Der Kampf um die Stadt | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Der Kampf um die Stadt

von Richard Sennett

Am 8. November 2018 hielt der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett die diesjährige Democracy Lecture der »Blätter« – nach Thomas Piketty (»Blätter«, 12/2014), Naomi Klein (»Blätter«, 5/2015), Paul Mason (»Blätter«, 5/2016) und Wendy Brown (»Blätter«, 8/2017). Vor rund 1400 Zuhörerinnen und Zuhörern im »Haus der Kulturen der Welt« plädierte er für eine radikal offene Stadt, die zu einem Ort gelebter Demokratie wird.
Nachfolgend finden Sie Richard Sennetts Vortrag in ungekürzter Fassung sowie eine leicht gekürzte Fassung der anschließenden Debatte. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Henrieke Markert. Auf unserer Website www.blaetter.de können Sie sich zudem die Videoaufzeichnung der Veranstaltung anschauen. – D. Red.

Das Thema „Stadt“ beschäftigt mich schon seit geraumer Zeit, theoretisch wie praktisch. Mein neues Buch „Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens“[1] ist der letzte Band einer Trilogie namens „Homo faber“, über Menschen, Männer und Frauen, als Macher. Das erste Buch befasste sich mit dem Handwerk, das zweite Buch mit der Zusammenarbeit, und dieses Buch beschäftigt sich mit der gebauten Umwelt.

Im Rahmen meiner praktischen Arbeit war ich die letzten 38 Jahre als Berater für verschiedene Abteilungen der UNO tätig, vor allem für Projekte im öffentlichen Raum, die mich auch aus meiner Komfortzone gelockt haben. Ich musste lernen, die Stadt auf neue Art und Weise zu betrachten. Ich habe versucht, und das ist meiner Vorstellung von Stadtplanung geschuldet, viele dieser praktischen Erfahrungen in diesem Buch zu beschreiben, das sonst eher theoretischen Charakter hat.

Die Herausforderung für Sie besteht darin, dieses Material zu Schanghai, Delhi, Rio, also meinen Erfahrungen dort – ich war in vielen Städten eher Beobachter denn Experte –, auf Ihre eigene Umgebung zu beziehen. Damit soll sich unser Gespräch dann auch näher befassen.[2]

Ein Nachteil bei der Arbeit für die UNO ist, abgesehen von der unendlich scheinenden Anzahl von Meetings – es gibt kein noch so triviales Thema, das nicht für ein Meeting reichen würde –, dass wir als Außenstehende immer sehr diplomatisch und wohlwollend auftreten müssen, wenn wir in die Städte gehen, die ich Ihnen zeigen werde. Ich musste also meine eigenen politischen Überzeugungen bei der Arbeit an diesen Projekten zurückstellen, aber heute Abend werde ich sie wieder hervorholen.

Ich möchte über drei Dinge reden. Zuerst über den strukturellen Widerspruch zwischen Bauen und Bewohnen: der Entwicklung einer Form oder eines Projekts und dem Leben darin. Zweitens möchte ich darüber sprechen, wie der demokratische Kampf um eine Stadt als Verhältnis zwischen offener und geschlossener Form gesehen werden kann. Und drittens möchte ich Ihnen einige Fallbeispiele von Orten, an denen ich tätig war, für diese eher theoretischen Überlegungen zeigen.

Ville und cité: Die zwei Bedeutungen der Stadt

Um das Verhältnis von Bauen und Bewohnen geht es vor allem im ersten Kapitel meines Buches. Dort heißt es: Im frühen Christentum stand „Stadt“ für zwei Städte: die Stadt Gottes und die des Menschen. Augustinus benutzte die Stadt als Metapher für den göttlichen Glaubensplan, aber die antiken Leser seiner Schriften, die durch die Straßen und über die Märkte oder Foren Roms wanderten, fanden dort keine Hinweise darauf, wie Gott sich als Stadtplaner betätigen mochte. Auch als diese christliche Metapher verblasste, hielt sich weiter der Gedanke, dass „Stadt“ zwei verschiedene Dinge bedeutete – einen physischen Ort und eine aus Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Glaubensüberzeugungen bestehende Mentalität. Die französische Sprache fasste diese Unterscheidung als erste in zwei verschiedene Wörter: ville und cité.

