Der verführte Feminismus | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Emanzipation oder Backlash

Der verführte Feminismus

CC0 Public Domain Foto: CC0 Public Domain

von Nina Power

In Theorie und Praxis marxistischen und postmarxistischen Denkens ist etwas in Bewegung geraten: Ältere Auffassungen von Arbeit und Arbeitsorganisation werden zunehmend infrage gestellt, denn ein Großteil der verrichteten Arbeit besteht heute in Dienstleistungen, nicht zuletzt in Gestalt affektiver und emotionaler Arbeit, und auf dem Arbeitsmarkt überwiegen Frauen. Angesichts dessen stellt sich die Frage, wie der Arbeitsbegriff so erweitert werden kann, dass er diese Aspekte mit einbezieht. Um zu einer angemesseneren und fundamental feministischen Analyse der Arbeit zu gelangen, lohnt ein Blick auf die feministischen Debatten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die diese Themen lange und intensiv behandelt haben. Ein erweiterter Arbeitsbegriff, der Care – Sorgearbeit – angemessen berücksichtigt, ist überfällig.

Worum es hier geht, ist die Frage der Hege und Pflege im umfassenden Sinn: die Gesamtheit der Arbeit, die – bezahlt und unbezahlt – geleistet wird, um das Leben überhaupt zu ermöglichen. Die Unterminierung, ja Leugnung der Rolle, die Frauen dabei übernehmen, gehört zu den bestimmenden Eigenschaften des Kapitalismus. Der Philosophin Silvia Federici zufolge sollte Reproduktion als die „Gesamtheit der Tätigkeiten und Beziehungen verstanden werden, durch die unser Leben und unsere Arbeitskraft tagtäglich rekonstituiert werden“,[1] will sagen: alles, was das Leben überhaupt erst möglich macht und alles, was seiner fortwährenden Erhaltung dient. Reproduktion ist in diesem weit gefassten Verständnis die Sphäre, in der die inhärenten Widersprüche der entfremdeten Arbeit am „explosivsten“ sind.

Für die feministische Analyse der sozialen Reproduktion ist „Sorge“ eine Zentralkategorie. Der Doppelcharakter der Reproduktionsarbeit, von dem Federici spricht, bedeutet, dass soziale Reproduktion nicht schlicht und einfach Arbeit im Dienste des Kapitals leistet, sondern manchmal auch im Widerspruch zu diesem steht. Erzwungene oder als Pflicht eingeforderte Sorge ist problematisch – also emotionale Arbeit unter Zwang: Tu dies, weil Du eine Frau bist und man erwartet, dass Du dich kümmerst. Aber Sorgegemeinschaften, die selbstständig arbeiten und sich des Drucks impliziter wie expliziter Reproduktionsanforderungen bewusst sind, sind per se widerständig, eben weil sie sich nicht der Logik erzwungener Vereinzelung und individueller Eigenpromotion unterwerfen, die ihnen Arbeitsmarkt und Konsumkultur ansonsten abverlangen.
Doch wie kann man Abhilfe schaffen, wenn es einen allgemeinen Mangel an Care, an Sorge gibt? Federicis jüngste Studien zur Altenbetreuung zeigen eine instabile Verlagerung der Sorgearbeit für ältere Menschen auf die Schultern von Frauen, auf Familienmitglieder wie auch auf schlecht bezahlte und schlecht behandelte Arbeitskräfte aus anderen Ländern. Die Tatsache, dass Fragen der Altenbetreuung international nicht gerade „oben auf der Agenda der Bewegungen für soziale Gerechtigkeit und der Arbeiterbewegungen stehen“,[2] ist ein ernstes Problem und bleibender Ausdruck einer Art Fetischisierung von Lohnarbeit und Lohnempfängern sowie der individuellen Erwerbsbiographie. Jenseits des Arbeitslebens, im Ruhestand, ist der Mensch sowohl für Regierungen wie für die marxistische Linke quasi nicht länger existent. Die menschliche Sorge durch Maschinen – in Gestalt von Robotern oder Bildschirmen – zu ersetzen, ist eindeutig keine Lösung: Reproduktionsarbeit lässt sich, allen futuristischen Phantasien zum Trotz, nicht automatisieren.

