mohn töten können“. Von einem der umliegenden Schlafmohnfelder aus rief mich damals ein Vertreter der US-Botschaft per Satellitentelefon an und sagte: „Man kann diesen Krieg nicht gewinnen, ohne gegen die Drogenproduktion in der Provinz Helmand vorzugehen.“

Da man zwar die Aufständischen attackierte, es aber nicht schaffte, die Opiumernte zu unterbinden, die in jedem Frühjahr half, neue Kämpfer zu finanzieren, blieb Obamas „Surge“ alsbald stecken. Während nun alliierte Truppen rapide abgebaut wurden, um eine politisch dekretierte Frist einzuhalten – die „Beendigung“ aller Kampfeinsätze bis Dezember 2014 –, ermöglichte eine deutliche Reduzierung auch der alliierten Luftoperationen es den Taliban, gleichzeitig massive Bodenoffensiven zu starten, in denen so viele afghanische Soldaten und Polizisten getötet wurden, wie nie zuvor. John Sopko, der Special Inspector der US-Regierung für Afghanistan, fand zu dieser Zeit eine vielsagende Erklärung dafür, warum die Taliban hatten überleben können. Trotz der atemberaubend hohen Aufwendungen von 7,6 Mrd. Dollar für „Drogenvernichtungs“-Programme während der letzten zehn Jahre „sind wir“, so Sopko, „nach jedem erdenklichen Kriterium gescheitert. Anbau und Produktion haben Höchst-, Verbots- und Vernichtungsmaßnahmen Tiefststände erreicht. Auch die finanzielle Unterstützung des Aufstands verzeichnet ein Hoch, während Drogenabhängigkeit und -missbrauch in Afghanistan beispiellose Rekorde erzielen.“

Als die Opiumernte des Jahres 2014 eingebracht wurde, ergaben frische Zahlen der UNO, dass das Produktionsniveau des Landes sich wieder dem bisherigen Höchststand von 2007 näherte. Diese Drogenschwemme flutete den Weltmarkt, und das obwohl die US-Ausgaben zur Drogenbekämpfung auf 8,4 Mrd. Dollar angestiegen waren. Unter diesem Eindruck versuchte Sopko im Mai 2015, das Problem mit einem für jeden Amerikaner nachvollziehbaren Vergleich zu illustrieren. „Afghanistan“, sagte er, „widmet grob geschätzt 500 000 Acres oder ungefähr 780 Quadratmeilen dem Anbau von Opiummohn. Das entspricht einer Fläche von mehr als 400 000 amerikanischen Football-Plätzen – einschließlich der jeweiligen Endzone.“

In der Kampfsaison 2015 ging die Initiative dann eindeutig auf die Taliban über, und das Opium schien immer stärker zum integralen Bestandteil ihrer Operationen zu werden. Im Oktober des Jahres veröffentlichten die Vereinten Nationen eine Landkarte, aus der hervorging, dass die Taliban mehr als die Hälfte der ländlichen Bezirke Afghanistans in „hohem“ oder „extremem“ Maße kontrollierten. Binnen eines Monats eröffneten die Aufständischen landesweit Bodenoffensiven, um Territorium zu erobern oder zu halten. Wenig überraschend erfolgten die stärksten Angriffe im Kerngebiet des Mohnanbaus, der Provinz Helmand, wo damals die Hälfte des gesamten afghanischen Schlafmohns angebaut wurde.

Das finale Scheitern – die Helmand-Offensive 2016

2016, fünfzehn Jahre nach der „Befreiung“ Afghanistans, entschloss sich Washington schließlich zu einer Korrektur der Obamaschen Truppenabbau-Strategie und startete eine Mini-„Surge“ in der Provinz Helmand. „Hunderte“ neuer US-Kräfte wurden dorthin entsandt, um den Aufständischen die „ökonomische Prämie“ auf die produktivsten Mohnfelder der Welt zu entziehen. Obwohl sie von der US-Luftwaffe und 700 special operation troops unterstützt wurden, zogen sich die bedrängten Regierungsverbände im Februar und März 2016 aus zwei weiteren Bezirken zurück. Zehn der vierzehn Bezirke dieser Provinz standen danach weitgehend unter der Kontrolle der Taliban.