Anfangs standen diese Begriffe für groß und klein: ville bezog sich auf die ganze Stadt, cité auf einen bestimmten Ort. Irgendwann im 16. Jahrhundert wurde cité zur Kennzeichnung der Lebensweise in einem Viertel, der Haltung der dortigen Bewohner gegenüber Nachbarn und Fremden und der Bindung an einen Ort. Diese alte Unterscheidung ist inzwischen zumindest in Frankreich verblasst; cité verweist heute meist auf jene trostlosen Viertel an den Rändern der Städte, in denen die Armen hausen. Der alte Wortgebrauch hat indessen Vorzüge, die eine Wiederbelebung rechtfertigen könnten, trifft er doch eine grundlegende Unterscheidung: Die gebaute Umwelt ist eine Sache; wie die Menschen wohnen, eine andere.

Das wurde mir bei meiner ersten Stelle als Stadtplaner in Boston bewusst, als ich in untergeordneter Funktion an einem Projekt mitarbeitete mit dem Ziel, schwarze und weiße Kinder auf dieselben Schulen zu schicken. Die Kinder aus den schwarzen Vierteln sollten mit Bussen in die Viertel der weißen Mittelklasse gebracht werden. Wie Sie vielleicht bei Mister Trump schon gesehen haben, ist Rassismus ein sehr großer Aspekt amerikanischen Lebens, in mancher Hinsicht sogar der dominierende. Die weiße Mittelklasse dort wehrte sich sehr geschickt gegen unsere Absicht, die schwarzen Kinder dorthin zu bringen. Damit ein Kind in die Schule gefahren werden kann, müssen die Busse irgendwo parken, also mussten wir Parkplätze bauen. Die weißen Eltern sagten, das sei ökologischer Schwachsinn, man wolle Grünflächen und keine Parkplätze, was in der Konsequenz bedeutet, dass die Kinder nicht kommen werden, wenn es keine Parkplätze gibt. Ich war sehr froh, dass meine Vorgesetzten sich nicht dem Vorwurf der Klassenschande beugten und wir mit dem Projekt weitermachten, auch wenn das recht gewalttätige Reaktionen von Seiten der weißen Eltern in der Stadt hervorrief, die die schwarzen Kinder bedrohten.

An diesem Beispiel wird ein grundlegender Aspekt im Verhältnis von Bauen und Bewohnen deutlich, eine Asymmetrie, ein Konflikt. Normalerweise gehen wir davon aus, dass ein Entwurf einfach den Vorstellungen der Menschen entsprechen und sich das Bauen nach dem Bewohnen richten sollte. Wenn aber diese Vorstellungen ungerecht sind, haben Planer die Pflicht, im Namen der Gerechtigkeit Widerstand zu leisten gegenüber dieser Gemeinschaft. Aus heutiger Sicht kann ich von meiner Arbeit bei der UNO sagen, dass die meisten Verantwortlichen in den großen Städten, in denen wir gearbeitet haben, Gated Communities wollten, also geschlossene Städte als Schutz vor Immigranten und Armen. Als Planer muss man dem widerstehen.

Man befindet sich dabei in einem zweifelhaften Verhältnis. Der globale Kapitalismus zieht sich Planer als Schoßhündchen heran, die dann die Strukturen für ihre Kapitalinvestitionen gestalten sollen. Es ist aber nicht nur das. Es gibt ein strukturelles Problem zwischen dem, wie Menschen leben möchten, wie sie gezwungen sind zu leben und wie Städte gebaut werden. Dieses grundlegende Problem ist mir schon früh in meinem Leben begegnet und ich glaube, dass es sehr verbreitet ist und eine Spannung in Städten produziert, vor allem in Schwellenländern.

Als ich anfing, mich näher damit zu beschäftigen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es irgendwann eine Lösung dafür gibt, wohl aber eine bessere Kenntnis dieser strukturellen Spannung, die das Problem vielleicht nicht beseitigt, aber doch zu einem besseren Umgang damit führt. Und damit komme ich zum zweiten Aspekt, über den ich reden möchte: dem Verhältnis zwischen geschlossenen und offenen Städten.