Das emanzipatorische Potential der Lohnarbeit

Auch deswegen finden heute zwei lange umkämpfte Positionen eine eigenartige Resonanz. Da ist erstens die Vorstellung „autonomer“ Marxisten, Hausarbeit schaffe Mehrwert – entweder „direkt oder indirekt“, wie Kathi Weeks sich ausdrückt.[3] Damit einher geht die Forderung nach ökonomischer Anerkennung des Wertes, den diese Arbeit schafft. Das geschieht nicht etwa, um Hausarbeit als solche aufzuwerten, sondern um den Blick auf die Art und Weise zu richten, wie das Lohnarbeitsverhältnis im Rahmen des Kapitalismus funktioniert und wie dieser auf enorme Mengen unbezahlter Frauenarbeit angewiesen ist. Federici formuliert den Sachverhalt so: Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Produktionssystem zu tun, „das Produktion und Reproduktion des Arbeiters nicht als sozioökonomische Aktivität und als Quelle der Kapitalakkumulation anerkennt, sondern stattdessen als natürliche Ressource oder individuelle Zuwendung mystifiziert und zugleich von der kategorischen Nichtentlohnung solcher Arbeit profitiert.“[4]

Die Grundsatzkritik am Zwang zu arbeiten,der „Kampf darum, nicht arbeiten zu müssen“ steht im Zentrum der aus dieser Sichtweise erwachsenden Kampagne: „Wenn Männer eine Arbeit verweigern, halten sie sich für militant, aber wenn wir unsere Arbeit verweigern, halten die selben Männer uns bloß für nörgelnde Ehefrauen.“ Das Spannungsverhältnis zwischen der Forderung nach Anerkennung und Wertschätzung nicht entlohnter Arbeit einerseits und der Forderung, häuslicher oder außerhäuslicher Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen grundsätzlich ein Ende zu bereiten, andererseits besteht seit jeher. In „Wages against Housework“ schreibt Federici: „Die Entlohnung von Hausarbeit zu fordern bedeutet nicht, dass wir sie gegen Bezahlung weiterhin verrichten. Es bedeutet genau das Gegenteil.“[5]

Dem entgegen steht, zweitens, die Vorstellung, dass Frauen um entlohnte Beschäftigung kämpfen sollten, und/oder der Hinweis, dass Frauen seit eh und je typische Hausarbeit gegen Bezahlung verrichten. So stellt etwa Angela Davis fest: „In den Vereinigten Staaten leisten farbige Frauen – und besonders schwarze Frauen – seit Jahrzehnten entlohnte Hausarbeit. [...] Putzfrauen, Haushaltshilfen, Dienstmädchen – diese Frauen wissen besser als irgendwer sonst, was es heißt, für Hausarbeit bezahlt zu werden.“ Darüber hinaus betont Davis, dass der Kampf um gleichen Zugang zu bezahlter Beschäftigung ein revolutionäres Potential besitzt, weil es der Arbeitsplatz ist, an dem die Beschäftigten sich gemeinschaftlich organisieren können, um Ausbeutung zu bekämpfen. „Im Kapitalismus bergen Kampagnen für Jobs, in denen Frauen auf der gleichen Basis entlohnt werden wie Männer, in Verbindung mit Kampagnen für soziale Einrichtungen – wie subventionierte öffentliche Gesundheitsversorgung – ein explosives revolutionäres Potential.“[6]

Das liberal-feministische Plädoyer für einen besseren Zugang zur Berufstätigkeit als Maßstab der Gleichberechtigung ähnelt oberflächlich der Position von Angela Davis: Beide betonen, bezahlte Arbeit sei der entscheidende Hebel zur Durchsetzung der definitiven Gleichstellung von Frauen und Männern. Allerdings tendiert die liberal-feministische Haltung zur Lohnarbeit dazu, diese als Selbstzweck und als individuelle Errungenschaft zu verstehen, ohne deren ausbeuterischen Charakter im Kapitalismus infrage zu stellen. Angela Davis hingegen sieht Lohnarbeit und die Organisierungsmöglichkeiten, die sie eröffnet, als den Schauplatz revolutionärer Selbstorganisation und Emanzipation der Arbeitenden.

