Krieg um Syrien: Das neue Great Game | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Krieg um Syrien: Das neue Great Game

<span class="fcredit">Foto: <a href="http://mil.ru/index.htm
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von Marcel Serr

Auch sieben Jahre nach Beginn des blutigen Konflikts kommt Syrien nicht zur Ruhe. Längst hat sich die Hoffnung zerschlagen, der Bürgerkrieg würde sich nach dem Sieg über den sogenannten Islamischen Staat (IS) – durch die Eroberungen Rakkas wie des irakischen Mossul – seinem Ende zuneigen. Auch alle Versuche der diplomatischen Konfliktlösung sind bislang gescheitert. Stattdessen ist das Land faktisch dreigeteilt: Das Regime von Baschar al-Assad kontrolliert die bevölkerungsreichsten Kerngebiete Syriens. Es stützt sich dabei auf russische Luftunterstützung, iranische Militärberater, die libanesische Hisbollah und vom Iran gesteuerte Milizen. Die Kurden wiederum kontrollieren mit Rückendeckung aus Washington rund 20 Prozent des Landes, einschließlich einer rohstoffreichen Gegend im Nordosten und des ergiebigsten Agrarlandes. Eine Allianz aus der Türkei und sunnitisch-islamistischen Rebellen schließlich beherrscht Gebiete im Norden Syriens.

Zuletzt konzentrierten sich die Angriffe des Assad-Regimes auf zwei der größten verbleibenden Rebellengebiete: Idlib im Nordwesten und Ost-Ghouta nahe Damaskus, wo es zu erheblichen Verlusten auf Seiten der Zivilbevölkerung kam. Moskau hielt Assad dabei den Rücken frei, indem es eine vom UN-Sicherheitsrat angestoßene Waffenruhe zur dringend notwendigen Versorgung der Zivilisten verzögerte und verwässerte.

Was vor sieben Jahren als Bürgerkrieg begann, ist somit längst zu einem Schlachtfeld geopolitischer Interessen, Allianzen und Rivalitäten geworden. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen den internationalen Großmächten USA und Russland, zwischen regionalen Machtzentren wie Israel und Iran und sogar zwischen den Nato-Partnern Türkei und USA. Diese Konstellation erinnert an das „Great Game“, das Russland und Großbritannien im 19. Jahrhundert um Afghanistan austrugen – doch im Falle Syriens ist die Lage weitaus komplizierter. Dafür steht schon die Vielzahl der beteiligten Akteure.[1]

Daraus resultieren zahlreiche Konflikte, die teilweise brandgefährlich sind und bei einer weiteren Zuspitzung nicht nur Syrien selbst betreffen würden. Das gilt insbesondere für eine militärische Auseinandersetzung zwischen Iran und Israel, die derzeit fast unausweichlich scheint. Bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar machte der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu deutlich, dass Israel nicht gedenkt, seine legitimen Sicherheitsinteressen zu vernachlässigen. Mit einem Trümmerteil einer zerstörten Drohne in der rechten Hand sprach er den iranischen Außenminister Mohammed Javad Zarif direkt an: „Herr Zarif, erkennen Sie das? Sie sollten es, denn es gehört Ihnen. Sie können es zurücknehmen mit einer Nachricht an die Tyrannen von Teheran: Testen Sie nicht Israels Entschlossenheit!“[2] Damit bezog sich Netanjahu auf einen Vorfall vom 10. Februar dieses Jahres: In den frühen Morgenstunden trat eine Drohne in den israelischen Luftraum ein. Sie war vom T-4-Luftwaffenstützpunkt westlich von Palmyra in Syrien gestartet, gesteuert von den dort stationierten Quds-Brigaden, einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden. Neunzig Sekunden nachdem die Drohne die israelische Grenze überflogen hatte, wurde sie von einem Apache-Kampfhubschrauber der israelischen Luftwaffe (IAF) abgeschossen. Wenig später verübten acht F-16-Kampfjets der IAF einen Vergeltungsschlag. Die syrische Luftverteidigung feuerte daraufhin mehr als zwanzig Boden-Luft-Raketen ab. Dabei wurde eine F-16 getroffen, die in großer Höhe im israelischen Luftraum flog und wohl zu spät auf den Angriff reagierte. Die zweiköpfige Besatzung konnte sich rechtzeitig mit dem Schleudersitz retten. In der Folge weitete Israel die Luftschläge aus und zerstörte zwölf Ziele in Syrien einschließlich der Luftverteidigung nahe Damaskus sowie iranische Militäreinrichtungen. Dieser Vorfall war in zweifacher Hinsicht bemerkenswert: Zum ersten Mal steuerten die Iraner selbst eine Drohne, die den israelischen Luftraum verletzte. Vor allem aber war zuvor mehr als drei Jahrzehnte lang kein IAF-Kampfjet mehr abgeschossen worden. Insofern markiert diese Auseinandersetzung eine erhebliche Eskalation im Konflikt zwischen Iran und Israel.