Offene versus geschlossene Städte

Eine offene Stadt ist eine demokratische Stadt, die allerdings bisweilen auf undemokratische Art und Weise erst „geöffnet“ werden muss. Und eine geschlossene Stadt kann eine Stadt sein, in der Menschen durchaus leben möchten, was sogar oft der Fall ist. Für uns stellt sich also die Frage, wie wir neue Ansätze umsetzen, wie wir die Stadt schrittweise öffnen können, so dass die Menschen darin leben möchten, statt ihrem Willen nach geschlossenen Städten nachzugeben.

Das Verständnis für das Verhältnis von offen und geschlossen fiel mir nicht in den Schoß, sondern es entwickelte sich während meiner Arbeit am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge/Massachusetts, wo ich meine Laufbahn als Stadtplaner vor langer Zeit begann. Mein Büro befand sich neben dem Media Lab, das in jener Zeit, den frühen 1980er und 1990er Jahren, ein pulsierendes Zentrum für kreative Ideen mit neuen Technologien war. Am einprägsamsten war der Geruch. Die Leute saßen dort rund um die Uhr und arbeiteten besessen an ihren Ideen. Überall lagen Pizzaschachteln herum und die Luft war angefüllt mit starken Gerüchen, ein Merkmal übrigens, das für mich auch offene Städte ausmacht.

Die Leute, die dort arbeiteten, machten eine interessante Unterscheidung zwischen einem Microsoft-Experiment und einem Media-Lab-Experiment. Ein Microsoft-Experiment überprüfte eine Hypothese auf deren Richtigkeit, und die Bedingungen für seinen Ausgang waren vorher bekannt. Das ist eine sehr wirksame Art der Forschung, man bekommt Ergebnisse. Das Media-Lab-Experiment hingegen interessierte sich für Schwierigkeiten, Unklarheiten. Man wollte herausfinden, warum Dinge nicht funktionierten, und Verläufe provozieren, die keinen Sinn ergaben. Die Leute im Media Lab grenzten beide Denkansätze voneinander ab, indem der eine als eine geschlossene Art und der andere als eine offene Art der Forschung bezeichnet wurde.

Übrigens wurde das Media Lab von Microsoft unterstützt. Damit sägten die Leute dort sprichwörtlich an dem Ast, auf dem sie saßen. Mir aber leuchtete diese Unterscheidung sehr ein, denn sie spiegelt zwei Arten wider, wie man soziale Systeme denken kann, also offen und geschlossen.

Ein geschlossenes System ist die Summe seiner Einzelteile. Dazwischen gibt es nicht viel Interaktion. Es ist ein additives System, in dem die Bedingungen festgelegt werden und man sehen kann, ob sie richtig oder falsch sind. Ein geschlossenes System sucht nach klaren Ergebnissen, während ein offenes System viel experimenteller ist, es interessiert sich für falsche Antworten. Jemand hat mir einmal gesagt: „In eine falsche Antwort möchtest du eintauchen, eine richtige Antwort dient lediglich der Operationalisierung.“

Komplexität statt Klarheit

Das ist eine sehr tiefgehende Bemerkung darüber, was herauskommt, wenn wir in einer offenen Art und Weise denken, nämlich Komplexität statt Klarheit. Das Denken in einem offenen System bevorzugt eher eine nichtlineare gegenüber einer linearen Vorgehensweise, wobei das Ganze mehr als die Summe seiner Einzelteile ist.

Der Gedanke, die Idee des offenen Systems auf die Verhältnisse einer Stadt anzuwenden, ist aber nicht allein von mir. Der Architekt Robert Venturi schrieb einmal: „Komplexität ist mir lieber als Klarheit. Ich möchte, dass die gebaute Umwelt die Ungewissheiten und Schwierigkeiten im Leben der Menschen widerspiegelt, anstatt dass sie ihnen klare Vorgaben macht, wie sie zu leben haben.“ Das scheint mir eine wichtige Aussage dazu, wie das Leben in einer offenen Stadt sein könnte. Die Schwierigkeit dabei ist, dass im modernen Kapitalismus alle Vektoren auf Schließung statt auf Öffnung zeigen. Die internationale Finanzwelt investiert beispielsweise nicht in problematische oder schwierige Flächen, wo es Überraschungen geben könnte und man das Projekt neu denken müsste. Es ist viel einfacher, alles dem Boden gleichzumachen, Bestehendes abzureißen und neu anzufangen, so dass man genau weiß, was dabei herauskommt.