Angesichts der Demoralisierung der eigenen Truppen und der Tatsache, dass die Taliban mittlerweile kampfkräftige, mit Nachtsichtgeräten und hochentwickelten Waffen ausgerüstete Verbände einsetzten, blieben amerikanische Luftschläge jetzt die einzige, prekäre Verteidigungslinie der afghanischen Regierung. In stillschweigender Anerkennung ihres Scheiterns stellte die Obama-Administration im Juni 2016 den geplanten Abzug ein. Die im Lande verbliebenen US-Streitkräfte durften sich fortan über ihre Beratertätigkeit hinaus wieder in das Kampfgeschehen einschalten, und einen Monat später verkündete Washington, 8400 Soldaten würden bis auf weiteres in Afghanistan bleiben.

In Helmand und anderen strategisch wichtigen Provinzen schien die afghanische Armee einen Krieg zu verlieren, der sich jetzt – was den meisten Beobachtern allerdings entging – um die Verfügung über die Opiumprofite des Landes drehte. In der Provinz Helmand ringen die Aufständischen und die Provinzbehörden gleichermaßen um die Kontrolle des lukrativen Drogenhandels. „Afghanische Regierungsvertreter beteiligen sich mittlerweile direkt am Opiumhandel“, berichtete die „New York Times“ im Februar 2016. Hierdurch weiteten sie „ihre Konkurrenz mit den Taliban [...] in einen Kampf um die Kontrolle des Drogenhandels aus“ und erlegten „den Bauern eine Steuer auf, die praktisch identisch mit der von den Taliban erhobenen“ sei. Buchstäblich der gesamte Regierungsapparat sei in einen Prozess verwickelt, in dem Provinzverantwortliche einen Anteil ihrer illegalen Profite „nach oben weiterleiten, bis hin zu Regierungsvertretern in Kabul [...], um so sicherzustellen, dass die örtlichen Behörden weiterhin von oben unterstützt werden und den Opiumanbau aufrechterhalten“.

Zur gleichen Zeit ergab eine Untersuchung des UN-Sicherheitsrats, dass die Taliban den Drogenhandel „in jedem Stadium der Lieferkette“ systematisch angezapft hatten. Dabei hatten sie eine Zehnprozentsteuer auf den Opiumanbau in Helmand erhoben, um die Kontrolle der Heroinlaboratorien gekämpft und als „die wichtigsten Garanten des illegalen Handels von Rohopium und Heroin aus Afghanistan“ agiert. Statt wie zuvor den illegalen Handel lediglich zu besteuern, waren die Taliban inzwischen so tief und so unmittelbar verstrickt, dass es – wie damals die „New York Times“ schrieb – „mittlerweile schwerfällt, [sie] von einem eingefleischten Drogenkartell zu unterscheiden“.

Die Grenzen hegemonialer Macht

Die bedrückende Entwicklung hielt auch 2017 an: In diesem Jahr verdoppelte sich die afghanische Schlafmohnernte auf 9000 Tonnen nahezu und übertraf damit den bisherigen Rekord von 2007 – 8200 Tonnen – noch deutlich. In der kriegszerrissenen Provinz Helmand nahm die Mohnanbaufläche um 79 Prozent auf 144 000 Hektar zu und stand damit für 44 Prozent des gesamtafghanischen Erntevolumens. In der Überzeugung, dass 60 Prozent der Mittel, die den Taliban für Lohnzahlungen und Waffen zufließen, aus der Opiumwirtschaft stammen, setzte das US-Kommando im November 2017 erstmals F 22-Kampfflugzeuge und B 52-Bomber ein – ermutigt durch Donald Trumps Entschluss, den Afghanistankrieg zu „gewinnen“. Zehn Heroin-Laboratorien der Taliban in Helmand wurden dabei zerstört – ein winziger Bruchteil der 500 Drogenraffinerien des Landes. Bis auf weiteres dürfte Opium also integraler Bestandteil sowohl der ländlichen Ökonomie als auch des Taliban-Aufstands und der Regierungskorruption bleiben, die zusammengenommen das Afghanistan-Problem in seiner ganzen Vertracktheit ausmachen.