Irans Achse des Widerstands

Schon seit der Iranischen Revolution von 1979 betrachtet Teheran Israel als Erzfeind, als „Krebsgeschwür“ oder „kleinen Satan“ und droht regelmäßig mit der Vernichtung des jüdischen Staates. Umgekehrt bewertet Jerusalem den Iran als erstrangige Sicherheitsbedrohung. Gleichzeitig strebt das schiitische Regime in Teheran aggressiv eine regionale Vormachtstellung an, der sich die sunnitischen Staaten unter Führung Saudi-Arabiens widersetzen. Begünstigt wurden diese Ambitionen nolens volens durch die US-Invasion des Irak im Jahr 2003. Der Sturz des sunnitischen Despoten Saddam Hussein im mehrheitlich schiitischen Irak hat das Kräftegleichgewicht der Region in den letzten Jahren zugunsten Teherans verschoben. Dank des militärischen Eingreifens Washingtons sah sich Iran von einem mächtigen Gegner und Konkurrenten befreit. Geschickt baut Teheran seither den Irak zu seinem Einflussgebiet aus, in dem vom Iran gelenkte Milizen operieren und iranische Unternehmen die Wirtschaft dominieren. Vor diesem Hintergrund markiert die Einflussnahme in Syrien den konsequenten nächsten Schritt in der iranischen Geopolitik. Teheran bastelt an einer „Achse des Widerstands“, einem iranisch kontrollierten Korridor, der über Bagdad und Damaskus bis in die libanesische Hauptstadt Beirut reicht, wo die schiitische Hisbollah residiert, eine iranische Kreation aus den 1980er Jahren. Indem Iran das Regime Baschar al-Assads in Damaskus stützt, etabliert das Land eine direkte Zugangs- und Versorgungsroute zur libanesischen Terrororganisation via Irak und Syrien.

Um die eigenen Verluste im Syrienkonflikt möglichst gering zu halten, unterhält Iran schlagkräftige Milizen mit bis zu 20 000 schiitischen Kämpfern aus Afghanistan, dem Irak, Libanon und Pakistan, die mittlerweile als Rückgrat der Pro-Assad-Truppen gelten.[3] Dieses Vorgehen basiert auf der Strategie, durch ein weitverzweigtes Netz von Stellvertretern die iranische Macht- und Einflusszone über große Distanzen auszuweiten. Diesem Ziel dienen auch die verbündeten Huthi im Jemen. Sobald die letzten „Widerstandsnester“ vernichtet sind, mit voraussichtlich unzähligen weiteren zivilen Opfern, und Assad wieder fest im Sattel sitzt, wird Iran seine Milizen in Syrien auf ein neues Ziel ausrichten – Israel. Die Vorbereitungen laufen bereits. Iran etabliert über ganz Syrien verteilt Militärbasen und Ausbildungslager für seine Stellvertreter-Milizen. Das Regime errichtet sogar Produktionsstätten für Raketen in Syrien und im Libanon. Im Falle eines bewaffneten Konflikts will Teheran dem jüdischen Staat offenbar einen Zweifrontenkrieg aufzwingen – mit der Hisbollah im Libanon und schiitischen Milizen oder den Quds-Brigaden in Syrien.