Als ich für die UNO arbeitete, dachte ich mehr und mehr über diese Form des Kapitalismus nach, der die Städte immer weiter abschottete, oft auf Verlangen der Menschen selbst, um Schwierigkeiten oder andere Menschen von der Stadt fernzuhalten, um vor den Unterschieden zu flüchten. Ich erkannte darin eine vorherrschende Tendenz in der Entwicklung von Städten und fragte mich: Was kann man dagegenhalten?

Und hier, an diesem Punkt, liegt vielleicht die Schwachstelle der von mir gesammelten Erfahrungen. Denn als Stadtplaner erkannte ich zwar alternative Strukturen zu den verschiedenen baulichen Formen verkörperter Macht, lernte aber auch, dass es sich als sehr schwer herausstellte, etwas in der Stadt zu ändern. Das war eine ganz andere Sache.

Architekten und Stadtplaner haben diese Phantasie von einem Masterplan, der den Kapitalismus hinwegfegt und den Menschen genau vorgibt, wie sie zu leben haben. Daran glaube ich nicht. Ich frage mich eher, was man möchte, wenn man erst einmal die Macht in der Hand hält, diese halten kann und die Kontrolle übernimmt. Wie sieht die Stadt aus, die entstehen soll?

Bauen versus Bewohnen

In Anlehnung an meine Überlegungen zum strukturellen Widerspruch zwischen Bauen und Bewohnen ist zu sagen, dass es keinen Prototypen gibt, den man hochhalten könnte und von dem man sagen könnte: Das ist die offene Stadt, so sollten alle offenen Städte aussehen. Es gibt Alternativen, die alle problematisch sind und ebenso attraktiv wie unattraktiv. Aus diesem Grund fühle ich mich nicht ganz wohl, wenn ich zu Ihnen darüber spreche, wie die demokratische Krise in den Städten durch deren Öffnung gelöst werden kann, denn dafür gibt es keine ideologische Formel. Ich werde Ihnen daher bauliche Alternativen für offene und geschlossene Formen vorstellen. Die Machtverhältnisse sind in deren physische Gestalt eingeschrieben, werden aber oftmals nicht zum Diskussionsobjekt gemacht. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass man eine politische Partei für offene Wohnformen gründen könnte.

In meiner Urbanistik geht es ohnehin eher um das Nonverbale als um das Verbale, also um die Erfahrung der physischen Form statt um ideologische Erklärungen. Was für die theoretischen Bücher gilt, die ich darüber geschrieben habe, gilt auch für meine praktische Arbeit als Stadtplaner, von der ich mich glücklicherweise zurückgezogen habe. Ich werde Ihnen jetzt eine Reihe von Bildern zeigen, die Sie nicht in meinem Buch, aber auf meiner Website finden und herunterladen können, wenn Sie möchten.[3]

Zuerst möchte ich Ihnen den Gegensatz zwischen offener und geschlossener Form zeigen. Das ist ein offener Ort, ein Bild einer offenen Stadt. Was Sie im Folgenden sehen, ist ein Ort im Süden von Delhi, an dem wir arbeiten. Dieser Platz ist eigentlich das Dach einer dreistöckigen Tiefgarage. Und ursprünglich waren das mal Bürogebäude für Beamte der Stadt. Die Stadt wurde reicher, die Beamten kamen in Gegenden, die man für angemessener hielt, und die Menschen stürzten sich auf das Gebäude. Das ist ein Ort mit einem besonderen Charakter: die Silicon Alley von Delhi. Die meisten Menschen hier verkaufen illegale Software, Programme oder nicht registrierte Telefone. Und in den Büros an der Seite befinden sich Start-ups, etwa von Leuten, die defekte Telefone reparieren.