Die Feminisierung der Arbeit: Das verborgene Terrain der Ausbeutung

Aber ist der Optimismus hinsichtlich des emanzipatorischen Potentials der (Lohn-)Arbeit wirklich begründet – sei es in der liberal-feministischen Variante (Befreiung durch Partizipation) oder in der marxistisch-feministischen, die den Arbeitsplatz als Dreh- und Angelpunkt für die Organisation der Arbeiterklasse sieht? Die Ausbeutung, die den Kern der kapitalistischen Lohnarbeit ausmacht, ist in den letzten Jahrzehnten ja nicht verschwunden, sondern hat im Gegenteil noch zugenommen. Gleichzeitig aber heißt es, die Arbeit als solche sei in vielen Teilen der Welt oder in bestimmten Sektoren weiblicher geworden. Doch worum handelt es sich bei dieser „Feminisierung“ der Arbeit? Oft heißt es, Arbeit habe zunehmend Eigenschaften angenommen, die traditionell mit Frauen assoziiert werden – Kommunikation, Service- und Sorgearbeit oder das, was Arlie Russell Hochschild „Emotionsarbeit“ nennt.[7]

Die Theorien über die Feminisierung der Arbeit weisen Gemeinsamkeiten mit anderen aktuellen Arbeitstheorien auf: affektive Arbeit, kognitiver Kapitalismus etc., wie sie insbesondere Michael Hardt und Antonio Negri vertreten haben. Diese Beschreibungen versuchen, etwas vom postfordistischen Wesen zu erfassen, das Arbeit heute großenteils kennzeichnet. Die so verstandene Arbeit stellt unter anderem Anforderungen an Wissen, Sprachkenntnisse, emotionale Kompetenzen und die Bereitschaft, sich auf eine Verwischung der Grenze zwischen Leben und Arbeit einzulassen. Was einst ganz der Privatsphäre zugewiesen wurde – Liebe, Freizeitverhalten, Persönlichkeit –, zählt zunehmend als Ressource, die Arbeitgeber ausbeuten, um ihren Kunden den besten Service zu bieten. So wird nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch die Seele gekauft. Gleichzeitig ist der Wunsch nach einer Life-Work-Balance (sofern man an der Illusion festhält, es handele sich da um voneinander getrennte Sphären) in flexible Arbeit umgemünzt worden, bei der besonders Frauen schlechter bezahlt und mit weniger Arbeitsstunden ausgestattet werden. Damit erweist sich das Verhältnis zwischen Feminismus und Lohnarbeit als „unglückliche Ehe“. Die großen Erwartungen, die letztere geweckt hatte, wurden nicht eingelöst: Statt eines erfüllteren Lebens ermöglicht die Lohnarbeit dessen verstärkte Ausbeutung.

Viele Debattenbeiträge behandeln Arbeit unter dem Aspekt ihrer Prekarität. Dieser Begriff soll vieles von dem erfassen, was in heutigen Beschäftigungsverhältnissen verloren geht oder zu gehen scheint – Jobsicherheit, Rente, Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und anderes mehr. Arbeit wird zunehmend als fragmentarisch betrachtet, als unsicher und auf Teilzeitarbeit reduziert.

Das zieht die Vorstellung nach sich, die Arbeiterklasse sei sozusagen umgesiedelt und geografisch erheblich mobiler geworden. Manche feministischen Stimmen stellen allerdings die Originalität der Prekaritätsthese und insbesondere deren Übernahme durch Theoretiker wie Hardt und Negri infrage. Letztere zählen zu den Vorkämpfern einer solchen Sichtweise, insbesondere durch die Einführung des Begriffs der Multitude. Dieser soll das amorphe Verhältnis zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit erfassen sowie die die konstitutive Qualität der Kompetenzen, die in heutigen Arbeitsverhältnissen ausgebeutet werden, nämlich die Netzwerkkompetenz und die Fähigkeit, mit Sprache und Information umzugehen. „Der Begriff der ‚Multitude‘“, konstatiert Federici, „suggeriert, dass alle Unterschiede, alle Spaltungen innerhalb der Arbeiterklasse verschwunden oder politisch nicht mehr relevant sind. Doch das ist offenkundig eine Illusion. Einige Feministinnen haben darauf hingewiesen, dass prekäre Beschäftigung kein neues Phänomen ist. Frauen hatten immer ein prekäres Verhältnis zur Lohnarbeit.“ Die zeitgenössische Theoriebildung in Sachen Arbeit scheint erst allmählich auf den Stand feministischer Erkenntnisse von vor vierzig Jahren zu kommen: Die Vorstellung von Prekarität ist etwas, das schon das Verständnis von weiblicher Arbeit in früherer Zeit bestimmte. Federici argumentiert, solange der feministische Arbeitsbegriff nicht ins Zentrum unseres allgemeinen Verständnisses davon rücke, was Arbeit sei, könne keine der eingetretenen Transformationen wirklich begriffen werden: „Die Negrische Theorie prekärer Arbeit ignoriert einen der wichtigsten Beiträge feministischer Theorie und Praxis oder weicht diesem aus, nämlich der Erkenntnis, dass die unbezahlte Reproduktionsarbeit der Frauen eine Schlüsselressource der kapitalistischen Akkumulation ist. Indem sie Hausarbeit als ARBEIT redefinierten, also nicht als Privatsache, sondern als die Arbeit, die Arbeitskraft überhaupt erst produziert und erhält, haben Feministinnen ein neues, entscheidend wichtiges Feld der Ausbeutung entdeckt, das von Marx und der marxistischen Theorie vollständig ignoriert worden ist.“[8]

