Ausgabe Januar 2019

Die verlockende Utopie der Gene

Vor wenigen Wochen titelte die „Zeit“: „Sie werden, was sie sind. Eltern können auf die Persönlichkeit ihrer Kinder kaum Einfluss nehmen. Jahrzehntelange Forschungen zeigen: Die wichtigsten Charaktermerkmale von Menschen sind von der Geburt an festgelegt.“[1] Oder: „Was wird aus mir? Wissenschaftler können aus den Genen so viel vorhersagen wie noch nie, sogar schon bei Neugeborenen – Intelligenz, Gewicht, Gesundheit.“[2]

Der Autor des ersten Textes, Robert Plomin, dem die „Zeit“ hier eine Bühne gibt, ist ein Humangenetiker der alten Schule. Seine These: Der Mensch ist genetisch determiniert, seine Eigenschaften sind bereits in den Genen festgelegt. Im führenden naturwissenschaftlichen Magazin „nature“ wird er wegen solcher Ansichten scharf kritisiert. Denn die moderne Humangenetik ebenso wie die Neurowissenschaften schätzen den Anteil der Umwelteinflüsse für die Entwicklung des Menschen zunehmend höher ein. Das aber scheint in der „Zeit“ nicht angekommen zu sein. Die inzwischen sehr solide Diskussion zu den Wechselbeziehungen individueller und sozialer Determinanten findet dort kein Gehör.

Als ob das nicht genügt, legt das Wissensressort der „Zeit“ in einer Folgeausgabe nach. Wir sollten Verständnis haben, wenn bestimmte Menschen in ihrer Entwicklung limitiert sind.

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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