 

 

Was diesen Ort zu einem offenen Ort macht, ist nicht die Schattenwirtschaft oder dass er frei zugänglich ist – es ist einfach das Dach einer Tiefgarage, auch wenn sich hier jeden Tag 46 000 bis 58 000 Menschen aufhalten –, sondern dass die Verkäufer dieser elektronischen Artikel und die Menschen in den Start-ups Hindus und Muslime sind. Das ist der sicherste Teil von Delhi. Von allen öffentlichen Plätzen der Stadt gibt es hier die geringste Gewalt. Denn hier mischen sich sehr unterschiedliche Menschen und gehen einer gemeinsamen Aktivität nach, indem sie entweder Software entwickeln oder Waren verkaufen. Außerdem mischen sich Menschen, die fortschrittliche Technologien entwickeln, mit anderen, die Saris, Chapati und alles Mögliche anbieten. In der Nacht ist er wieder anders, denn dann verlassen die Händler den Ort und er wird von den vielen Obdachlosen, die es in Indien gibt, bewohnt.

Da dieser Ort einem Wolkenkratzer weichen soll, sind wir hier mit einem Projekt eingeschritten und haben versucht, ihn in das UNESCO-Welterbe aufzunehmen zu lassen. Es ist grotesk, dass eine offene Stadt etwas ist, dass offiziell geschützt werden muss. Das ist nur ein Beispiel aus Indien, wie eine offene Stadt aussehen kann.

Ein geradezu gegensätzliches Beispiel für dieses Problem ist eine vergleichsweise neue Arbeitersiedlung in Peking. Die Qualität der Gebäude dort ist sehr gut, es gibt Toiletten mit Spülung, das Wasser ist sauber, die Stromzufuhr stabil. Das einzige Problem ist, dass eine Reihe sozialer Probleme aufgetaucht sind, die ein von der Öffentlichkeit isolierter Ort nun einmal hervorbringt. Es gibt keinen Ort, wo sich die Kinder aufhalten können, alte Menschen sind in ihren Wohnungen gefangen. Hier hat die Formalisierung das soziale Leben vernichtet. Das sind also Beispiele für offene und geschlossene Orte in Städten wie Peking oder Dehli.

 

 

Und das ist der „Plan Viosin“ von Le Corbusier für den Marais in Paris von 1924/25. Ein eingeebneter Marais mit identischen, sehr schönen 18-stöckigen Türmen. Hier zeigt sich bereits eines der ersten strukturellen Merkmale eines geschlossenen, additiven Systems. Es gibt keine Interaktion, die das Ensemble zu mehr machen würde als der Summe seiner Einzelteile. Wir finden hier keine Spur von dem, was Aristoteles als synoikismos einer Stadt bezeichnete, was uns an das Wort Synergie denken lässt. Die Investition in ein derart additives, geschlossenes System ist für das globale Kapital sehr attraktiv.

Ich komme noch einmal zurück zur Siedlung in Peking und dem sozialen Problem dort. Diese Wohnblöcke wurden gebaut, als man in China nur ein Kind pro Familie wollte. Heute benötigt China aber Familien mit zwei oder drei Kindern, weil es so viele ältere Menschen gibt und es Arbeitskräfte braucht, die für sie zahlen. Das Problem ist eine zu starre Form. Wir haben hier für die UNO hin- und her kalkuliert. Letztlich kommt es billiger, die ganze Siedlung abzureißen und neu zu bauen, als zu versuchen, mit den sehr genauen Vorgaben des Bestehenden umzugehen.

Es ist immer dasselbe Problem: Sobald zwischen dem, was ein Objekt ist, und dem, was es tun soll, eine zu enge Verbindung besteht, wird es schnell obsolet. Die Herausforderung besteht also darin, diese Verbindung zu lockern. Urbanisten müssen darüber nachdenken, wie man Formen flexibler gestalten kann und sie den veränderten Lebensgewohnheiten der Menschen angepasst werden können.