Federici hat Recht, wenn sie Frauenarbeit und insbesondere die Erwartung, dass Frauen enorme Mengen unbezahlter Arbeit verrichten, als das verborgene Terrain der Ausbeutung bezeichnet: Wer heutzutage über affektive und prekäre Arbeit schreibt, wäre gut beraten, genau hierauf zu achten. Ihre Analyse kann allenfalls um die Aussicht ergänzt werden, dass zukünftig von jedem Menschen erwartet werden wird, mehr unentgeltliche Arbeit zu verrichten – in der ganzen Bandbreite von Praktika bis zu unbezahlten Überstunden. Die Feminisierung der Arbeit geht überdies mit der Vorstellung einher, dass jegliche Arbeit schließlich an die – historisch gesehen – schlimmsten Aspekte der Frauenarbeit erinnern wird: also (wenn überhaupt) schlecht bezahlte Arbeit, schreckliche Arbeitsbedingungen, verklärt durch die Einbildung, all dies tue frau letztlich aus Herzensgüte heraus.

Feminismus und Kapitalismus – eine »unglückliche Ehe«?

Was also lässt sich über das gegenwärtige Verhältnis nicht nur zwischen Feminismus und Arbeit sagen, sondern auch darüber, was aus dem Feminismus als politisch dringliches Anliegen geworden ist? Die massiven historischen Errungenschaften des Feminismus, einschließlich des anhaltenden Aktivismus in der Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen und der theoretischen Arbeit hierüber, des Anspruchs auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper oder der Kritik einer Kultur der Vergewaltigung sind enorm wichtig und bleiben virulent. Gleichzeitig aber ist der Feminismus für zutiefst reaktionäre Ziele eingespannt worden: Die Kooptation des Feminismus, etwa zur Rechtfertigung imperialer Kriege oder zur Durchsetzung bedrückender Konsumismus-Modelle, ist untrennbar mit der Fähigkeit von Kapitalismus und Nationalismus verbunden, Diskurse und Begrifflichkeiten für ihre Zwecke umzudeuten. Darüber hinaus gibt es zwei weitere Gründe zur Besorgnis: die Missachtung der feministischen Beiträge zum marxistischen Denken, aber auch die Frage, was aus dem Feminismus wird, wenn er sich von einem lebensfähigen politischen Projekt ablöst.

Es steht außer Zweifel, dass der Feminismus in den vergangenen Jahrzehnten von bestimmten politischen Strömungen effektiv kooptiert, assimiliert und unterminiert worden ist. Seit 2009, seit fast zehn Jahren also, hören wir nun entschiedene Warnungen vor einem unkritischen Umgang mit dem Feminismus und seiner Geschichte: Damals veröffentlichte Nancy Fraser ihren Artikel „Feminism, Capitalism and the Cunning of History“[9] und Hester Eisenstein ihr Buch „Feminism Seduced“[10], und auch Angela McRobbie argumentierte in „The Aftermath of Feminism“[11] teilweise ähnlich. Diese Theoretikerinnen stimmen in einem beträchtlichen Maß miteinander überein: Alle drei begreifen ihr jeweiliges Projekt als – mit Fraser gesprochen – „Rückblick“ auf den Feminismus der zweiten Welle, den sie als „epochales gesellschaftliches Phänomen“ bewerten. Sowohl Fraser als auch Eisenstein und McRobbie versuchen zugleich, die Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Tendenzen und Wandlungen innerhalb des Kapitalismus der Nachkriegszeit zu bestimmen: als „den neuen Geist des ‚Kapitalismus‘/Neoliberalismus“ (Fraser)[12], als „globalisierten Konzernkapitalismus“ (Eisenstein)[13] oder als „das derzeitige globale und immer noch patriarchale System ökonomischer Macht und Herrschaft“ (McRobbie).[14]

