Die Stimme der Sprachlosen | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Die Stimme der Sprachlosen

<span class="fcredit">Foto: <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/liao_yiwu_herr_wang_der_mann_der_vor_den_panzern_stand/9783104910802" target="_blank">S. Fischer</a></span> Foto: S. Fischer

von Sabine Pamperrien

Bei der Lektüre des neuen Buchs von Liao Yiwu konnte ich mehrfach die Tränen nicht unterdrücken. Der Schmerz, der aus dem Erzählten spürbar wird, trifft den Leser mit der Wucht großartiger Dichtung. Allerdings: Das Lachen ist genauso nah und unmittelbar. Der in Berlin lebende 60jährige Chinese ist ein Mann, der Gefühle nicht scheut und dem in seiner Freimütigkeit im wahrsten Sinne des Wortes nichts fremd ist. Liao Yiwu, der hierzulande zu Recht als eine der wichtigsten Stimmen der demokratischen chinesischen Opposition gesehen wird, würde es vorziehen, als das wahrgenommen zu werden, was er eigentlich ist: Dichter und Musiker. Sein neues Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit“ illustriert wie schon sein bisher wohl berühmtestes Buch, „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, warum die korrekte Zuschreibung so wichtig für ein besseres Verständnis der chinesischen Wirklichkeit ist. Der Dichter Liao Yiwu gibt den Sprachlosen seine Stimme und macht auf diese Weise viel vom wahren China sichtbar, was ohne diese Vermittlung nicht wahrgenommen würde: das China des chinesischen Volkes.

Der historische Moment, der in diesem Buch Dreh- und Angelpunkt aller Geschichten ist, ist das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989. Der Titel erinnert an eine Szene, die sich in das kollektive Gedächtnis der Welt eingegraben hat. Am Morgen des Tages nach dem Massaker, das mit mehr als 10 000 Todesopfern und zehntausenden Verletzten bis heute in der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas tabu ist, stellte sich ein einzelner Mann einer Kolonne von Panzern entgegen und hinderte sie so lange am Weiterfahren, bis er abgeführt wurde. 

Aber wer war dieser Mann? Er ist an diesem Tag verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Der ihm von einer britischen Boulevardzeitung zugeschriebene Name „Wang Weilin“ ist vermutlich eine Erfindung. Seine wahre Identität wurde nie festgestellt. Da nichts Genaues bekannt ist, sind um den unbekannten Mann zahlreiche Spekulationen und romantische Geschichten entstanden. „Die Reihe von Romanen, Gedichten, Rocksongs, Kunstwerken und selbst Werbespots, die diese Geschichte zum Stoff haben, reißt nicht ab“, schreibt Liao Yiwu. „Auf diese Weise hat sich Wang Weilin über Zeit und Raum erhoben. Vielleicht wird sich nach weiteren tausend Jahren und nach weiteren tausend Neuanfängen der Kreis zurück zum ‚Klassiker der Berge und Meere‘ schließen. Damals hätte man Wang Weilin wie Xingtian, der die totalitäre Macht des alten Imperiums herausgefordert hat, den Kopf abgeschlagen, doch er hätte nach dem Verlust seines eigentlichen Antlitzes noch immer aufrecht auf der Straße gestanden und, die Brustwarzen als Augen, den Nabel als Mund, mit ausgebreiteten Armen für alle Zeiten Widerstand geleistet.“Das Bild des einzelnen Mannes, der sich den übermächtigen Panzern entgegenstellt, wurde zur Ikone des chinesischen Widerstands. Liao Yiwu verdeutlicht mit der Textsammlung in diesem Buch, dass die Widerständigkeit der Chinesen kein Westimport ist. Die Reflexion über Machtverhältnisse hat in der chinesischen Kultur eine tausende Jahre alte Tradition und überdauert in Mythen, Gleichnissen und volkstümlichen Erzählungen. Wenn Liao Yiwu schon mit dem Titel des Buches auf die Symbolkraft Wang Weilins fokussiert, ist dies zugleich Ausdruck tiefer Verzweiflung über die politische Wirklichkeit Chinas wie auch Ausdruck ungebrochener Hoffnung auf Veränderung.

Die auf den ersten Blick disparat anmutende Zusammenstellung von Texten unterschiedlicher Gattungen, wie Gedächtnisprotokollen, Telefonmitschnitten, Portraits, Briefen und Gedichten, entfaltet einen Sog, den am unmittelbarsten Musik zu erzeugen versteht, aber eben auch Dichtung. Auf die poetische Schreibhaltung, fortwährende Selbstreflexion und Selbstvergewisserung des Dichters muss man sich einlassen wollen, um die politische Sprengkraft dieser sublimen Innenschau auf China wirklich zu begreifen. 