Israel wiederum hat verbal, vor allem aber durch über hundert Luftschläge innerhalb der letzten sieben Jahre in Syrien zu verstehen gegeben, dass es die iranische Präsenz im Nachbarland nicht duldet. Das gilt insbesondere für den Bau von militärischer Infrastruktur. Denn die Stationierung von iranischen Waffensystemen stellt eine erhebliche Veränderung des regionalen Kräftegleichgewichts zulasten Israels dar. Bereits heute ist das Raketenarsenal der Hisbollah schon aufgrund seiner schieren Masse äußerst beunruhigend: Mehr als 100 000 Raketen sollen auf Israel gerichtet sein.[4] Überdies haben sich deren Zielgenauigkeit und Reichweite dank iranischer Unterstützung erheblich verbessert. Von diesen präzisionsgeleiteten Waffen geht eine erhebliche Gefahr für Israel aus: Die kritische Infrastruktur des Landes konzentriert sich auf wenige Punkte, die die Hisbollah genau ins Visier nehmen kann.

Derweil bleibt die Nahost-Politik der USA unter Präsident Donald Trump weiterhin vage und undefinierbar. Dabei sind die Vereinigten Staaten, ganz entgegen der Erwartung, Trump werde sein Land in eine isolationistische Periode führen, in dieser Region durchaus wieder aktiver geworden. Allerdings hat dies die Spannungen eher noch verschärft:[5] So versetzte Trumps Ankündigung, die US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, die gesamte Region zeitweilig in Aufruhr.[6] Außerdem verschärfte sich die Rhetorik Washingtons gegenüber Iran, insbesondere mit Blick auf den von Trump gering geschätzten Atomdeal. Auch zeigt sich die Trump-Regierung weniger zurückhaltend beim Einsatz militärischer Mittel als sein Vorgänger Barack Obama: Auf Assads wiederholten Einsatz von chemischen Kampfstoffen reagierte das Weiße Haus im April 2017 mit dem Beschuss eines syrischen Flugfeldes durch Marschflugkörper. Zudem intensivierte die Trump-Regierung den Kampf gegen den IS in Syrien und im Irak. Bis zu 2000 US-Soldaten sind derzeit in Syrien im Einsatz. Sie kooperieren eng mit den Demokratischen Kräften Syriens (DKS), einer Dachorganisation von Milizen, die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) dominiert werden, dem syrischen Zweig der PKK.

Nach dem weitgehenden Sieg über den IS stellte der damalige US-Außenminister Rex Tillerson im Januar 2018 klar, dass die US-Truppen bis auf weiteres in Nordsyrien bleiben werden, um ein Wiedererstarken der Islamisten zu verhindern und den iranischen Einfluss einzugrenzen. Doch die US-Soldaten befinden sich inmitten eines unübersichtlichen Kampfgeschehens auf immer engerem Raum. Das wurde in der Nacht vom 7. Februar 2018 schlagartig deutlich: Vom Iran geführte Einheiten belegten die von den USA unterstützten DKS-Einheiten südlich von Deir al-Zour mit Artilleriefeuer. Anschließend rückten rund 500 Mann gegen die DKS-Stellung vor. Ihr Ziel war offenbar die Eroberung einer von den Kurden kontrollierten Ölförderanlage. Doch ein massiver US-Luftschlag schlug die Angreifer in die Flucht, etwa 100 Kämpfer wurden dabei getötet, darunter wohl auch eine unbekannte Anzahl russischer Söldner der paramilitärischen Wagner Group.[7] Obgleich die Hintergründe der russischen Beteiligung an der Operation unklar sind, zeigt der Vorfall, dass es in Syrien jederzeit zu einer direkten Konfrontation zwischen russischen und US-amerikanischen Truppen kommen kann.

Türkei: Nato-Partner auf Kollisionskurs

Noch komplizierter wird die Lage durch die Rolle der Türkei. Für sie bedeutet die fortwährende US-Unterstützung der syrischen Kurden eine Provokation. Ankara betrachtet die YPG-Miliz als Terrororganisation und will die Entstehung einer autonomen kurdischen Region in Nordsyrien, unmittelbar an der Grenze zur Türkei, verhindern. Daher befahl Präsident Recep Tayyip Erdog˘an am 20. Januar 2018 den Einmarsch der türkischen Streitkräfte in die kurdisch kontrollierte Stadt Afrin im Nordwesten Syriens, die sie dann knapp zwei Monate später einnahmen.[8] Offenbar baten die Kurden am 19. Februar ausgerechnet Assad um Hilfe, mit dem sie bislang aufgrund ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen verfeindet waren. Damit bekämpfen nun Assad und die kurdischen Rebellen gemeinsam die Türkei, um die territoriale Integrität Syriens zu verteidigen – eine äußerst unvorhergesehene Wende, selbst für den an Überraschungen reichen syrischen Bürgerkrieg.