Alle drei Autorinnen konstatieren die verstörende Konvergenz einiger Ideale des Zweite-Welle-Feminismus mit den Anforderungen einer heraufziehenden neuen – postfordistischen, desorganisierten, transnationalen – Form des Kapitalismus. Fraser zeichnet ein überaus beunruhigendes Bild, wenn sie feststellt, feministische Denkansätze hätten selbst – unwissentlich – dieser neuen Form des Kapitalismus wichtige Instrumente geliefert. Eisenstein sieht das ähnlich: „Der feministischen ‚Revolution‘ der 1960er und 1970er Jahre lag der Bedarf der kapitalistischen Ökonomie nach Frauenarbeit zugrunde.“ Etwas provokant könnte man fragen, was denn zuerst da war, der Feminismus oder das Bestreben des Kapitalismus, das Reservoir an ausbeutbarer Arbeitskraft zu vergrößern? Wozu aber wäre ein Feminismus nütze, der seine Verbindung mit einer Fundamentalkritik aller bestehenden Ausbeutungsformen, darunter derjenigen des Arbeitsmarkts, gekappt hätte?

Fraser konfrontiert den kulturellen Erfolg des Second-Wave-Feminismus mit seinem „relativen Scheitern bei der Transformation der Institutionen“. Sie bezieht sich hier darauf, dass der weitverbreiteten Akzeptanz, die die feministische Kritik an ungleicher Entlohnung oder an sexueller Belästigung findet, nicht mit einer konsequenten Überwindung derartiger Praktiken einhergeht. Der Wandel in den Köpfen der Menschen hat also noch nicht bewirkt, dass sie ihr Verhalten ändern. Optimistisch gesehen, würde die entstandene Kluft zwischen Kultur und Institutionen einen Aufholprozess provozieren, und die Schließung der Kluft wäre dann nur eine Frage der Zeit. Der liberale Feminismus würde hier vielleicht betonen, dass die „gläserne Decke“ durchbrochen werden muss, oder darauf hinweisen, dass Einstellungen und Erwartungen durch Bildung veränderbar sind. Dabei würde er aber die zentrale Rolle des Kapitalismus und seine frappierende Fähigkeit übersehen, selbst die radikalsten Forderungen derart umzumodeln, dass sie neue Ausbeutungsmöglichkeiten eröffnen. Und wer die strukturelle Funktion der Misogynie zugunsten von schrittweisen Reformen auf der Ebene der Einstellungen ignoriert, verfehlt gerade das, worum es eigentlich geht: Das System ist auf die anhaltende und rücksichtslose Enteignung der weiblichen Arbeit elementar angewiesen und deshalb bestrebt, feministische Forderungen zu neutralisieren oder seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Der Vorstellung vom historischen Aufholprozess begegnet Fraser deshalb verständlicherweise mit Skepsis. Ja, Fraser geht sogar noch weiter, wenn sie „die verstörende Möglichkeit“ in Betracht zieht, dass die „von der Zweiten Welle ausgelösten kulturellen Veränderungen [...] dazu gedient haben, einen Strukturwandel der kapitalistischen Gesellschaft zu legitimieren, der feministischen Visionen einer gerechten Gesellschaft diametral zuwiderläuft“.[15]

Das Nachspiel des Feminismus

Ist Fraser zu ängstlich oder zu pessimistisch, wenn sie die Fähigkeit des Kapitalismus herausstellt, die Ideen und Aktivitäten derer, die sich ihm widersetzen, zu kooptieren? Eher nicht. Auch Eisenstein sieht den wiederholten, immer häufigeren Rückgriff von Eliten und imperialistischen Mächten auf feministische Ideen und Argumentationsmuster zur Rechtfertigung von Invasionen, aber auch die anhaltende Ausbeutung sowohl der Haus- wie der Lohnarbeit. „Die ‚Freiheit‘“, sagt Eisenstein, „die Frauen in der entwickelten Welt genießen, wird zu einem weltweit eingesetzten Verkaufsargument.“[16] So wird die Freiheit, derer sich Frauen im Westen angeblich erfreuen, als universalistisches Ideal präsentiert, obwohl doch Gleichheit in den Ländern, die diese Freiheit so gern überallhin exportieren möchten, nach wie vor ein unvollendetes Projekt bleibt.