Das Scheitern der US-Intervention in Afghanistan erlaubt weitreichende Einsichten in die Grenzen der globalen Machtstellung Amerikas. Dass sowohl der Opiumanbau als auch der Taliban-Aufstand fortdauern, vermittelt eine Ahnung von dem Irrweg, auf den die wechselnden Strategien Washingtons seit 2001 geführt haben. Weltweit sind es für die meisten Menschen in erster Linie wirtschaftliche Aktivitäten – die Produktion und der Austausch von Gütern –, die sie in Kontakt mit staatlichen Stellen bringen. Wenn aber, wie jetzt in Afghanistan, das wichtigste Produkt eines Landes illegal ist, dann verlagern sich die politischen Loyalitäten naturgemäß auf jene ökonomischen Netzwerke, die dieses Produkt sicher und diskret von den Feldern bis auf die ausländischen Märkte begleiten und in jedem Stadium für Schutz, Finanzierung und Beschäftigung sorgen. „Der Drogenhandel vergiftet“, wie John Sopko 2014 darlegte, „den afghanischen Finanzsektor und fungiert als Treibstoff einer zunehmend illegalen Ökonomie“. Diese wiederum untergrabe „die Legitimität des afghanischen Staates, indem sie die Korruption anheizt, kriminelle Netzwerke fördert sowie den Taliban und anderen Rebellengruppen erhebliche finanzielle Unterstützung verschafft“.

Nachdem es sechzehn Jahre lang ununterbrochen Krieg geführt hat, steht Washington jetzt vor der gleichen Wahl, vor der es schon 2010 stand, als Obamas Generäle jene Landungstruppen in Marja absetzten. Exakt wie in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten drohen die Vereinigten Staaten in dem immer gleichen endlosen Kreislauf gefangen zu bleiben: So wie in jedem Frühling der Schnee von den Berghängen abschmilzt und Mohnpflanzen aus dem Boden sprießen, so wird es jedes Mal einen frischen Schub Teenager aus den verarmten Dörfern geben, die bereit sind, für die Sache der Rebellen zu kämpfen.

Doch selbst für dieses geplagte Land und die entmutigende Komplexität der politischen Probleme dort gibt es Alternativen. Würde auch nur ein kleiner Teil all der fehlinvestierten Militärausgaben in die Landwirtschaft des Landes gesteckt, eröffneten sich für die Millionen von Bauern, deren Beschäftigung heute vom Opiumanbau abhängt, neue wirtschaftliche Möglichkeiten. Ruinierte Obstplantagen könnten instandgesetzt, dezimierte Schafherden aufgestockt und Saatgut neu gezogen werden, und schadhafte Schmelzwasser-Bewässerungssysteme, die vor diesen Kriegsjahrzehnten einst eine vielfältige Landwirtschaft ermöglichten, ließen sich reparieren. Wenn die internationale Gemeinschaft sich darum bemüht, die Abhängigkeit des Landes von der illegalen Opiumwirtschaft zu verringern, indem sie eine nachhaltige ländliche Entwicklung fördert, dann kann Afghanistan vielleicht aus der Rolle des führenden Narkostaats des Planeten herausfinden – ja möglicherweise kann sogar der alljährliche Kreislauf der Gewalt endlich durchbrochen werden.

Der Beitrag ist die deutsche Erstveröffentlichung eines Auszugs aus „In the Shadows of the American Century“, dem jüngsten Buch des Autors, das im Verlag Haymarket Books erschienen ist. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Karl D. Bredthauer.

(aus: »Blätter« 4/2018, Seite 59-69)
Themen: Naher & Mittlerer Osten, Krieg und Frieden und USA

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