Überdies stellt der türkische Feldzug jedoch die Beziehungen innerhalb der Nato auf eine schwere Belastungsprobe. Denn die Türkei hat bereits angedroht, das Kampfgebiet auszuweiten – auch auf Bereiche, in denen sich US-amerikanische Truppenbasen befinden. Damit rückt die bewaffnete Konfrontation zweier Nato-Mitglieder in den Bereich des Möglichen. Dies ist auch Ausdruck der zunehmenden Distanz Erdogans zum transatlantischen Bündnis. Stattdessen musste die Türkei für ihre Militäroperation die Einwilligung Russlands einholen, insbesondere mit Blick auf den Einsatz der Luftwaffe. Und Russlands Präsident Wladimir Putin wird der Türkei mit Freuden grünes Licht gegeben haben – im Wissen um den dadurch entstehenden Konflikt zwischen den Nato-Partnern in Ankara und Washington.

Neuer Hausherr Putin?

Bereits im Herbst 2015 hatte Russland auf Seiten des Assad-Regimes militärisch in den Syrienkonflikt eingegriffen. In erster Linie ging es Putin darum, sein Land erneut als Großmacht auf der internationalen Bühne zu verankern, bestenfalls auf Kosten des alten und neuen Rivalen in Washington. Tatsächlich ist es Moskau in den letzten zweieinhalb Jahren gelungen, die USA weitgehend aus Syrien zu verdrängen und sich geopolitisch im Nahen Osten an die Spitze der externen Mächte zu setzen. Möglich wurde dies freilich nur deshalb, weil Washington sich unter Präsident Obama aus dem Nahen Osten sukzessive zurückgezogen hat. Putins Kalkül ist damit aufgegangen: Russland ist wieder wer im Nahen Osten.

Zuletzt wurde dies der Welt im Februar 2018 vor Augen geführt, im Rahmen des erwähnten iranisch-israelischen Schlagabtausches. Israel plante nach dem Abschuss seiner F-16 wohl eine umfangreichere Gegenoffensive. Doch ein Anruf des russischen Präsidenten genügte, um Jerusalem an einer weiteren Eskalation zu hindern. Nach israelischen Medienangaben „bat“ Putin Netanjahu, von Handlungen abzusehen, die zu „gefährlichen Konsequenzen für die Region“ führen könnten.[9] Israelische Beobachter zeigten sich darüber enttäuscht. Angesichts positiv verlaufener Treffen zwischen Putin und Netanjahu hatten sie gehofft, Russland werde sich zumindest neutral verhalten. Doch eine größere Auseinandersetzung zwischen Iran und Israel ist keinesfalls im Interesse Russlands, da sie die mühsam erkämpfte Stabilität des Assad-Regimes wieder ins Wanken bringen würde. Ein schwelender Konflikt niedriger Intensität dient hingegen durchaus Putins Interessen, erlaubt er Moskau doch, ungestört die eigene strategische Position weiter auszubauen.