Aber wie konnte der Feminismus derart „verführt“ (Eisenstein) werden, dass wir mittlerweile nur noch sein „Nachspiel“ (McRobbie) erleben?

Für Fraser bestand die historische Stärke des Zweite-Welle-Feminismus in der Art und Weise, wie er in seiner Kritik des „androzentrischen staats-organisierten Kapitalismus“ drei Dimensionen der Gender-Ungerechtigkeit miteinander kombinierte, nämlich die ökonomische, die kulturelle und die politische. Doch diese drei miteinander verbundenen Dimensionen wurden seither fragmentiert und sind nicht länger integraler Bestandteil eines kohärenten feministischen Projekts, dessen Kampf gegen Gender-Ungerechtigkeit in der unauflöslichen Einheit von „Umverteilung, Anerkennung und Repräsentation“ besteht. Gleichzeitig habe ein Prozess „selektiver Vereinnahmung“ und „partieller Rückeroberung“ einiger feministischer Kategorien stattgefunden, so dass dieses Bündel utopischer Sehnsüchte schließlich auf vertrackte Weise – unbewusst – der Legitimierung einer neuen Form von Kapitalismus diente. Während der Feminismus der Zweiten Welle also ursprünglich eine Reihe kritischer Ansätze unterschiedlicher Ebenen zusammenführte, ist er in seinem jetzigen Zustand zerrissen und hat sich obendrein mit anderen Elementen des sozialen und politischen Lebens verbunden, die ihn früher mit Schrecken erfüllt hätten.

Die zweite Welle des Feminismus bekämpfte gemeinsam mit der Neuen Linken und antiimperialistischen Kräften die verschiedenen Dimensionen des staatlich organisierten Kapitalismus, gleichzeitig aber auch den Sexismus seiner Kampfgefährten. Er politisierte das Private und sprengte so die vorherrschende ökonomistisch verengte Auffassung von Ungerechtigkeit auf. Sein Begriff von Ungerechtigkeit war bereichsübergreifend und zutiefst strukturorientiert. Er verband Gender-Ungerechtigkeit mit auf Klasse, „Rasse“, Sexualität und Nation bezogene Formen von Ungerechtigkeit. Was einem liberalen Staatsverständnis als privat gegolten hatte – Sex, Hausarbeit, häusliche Gewalt und Reproduktion –, wurde öffentlich und überschritt damit ökonomische, kulturelle und politische Grenzlinien.

Doch wie sieht die Entwicklung konkret aus, in deren Folge neue Formen des Kapitalismus Elemente dieses Projekts kurzschließen, untergraben und sich zu eigen machen konnten? Nun, bald nach dessen Popularisierung durch die zweite Welle des Feminismus brach jene Ära an, die wir mittlerweile nur zu gut kennen: Privatisierung, Deregulierung, Zerstörung der öffentlichen Sphäre und des Sozialstaats. Die ideologische Förderung von Individualismus und Konkurrenz wurde in unterschiedlichem Maße überall in Ost- und Westeuropa sowie „mit der Verschuldung als vorgehaltener Waffe“ in den Entwicklungsländern durchgesetzt, etwa durch Strukturanpassungsprogramme. Der umstrittenste Teil von Frasers Analyse ist ihre These, ebendiese neuen Verhältnisse hätten den Zweite-Welle-Feminismus aufblühen lassen – so dass seine Ideen und seine Kritik schließlich dazu führten, „herkömmliche Auffassungen von Familie, Arbeit und Würde“ umzuformen. Polemisch fragt Fraser: „Gab es untergründig so etwas wie eine abartige Wahlverwandtschaft zwischen der zweiten Welle des Feminismus und dem Neoliberalismus?“[17] Eisenstein spricht ganz unverblümt von der Verwandlung der zweiten in die dritte Welle: „Der Feminismus des 21. Jahrhunderts dient sich ideologisch den Prinzipien an, die hinter der Globalisierung stecken.“[18]