Von der Grenze zur Öffnung

Ich zeige Ihnen dazu abschließend drei Projekte, in die wir involviert waren.[4] Zuallererst interessierten uns Trennlinien zwischen verschiedenen Städten. Es gibt zwei Arten von Trennlinien: Ränder, die durchlässig sind, und Grenzen, die wie die Mauer von Trump undurchlässig sind. Es gibt natürliche Trennlinien wie zwischen Land und Wasser, eine biologisch sehr lebendige Zone mit rasanter Entwicklung. Ihr Merkmal ist die Durchlässigkeit. Exemplarisch zeigt sich diese Herausforderung in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela. Da gibt es auf der einen Seite den bürgerlichen Stadtteil und auf der anderen das sogenannte Caracas der Barrios, der Slums, was eigentlich fast die ganze Stadt ausmacht. Und die Trennlinie zwischen diesen beiden Bereichen ist diese dreispurige Autobahn im folgenden Bild, deren Verkehrsstrom die Menschen vom Rest abschneidet. Es gibt eine Brücke, die am Morgen von Bediensteten überquert wird, um in den Apartments zu arbeiten. Es gibt aber keine entsprechende Bewegung in die andere Richtung. Diese Straße ist übrigens ein Projekt von Hugo Chávez.

 

 

Wir haben uns gefragt, wie wir diese Linie durchlässiger machen können, um der Isolation entgegenzuwirken. Neben dem Bau einiger Brücken haben wir vor allem öffentliche Dienste entlang der Linie selbst installiert. Wenn man also nun in eine Klinik muss, dann kann diese Klinik auch von Menschen aus den Barrios genutzt werden. Wir haben auch versucht, einige Gebäude abzureißen und dort Schulen für sehr kleine Kinder zu bauen, die von Arm und Reich genutzt werden können. Wir wollten bewusst nicht viele Geschäfte ansiedeln, sondern Verwaltungsgebäude für Menschen in der ganzen Stadt. Wir versuchen, auch die Autobahn zu verkleinern, damit es nicht mehr drei Spuren pro Richtung sind, sondern nur noch zwei und, wie ich hoffe, eines Tages eine.

Weiche Ränder statt harter Grenzen

Das ist ein Weg, eine Stadt zu öffnen, indem die Linien mehr zu Rändern denn Grenzen werden. Dieses Projekt verfolge ich seit mehreren Jahren zusammen mit Richard Burdett und anderen Leuten von der London School of Economics. Uns interessiert, wie man ein gleich großes Gebiet bei gleicher Bevölkerungsdichte offener gestalten kann.

Das nun folgende Projekt ist eine geschlossene Form, wie wir sie in Peking vorfinden können, mit schlecht genutztem Raum und ohne soziales Leben. Die traditionelle Antwort darauf wären diese geraden Straßen. Uns aber interessiert: Wie kann man flexiblere Formen schaffen, damit man viel offenen Raum hat, viele Eingänge und Ausgänge?

 

 

Es geht also um den Versuch, die Verbindung zwischen Form und Funktion zu lockern. Ein klassisches Beispiel für diesen Ansatz ist ein Projekt von Enrique Aravena in Iquique, Chile, das bessere Standards für selbstgebaute Häuser anstrebt. Es geht darum, den Menschen nur eine Infrastruktur für ein gutes Haus zur Verfügung zu stellen, welches sie dann selbst fertig bauen können, statt es ihnen komplett, aber in schlechter Qualität zu übergeben.

Der Architekt flippt natürlich aus, wenn er dann am Ende so ein Fenster im Kolonialstil sieht, das man in Chiles Äquivalent zum Möbelhaus Ikea bekommt. Man sieht ja, wie schön es ist. Interessanter ist hingegen, wie wir städtische Infrastruktur offen nutzen und denken können, wie wir sie also „kolonisieren“ können.

Dafür steht auch ein Beispiel aus meiner Zeit bei der Planungskommission von New York, die Überführung eines Highways. Auf der einen Seite liegt die Columbia University, auf der anderen das mehrheitlich schwarze Viertel Harlem. Aber die Leute von der Columbia und die Einwohner von Harlem begegneten sich nur selten. Also haben wir einen Supermarkt unter die Autobahn gebaut. Mir persönlich gefällt die Nutzung dieses Ortes sehr. Wenn man eine Packung Milch kaufen möchte, wird man nun vielleicht in den gleichen Supermarkt gehen wie jemand einer anderen Hautfarbe. Das ist wichtig, weil der Begriff „Stadtentwicklung“ oft suggeriert, dass es in diesen Städten vorher nichts gab, so als hätte es dort nur unberührtes Land gegeben, bevor Massen von Menschen hereingeströmt sind. Das stimmt aber nicht. In den meisten Fällen hat man es mit verlassenen Grundstücken oder Gebäuden zu tun, die nicht mehr nutzbringend sind und deren Besitzer darauf warten, dass jemand einen Gebrauch dafür findet. In der Zwischenzeit werden sie dann von den Armen bevölkert.