Fraglich ist jedoch, ob Russland eine derart volatile Konstellation wie im Nahen Osten dauerhaft kontrollieren kann. Mittelfristig ist jedenfalls auch Russland nicht an einer dauerhaften Präsenz Irans in Syrien gelegen. Dazu sind die Interessen beider Mächte zu verschieden. Im Gegensatz zu Teheran sieht Putin das politische Überleben Assads nicht unbedingt als notwendig an, solange das Regime in Damaskus insgesamt nach Moskaus Pfeife tanzt. Da Russland die Rolle der einflussreichen Großmacht im gesamten Nahen Osten spielen will, kann es sich außerdem nicht leisten, zu intensive Beziehungen mit Teheran zu pflegen. Das würde die sunnitischen Staaten verprellen, insbesondere in der Golfregion. Einstweilen jedoch inszeniert sich Putin mit seiner Syrien-Politik gekonnt als konträr agierender Gegenpol zu den USA. Washingtons Verbündete im Nahen Osten waren schockiert darüber, wie schnell die Obama-Regierung bereit war, den langjährigen Verbündeten Hosni Mubarak in Ägypten nach den Massenprotesten im Januar/Februar 2011 aufzugeben – nur um dann ausgerechnet eine Regierung der Muslimbruderschaft zu akzeptieren. Demgegenüber will Putin zeigen, dass er seinen Verbündeten beisteht, koste es, was es wolle. Diese Haltung soll Eindruck auf die Staatschefs im Nahen Osten machen – und in der Tat: Sie verfehlt ihre Wirkung nicht. Sowohl Saudi-Arabien als auch die Türkei – beide bislang mit Militärgerät aus den USA versorgt – haben Interesse am Kauf des russischen S-400-Raketensystems angemeldet.

In erster Linie spielt Syrien aber eine zentrale Rolle in Putins geopolitischen Großmachtträumen. Dabei geht es um die Fähigkeit, militärische Macht über größere Distanzen auszustrahlen. Hierfür sind Flottenverbände entscheidend, die wiederum Versorgungsstützpunkte benötigen. So arbeitet Putin am Aufbau einer russischen Mittelmeerflotte, für die der von Russland gepachtete syrische Hafen Tartus eine Schlüsselrolle spielt. Elf Schiffe soll Russlands Marine dort unterbringen und versorgen können – auch nukleare U-Boote. Darüber hinaus pachtet Russland die Khmeimim-Luftwaffenbasis im Westen des Landes. Die dort stationierten Luftstreitkräfte sollen der künftigen russischen Mittelmeerflotte die nötige Luftunterstützung gewährleisten. Insofern kommt Syrien eine entscheidende Bedeutung für Putins Geopolitik zu.[10]

Hochexplosive Lage

Diese Gemengelage sorgt dafür, dass sich die Situation in Syrien und der Region so schnell nicht entspannen dürfte. Ende Februar deutete sich eine erneute Eskalation an. Der US-amerikanische Nachrichtensender „Fox News“ veröffentlichte am 27. Februar 2018 Satellitenbilder, die eine iranische Militärbasis außerhalb von Damaskus zeigen, wo die Quds-Brigaden unter anderem Raketen lagern sollen.[11] Dem könnte ein israelischer Luftangriff folgen. Denn Ähnliches hatte sich bereits im Dezember 2017 zugetragen: Nach einem Bericht der BBC über einen Militärstützpunkt pro-iranischer Kräfte in Syrien folgte ein Luftangriff, der Israel zugeschrieben wird.[12] Irgendwann wird Iran auf Israels Luftschläge reagieren. Wissend um die militärische Überlegenheit Israels, wird Teheran möglicherweise auch jüdische und israelische Ziele im Ausland ins Visier nehmen. Der Konflikt wird dann nicht auf den Nahen Osten beschränkt bleiben.

Eine Entschärfung des Konflikts auf dem Verhandlungsweg ist derzeit unwahrscheinlich. Die gesellschaftlichen Wunden gehen tief. Das Assad-Regime, das chemische Kampfstoffe und Fassbomben willkürlich gegen die eigene Bevölkerung einsetzt, ist außergewöhnlich brutal vorgegangen. Das liegt auch daran, dass die Fronten entlang ethnischer, ideologischer und religiöser Bruchlinien verlaufen. Daher ist die Opposition in eine Vielzahl von Akteuren gespalten und erreicht keine kritische Masse. Erschwerend kommt hinzu, dass die Macht bei einer Minderheit liegt, den Alawiten. In einer solchen Konstellation ist die Furcht vor der Rache der unterdrückten Mehrheit groß. Daher neigt das Regime zu besonderer Brutalität. Aufgrund der Einmischung von außen ist auch das „Ausbluten“ einer Seite unwahrscheinlich – zumal sich längst eine Bürgerkriegsökonomie herausgebildet hat, in der die Gewaltakteure ein Interesse am Fortbestand des Konfliktes haben, um ihre Stellung und ihr Einkommen zu sichern. Hinzu kommt, dass die externen „Spieler“ allesamt gegensätzliche Ziele verfolgen und so eine konzertierte Aktion, die eine Lösung erzwingen könnte, derzeit unmöglich erscheint.