War der Feminismus also mitschuldig oder sogar verantwortlich für das, was oft als das neoliberale Projekt charakterisiert wird? Die These erscheint extrem unfair: Die Aktivistinnen, die sich in Theorie und Praxis leidenschaftlich mit dem Patriarchat auseinandergesetzt, um Gleichheit und wirtschaftliche Gerechtigkeit gerungen haben, sollen – ohne zu wissen, worum es in Wahrheit ging, oder sogar ganz bewusst – eine Schlacht geschlagen haben, aus der genau die Menschen, für die sie sich einsetzten – Frauen – letztlich als die Verliererinnen hervorgingen? Frasers Darstellung, wie der Zusammenhang der ökonomischen, kulturellen und politischen Stränge des Feminismus verloren ging, ist aufschlussreich, aber letztlich zu glatt: Auch separat haben die einzelnen Stränge oder Fragmente – wiederum bewusst oder unbeabsichtigt – Positives bewirkt. Millionen können sich ein Leben ohne die Errungenschaften des Feminismus gar nicht mehr vorstellen.

Fraser stellt im Fortgang ihrer Kritik eine Reihe ketzerischer Thesen auf: Der Feminismus habe seine Stoßrichtung zum „schlechtestmöglichen“ Zeitpunkt zu Lasten der Klassenorientierung auf die Anerkennung von Identität und Differenz verlagert. Und Elemente der feministischen Kritik am unflexiblen androzentrischen Modell habe der Kapitalismus zugunsten „eines neuen, ‚konnexionistischen‘ Selbstverständnisses übernommen, in dem rigide Organisationshierarchien horizontalen Teams und flexiblen Netzwerken weichen“ sollten. Dass die Kritik am Modell des männlichen Ernährers zur massenhaften Inklusion von Frauen in das Arbeitskräftepotential geführt hat, bedeutet in Frasers Augen, dass „der Traum von der Frauenemanzipation als Antriebskraft der kapitalistischen Akkumulation instrumentalisiert wird“.[19]

Die verlorene Einheit wiederherstellen

Natürlich profitiert der Kapitalismus davon, dass Frauen massenhaft auf den Arbeitsmarkt gelangen: Nichts hält den Kapitalismus davon ab, sich prinzipiell für billigere Arbeitskraft zu entscheiden, und Gesetze gegen Kinderarbeit oder Überausbeutung sind nicht selbstverständlich, sondern hart erkämpft und werden im Übrigen, global gesehen, durchaus ungleichmäßig beachtet. Ist Frauen aus diesem historischen Wandel ein Vorwurf zu machen? Natürlich nicht: Das Problem ist die Arbeit – genauer gesagt die Struktur der Lohnarbeit und der inhärent ausbeuterische Charakter des Lohns –, nicht der oder die Arbeitende. Es muss aber durchaus festgestellt werden, dass der massenhafte Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt den Feminismus zwingt, härtere Fragen aufzuwerfen und sich schwierigen Problemen zu stellen: Bis zu welchem Grade ist Feminismus, bei aller Anerkennung der emanzipatorischen Qualität eines außerhalb des Haushalts gelebten Lebens, mit Kritik an der (Lohn-)Arbeit kompatibel? Wie können Feminismus und Klassenorientierung wieder zusammengehen, wo doch die Berufstätigkeit arbeitender Frauen und Männer in den entwickelten Ländern davon abhängt, dass (überwiegend) Frauen aus der Arbeiterklasse sich (unter anderem) um deren Kinder kümmern? Mag sein, dass die Rhetorik eines Feminismus, der sich von seinen politischen, kulturellen und ökonomischen Wurzeln gelöst hat, die globale Ausbeutung von Frauen begünstigt. Dennoch ist eine feministische Lösung, die nicht auch internationalistisch wäre, schwer vorstellbar.

Im Zwiespalt zwischen der Erkenntnis von der anhaltenden, überaus vielschichtigen Ausbeutung von Frauen und (bezahlter wie unbezahlter) Frauenarbeit und der unheimlichen Fähigkeit des Kapitalismus, die Rhetorik des Feminismus auf seine Mühlen zu leiten, bleibt dessen Zukunft in der Schwebe. Die Trennung der ökonomischen, sozialen und politischen Dimensionen des feministischen Kampfes und die immer neue Frage, welche Veränderungen sich im Wesen der Arbeit vollziehen, bringt den Feminismus in die schwierige Situation, einem System hinterherzuhinken, das sein Projekt regelrecht ausschlachtet. Unter dem Deckmantel einer Rhetorik, die vorgibt, Gender-Gleichstellung anzustreben, greift der Kapitalismus alles ab, was ihm nützt. Doch die Grundfragen – die Rolle des Patriarchats, die Komplizenschaft des Kapitalismus bei der Abwertung von Frauen und Frauenarbeit – bleiben als solche die Themen eines genuin revolutionären Projekts. Die Tatsache, dass in gegenwärtigen Diskussionen zum Thema Arbeit der Beitrag feministischer Forschungen und ihrer theoretischen Perspektiven häufig übersehen wird, macht überdeutlich, wie dringlich die Wiedervereinigung sozialrevolutionärer und feministischer Ansätze ist und wie defizitär jede der beiden Seiten ohne die andere bleibt.