Das Buch beginnt mit einem Bericht über „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“. Es ist das Protokoll eines vehementen Kampfes um den inhaftierten chinesischen Friedensnobelpreisträger. Für den an Krebs erkrankten Liao Xiaobo und seine Frau Liu Xia versuchte Liao Yiwu – gemeinsam mit Wolf und Pamela Biermann, Herta Müller und deren Mann Harry Merkle sowie dem früheren Cheflektor des S. Fischer Verlages, Peter Sillem –, über das Auswärtige Amt und Bundeskanzlerin Angela Merkel Ausreisegenehmigungen nach Deutschland zu erhalten. Anders als bei anderen Unterstützungsaktionen für Liu Xiaobo, bei denen zuvor zwar die Weltöffentlichkeit auf den Plan gerufen werden konnte, sich aber gezeigt hatte, dass die chinesische Führung auf öffentlichen Druck in Lius Fall mit noch härterem Vorgehen gegen ihn und seine Angehörigen und Freunde reagiert hatte, blieb diese Intervention für den Urheber der Charta 08 bei der chinesischen Regierung geheim. Die Bemühungen wurden angesichts des sich rapide verschlechternden Zustands Liao Xiaobos immer hektischer. Die selber diktaturerfahrenen deutschen Dichter zerbrachen sich den Kopf über Argumente, wie die unversöhnliche chinesische Führung davon zu überzeugen sein könnte, den Gefangenen nach Deutschland zu entlassen. Am Ende war alles umsonst, aber das Protokoll der Geschehnisse um den Tod Liao Xiaobos ist nicht nur ein tieftrauriges Zeugnis von echter Freundesliebe und bitterem Verlust, sondern es wirft auch ein bezeichnendes Licht auf das chinesische Regime. 

An den Bericht über den vergeblichen Kampf um das Leben Liu Xiaobos schließen sich Portraits „Aus dem Leben meiner Gefängnisbrüder“ an. Es sind Lebensgeschichten von Mitgefangenen, die wie der Autor im Zusammenhang mit den Geschehnissen um das Tien‘anmen-Massaker verurteilt wurden. Alle eint, dass sie nicht als Mitglieder irgendeiner Oppositionellen-Gruppierung mit einem politischen Ziel agierten, was als offizielle Rechtfertigung der drakonischen Strafen diente, sondern aus schlichtem Gerechtigkeitsempfinden nach ganz unterschiedlichen Erfahrungen mit der Brutalität der Staatsmacht. Die Empörung und das kreative Potential der widerständigen Akte zumeist ganz einfacher Menschen, auch ihr Durchhaltevermögen unter erniedrigendsten Haftbedingungen stellen tatsächlich die vielleicht größte Bedrohung des heutigen China von innen dar. 

Liao Yiwu erinnert selbstkritisch daran, dass diese einfachen Menschen sang- und klanglos verschwinden, wenn ihnen Privilegiertere nicht ihre Stimme geben. In einigen Briefen aus dem Untersuchungsgefängnis, in dem Liao zwei Jahre lang festgehalten wurde, offenbart er sein eigenes Hadern mit der Haft, die ihm die Veröffentlichung seines Gedichts „Massaker“ einbrachte. Er gehörte auch nicht zu denen, die demonstrierten oder Reden hielten, schrieb er 1990 an seine Frau. Er sei doch gar kein politischer Häftling, sondern „nur ein Künstler, der seinen ureigensten Instinkten folgte; in einer Rasse, in der der Kollektivismus eine jahrtausendealte Tradition hat, war es gleichgültig, wer an der Macht war, für einen abseits der Welt lebenden Künstler war es immer sehr schwer.“ Doch wenig später wird ihm klar, dass ein Dichter „in einer Atmosphäre politischer Unterdrückung als Vorsinger vor den Chor der Opferseelen treten musste“. Frau und Tochter wird er über diese Erkenntnis und die damit verbundene Entscheidung für das eigene Schaffen verlieren. „Was ist wichtiger, das gute Gewissen oder der Schutz von Heim und Herd? Wenn ich die Zeugenaussagen der 155 Verwundeten und Toten und ihrer Angehörigen lese, die [die Bürgerrechtsaktivistin] Ding Zilin seit Jahren sammelt, wenn einfache Menschen so skrupellos ihres Lebens beraubt werden, zerreißt es mir das Herz. Keiner von ihnen gehörte zu irgendwelchen Eliten, sie wollten vermutlich nichts anderes als das Glück eines normalen Lebens, eines Lebens, das wir hochnäsigen Gelehrten und Dichter schon lange als Ameisenmaloche verachten und verspotten. Aber sie sind tot! Wie Dylan Thomas sagt: ‚Blinde Seelen gingen in Stücke.‘ Warum müssen immer die Schwächsten die Zeche zahlen?“

Der Autor erzählt Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit, doch sagen diese Texte auch eine Menge aus über das mangelnde Verständnis für diese Wirklichkeit im Westen. Dabei ist nicht die Rede vom herrschenden Opportunismus gegenüber dem kommunistischen Turbo-Kapitalismus, sondern von der intellektuellen Hochnäsigkeit gegenüber der vermeintlichen „Ameisenmaloche“. Schon das macht die Lektüre zu einem Muss.

Liao Yiwu, Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2019, 144 S., 12 Euro.

(aus: »Blätter« 6/2019, Seite 121-123)
Themen: Asien, Kultur und Menschenrechte

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