Die Trump-Regierung ist dabei weiterhin die große Unbekannte. Klar ist vor allem, dass die USA Iran als akute Bedrohung wahrnehmen, wie jüngst auch Trumps Sicherheitsberater, H. R. McMaster, auf der Münchner Sicherheitskonferenz verdeutlichte: „Jetzt ist die Zeit, um gegen den Iran zu handeln.“[13] Sollte diese Ankündigung zu einem offensiveren Vorgehen gegen Iran auf syrischem Territorium führen, würde sich die Situation dort weiter zuspitzen. Israel erhielte dadurch mehr Handlungsspielraum für eigene Militäroperationen, gleichzeitig würde eine Konfrontation mit Russland erheblich wahrscheinlicher.

Letztlich wird daher vor allem Wladmir Putin beweisen müssen, ob er der von ihm angestrebten russischen Rolle als neuer Ordnungsmacht im Nahen Osten gerecht werden kann. In erster Linie müsste er dazu die verhärtete Situation zwischen Iran und Israel entspannen – alles andere als eine einfache Aufgabe. Möglicherweise spielt die Zeit dabei aber für Jerusalem. Denn früher oder später wird Putin der iranischen Präsenz in Syrien überdrüssig werden. Dann dürfte er sich der israelischen Position zuneigen, und das große Spiel um Syrien ginge in eine neue Runde. Das Land und seine geschundene Bevölkerung aber, so viel steht fest, werden noch lange nicht zur Ruhe kommen.

 


[1] Vgl. dazu: Hauke Ritz, Die Welt als Schachbrett. Der neue Kalte Krieg des Obama-Beraters Zbigniew Brzezinski, in: „Blätter“, 7/2008, S. 53-69.

[2] Vgl. „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 18.2.2018.

[3] Vgl. Ben Hubbard, Isabel Kershner und Anne Barnard, Iran, Deeply Embedded in Syria, Expands „Axis of Resistance“, www.nytimes.com, 19.2.2018.

[4] Vgl. Loveday Morris und Louisa Loveluck, With sharp words and stealth strikes, Israel sends a message to Hezbollah and U.S., www.washingtonpost.com, 21.9.2017.

[5] Vgl. dazu: Christopher R. Hill, Syrien: Das Scheitern der USA, in: „Blätter“, 3/2018, S. 37-38.

[6] Vgl. Riad Othman, Trump und Jerusalem: Die gefährliche Kraft des Faktischen, in: „Blätter“, 2/2018, S. 17-20.

[7] Joshua Yaffa, Putin’s Shadow Army Suffers a Setback in Syria, www.newyorker.com, 16.2.2018; Christoph Reuter, Amerikanischer Furor. Was geschah wirklich in Deir al-Sor?, www.spiegel.de, 1.3.2018.

[8] Zweifel an Rechtmäßigkeit von türkischer Offensive, www.zeit.de, 8.3.2018.

[9] Vgl. Amos Harel, Putin’s Phone Call With Netanyahu Put End to Israeli Strikes in Syria, www.haaretz.com, 15. 2.2018.

[10] Vgl. Yaakov Kedmi, Moscow on the Euphrates, in: „Israel Defense“, Winter 2018, Nr. 40, S. 19-22.

[11] Vgl. Jennifer Griffin und Lucas Tomlinson, New satellite photos show Iran establishing another base in Syria, www.foxnews.com, 27. 2.2018.

[12] Amos Harel, Satellite Images of Iranian Missile Base in Syria May Signal an Israeli Strike, www.haaretz.com, 3.3.2018.

[13] Tovah Lazaroff, McMaster: Time is now to act against Iran’s proxies, www.jpost.com, 18.2.2018.

(aus: »Blätter« 4/2018, Seite 37-43)
Themen: Naher & Mittlerer Osten und Krieg und Frieden

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