Die Feminisierung der Arbeit legt den Gedanken nahe, die Gesellschaft tendiere dazu, von jeder und jedem mehr unentgeltliche oder gering entlohnte Arbeit zu erwarten. Um der Wertschätzung menschlichen Lebens und menschlicher Arbeit willen müssen wir uns erneut darauf konzentrieren, Frauenarbeit aufzuwerten, insbesondere die Altenbetreuung und andere Formen der Sorgearbeit, also solche Arbeitsformen, die in der klassisch marxistischen Sichtweise als weniger typisch gelten.

Die Wiedervereinigung der ökonomischen, kulturellen und politischen Stränge, die das Projekt der zweiten Welle des Feminismus kennzeichnen, ist unerlässlich, denn nur so lassen sich die globalen Muster der internationalen Frauenarbeit aufspüren. Gegen die Ausbeutung von Frauen zu kämpfen, ist für eine umfassende Kritik der bestehenden Verhältnisse – des Zusammenhangs zwischen Arbeit, Familienstruktur und Patriarchat – unabdingbar, selbst wenn dies eine Kritik der Lohnarbeit, die Frauen historisch aus der häuslichen Enge befreite, implizieren mag. Über die erforderlichen Ressourcen verfügt der Feminismus bereits: Es bedarf lediglich der Rekombination seiner derzeit getrennten Elemente – der Widerherstellung der verlorenen Einheit. 

Der Text basiert auf einem Vortrag, den Nina Power am 10. Januar 2018 im Rahmen der Ringvorlesung „Klasse, Kapital und Revolution. 200 Jahre Marx“ der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Universität Bonn gehalten hat. Die Übersetzung stammt von Karl D. Bredthauer.

 


[1] Silvia Federici, Revolution at Point Zero, New York 2012, S. 5.

[2] Ebd., S. 119.

[3] Kathi Weeks, The Problem with Work: Feminism, Marxism, Antiwork Politics, and Postwork Imaginaries, Durham 2011, S. 97.

[4] Silvia Federici, Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation, New York 2004, S. 8.

[5] Silvia Federici, Wages against Housework, Bristol 1975.

[6] Angela Y. Davis, Women, Race and Class, London 1981, S. 237 und S. 243 f.

[7] Vgl. Arlie Russell Hochschild, The Managed Heart: Commercialization of Human Feeling, Berkeley 2003.

[8] Silvia Federici, Precarious Labor and Reproductive Work, in: „Variant”, 37/2010, S. 23 und 24.

[9] Vgl. „New Left Review”, März/April 2009; die. deutsche Fassung erschien unter dem Titel: Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte, in: „Blätter“, 8/2009, S. 43-57.

[10]   Hester Eisenstein, Feminism Seduced. How Global Elites Use Women’s Labor and Ideas to Exploit the World, London 2009.

[11] Angela McRobbie, The Aftermath of Feminism: Gender, Culture and Social Change, London 2009.

[12] Fraser, Feminism, Capitalism and..., a.a.O., S. 97 und S. 98.

[13] Eisenstein, Feminism Seduced, a.a.O., S. VII.

[14] McRobbie, The Aftermath..., a.a.O., S. 2.

[15] Fraser, Feminism, Capitalism and..., a.a.O., S. 98.

[16] Eisenstein, Feminism Seduced, a.a.O., S. 196.

[17] Fraser, Feminism, Capitalism and..., a.a.O., S. 116, S. 98 und S. 108.

[18] Eisenstein, Feminism Seduced, a.a.O., S. VIII.

[19] Fraser, Feminism, Capitalism and..., a.a.O., S. 109 und S. 110 f.

(aus: »Blätter« 3/2018, Seite 59-68)
Themen: Feminismus, Arbeit und Kapitalismus

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