Dass Entwicklung im leeren Raum stattfindet, ist eine Phantasie. Wir suchen also Wege, öffentlichen Raum zu kolonisieren, so wie diesen, um etwas Durchlässiges zu schaffen, das eine Stadt aus dem entstehen lässt, was einst verlassen wurde, Ich versuche das gerade im ghanaischen Accra umzusetzen, als Teil eines größeren Teams.

 

 

Urbaner Kosmopolitismus

Fast zum Abschluss muss ich Ihnen noch dieses Bild zeigen. Hier sieht man Jane Jacobs und mich bei einem Drink in der „White Horses Tavern“, dem bekannten Künstlerlokal in Manhattan. Sie war meine große Mentorin und aus meiner Sicht die bedeutendste Vertreterin unserer Zunft des letzten Jahrhunderts. Aber die wichtigste Person auf diesem Bild ist aus urbanistischer Sicht dieser zusammengesunkene Betrunkene hier. Ich, der Mann im Bunde, fragte, ob wir nicht einen Arzt rufen und Hilfe holen sollten. Und sie erwiderte: „Sei nicht so engstirnig. Lass ihn doch. Wer gibt dir das Recht einzugreifen? Er schläft nur seinen Rausch aus und tut niemandem etwas zuleide.“ Genau das macht eine kosmopolitische Haltung gegenüber Unterschieden aus. Jedes Mal, wenn ich dieses Bild betrachte, denke ich daran und an die Vorstellung, dass man eine Stadt schaffen kann, in der Menschen sehr unterschiedlich sind, nicht auf die nette und schöne liberale Art und Weise, sondern auch auf eine verstörende Art.

 

 

Das letzte Projekt, in dem wir involviert sind, hat mit dem Klimawandel zu tun. Sie erinnern sich sicher an Hurrikan „Sandy“, der 2012 New York City überflutet hat. Danach fragte man sich, wie man mit dieser Art Klimawandel umgehen kann. Wir wissen natürlich lange im Voraus, was mit dem Klimawandel auf uns zukommen wird: steigende Meeresspiegel, die Desertifikation vieler Städte wegen sinkender Grundwasserspiegel, heftige Stürme und so weiter. Wir wissen allerdings nicht, wann genau es extreme Stürme geben wird. Denn das ist eine nichtlineare Entwicklung in diese Richtung. Wir können nicht voraussagen, dass am 14. November so ein Sturm kommt. Das geht gerade nicht. Das System ist also chaotisch in seinem Verhalten, aber nicht in seinen Ergebnissen.

Das wirft die Frage auf, wie wir mit dem Klimawandel mit Blick auf die Anpassung und Veränderung existierender Formen umgehen. Das hier ist ein Projekt von Bjarke Ingels namens „Necklace“ (zu Deutsch: Halskette), das aus einer Barriere besteht, einem hohen Rand aus aufgehäufter Erde, der sich um die Halbinsel Manhattan zieht. In Holland gibt es viele davon. Das Problem ist, dass dieses Bauwerk auf einer längst überholten Prognose basiert, wie hoch die Barriere sein sollte, so dass die Menschen dahinter geschützt sind. Sie hat viele gute Funktionen. Entscheidend aber ist: Sie dient der Abschottung, so als wollte man sich einen Weg aus dem Klimawandel bauen.

Meine Gruppe am MIT hat eine andere Vorstellung davon, wie man solche Barrieren einsetzen kann. Wir benutzen die gleichen Barrieren sowie Bepflanzungen, aber außerhalb von Manhattan, um die Kraft plötzlicher Stürme abzumildern, aber vor allem um sich davon wieder zu erholen. Wir versuchen nicht, uns durch Bauwerke vom Klimawandel abzuschotten, sondern vielmehr offen mit ihm umzugehen, und zwar so, dass die Ränder der Stadt eher unscharf und durchlässig sind. Die Abschottung – als Prinzip wie als Projekt – möchte das Problem umgehen. Selbst ein so ausgeklügeltes Bauwerk wie die Barriere von Bjarke Ingels versucht, sich einen Weg aus dem Klimawandel zu bauen, während unser Projekt, welches viel stärker auf den Prinzipien offener Systeme basiert, ein Weg ist, mit dem Klimawandel umzugehen und ein System der kleinen Widerstände zu schaffen.

Teilhabe vor Schönheit

Um zum Abschluss noch einmal zusammenzufassen: Zuerst habe ich Ihnen gezeigt, was meiner Meinung nach ein struktureller Fehler zwischen Bauen und Wohnen ist, eine strukturelle Asymmetrie, die nicht durch den richtigen Entwurf aufgehoben werden kann, der den Menschen Gerechtigkeit ebenso wie Gemeinschaft garantiert. Beide sind strukturell dissonant. Das zweite Ziel meiner Arbeit ist, damit umzugehen, indem ich überlege – und genau das bedeutet für mich urbane Demokratie –, wie man die Stadt offener gestalten kann, anstatt sie zu schließen. Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, dass die Idee der offenen Stadt aus der Systemtheorie kommt, nicht von einem schönen Bild. Viele der Beispiele für offene Orte sind sogar eher hässlich. Aber es geht hier nicht um Schönheit, sondern um die Teilhabe von Menschen und die Zugänglichkeit zur Stadt. Im dritten Teil schließlich habe ich Ihnen anhand einiger UNO-Projekte gezeigt, wie Offenheit und Geschlossenheit in aufstrebenden Städten aussehen kann.

Was ich abschließend sagen möchte, ist für mich eine Art philosophische Grundlage dieses Ansatzes. Ich glaube, dass der hohe Grad an Geschlossenheit heutzutage daher kommt, dass die Menschen das Gefühl haben, sie kämen nicht mit Komplexität zurecht, mit Unterschieden und Ungewohntem, mit Menschen, die sie nicht mögen, oder neuen Situationen. Und diese Unfähigkeit, mit Unterschieden umzugehen, speist eine kapitalistische Wirtschaft, die davon profitiert, die Menschen nur das tun zu lassen, was sie möchten, was bequem und gewohnt ist. Ich gehe hier nicht vertiefter auf Facebook ein, aber es macht besonders klar, worum es geht. Facebook ist ein geschlossener Kreis von Freunden, von Likes, und seinen gierigen Algorithmen, die davon profitieren.

Was ich Ihnen dagegen präsentiert habe, ist kein politisches Rezept, aber ein Grund zu der Annahme, dass die Menschen in den Städten kompetenter werden. Die in Städten lebenden Menschen lernen, mit der dort existierenden Komplexität umzugehen, ohne daran, wie man in Amerika sagt, „kaputtzugehen“, wenn sie einer schwarzen oder geflüchteten Person auf der Straße begegnen. Viele der politischen Schwierigkeiten, die wir im Moment erleben, sind dagegen das Ergebnis von gewolltem Rückzug und einer Wirtschaft, die von Personalisierung profitiert, von Bequemlichkeit und Bedienfreundlichkeit. Diese ganze Benutzerfreundlichkeit ist eine furchtbare Idee. Es bedeutet, dass man keine Anregung bekommt. Eine Stadt sollte dagegen gerade nicht benutzerfreundlich sein, sondern ein Ort, wo man lernt, wie man mit schwierigen Personen und anderen Menschen umgeht – erst das macht sie wirklich zu einer offenen Stadt.

 

© Foto "Caracas Venezuela": Alejandro Solo/Shutterstock; alle anderen Fotos: Richard Sennett (privat)

 


[1] Richard Sennett, Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens, Berlin 2018.

[2] Vgl. die Debatte in dieser Ausgabe.

[3] Vgl. www.richardsennett.com.

[4] Die technischen Einzelheiten finden Sie in einer Publikation namens „Quito Papers“, die zur Grundlage für die Habitat-III-Konferenz diente, die ich vor drei Jahren in Quito, Ecuador, mitorganisiert habe und wo wir viele dieser Projekte vorgestellt haben. Vgl. UN-Habitat, The Quito Papers and the New Urban Agenda, Boca Raton/Florida 2018.

(aus: »Blätter« 12/2018, Seite 78-91)
Themen: Demokratie, Kapitalismus und Soziale Bewegungen

top