Scientists for Future: Aufklärung gegen die Klimakrise | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Scientists for Future: Aufklärung gegen die Klimakrise

geralt/pixabay.com Foto: geralt/pixabay.com

von Gregor Hagedorn

1987 wurde vom Deutschen Bundestag eine Enquetekommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ eingerichtet. Die CDU hatte den Vorsitz, alle im Bundestag vertretenen Parteien sowie viele Wissenschaftler*innen waren beteiligt.

Ein Jahr später stand im ersten Zwischenbericht: „Der Temperaturanstieg wird [bis 2100] 6 ± 3 °C betragen [also zwischen 3 und 9 Grad liegen], wenn die Zunahme der Konzentrationen aller klimawirksamen Spurengase berücksichtigt wird.“ Und schon damals galt „eine Temperaturerhöhung von etwa 2 °C als ein Wert, der voraussichtlich katastrophale Auswirkungen auf die Menschheit und ihre Ernährungssituation und auf die Ökosysteme haben würde“, verbunden mit der Warnung: „Der letzte wissenschaftliche Beweis für diese These steht zwar noch aus, doch sind sich die Klimatologen darüber einig, dass diese These mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit richtig ist. Darüber hinaus warnen sie davor, erst den letzten lupenreinen wissenschaftlichen Beweis für die Existenz des Treibhauseffektes abzuwarten, da es bis dahin mit ziemlicher Sicherheit für Gegenmaßnahmen zu spät sein wird.“[1]

Dreißig Jahre später sind wir diesem „zu spät“ besorgniserregend nahegekommen. Zweifellos gab es in den letzten Jahrzehnten tausendfache Aktivitäten – aus der Wissenschaft, aus der Politik, von Nichtregierungsorganisationen, in der Wirtschaft, von Einzelpersonen. Dennoch ließ sich die Bevölkerung letztlich immer wieder (und allzu gerne) befrieden: durch Symbolhandlungen, durch internationale Abkommen, denen keine wirksamen Handlungen folgten, aber auch durch den Verweis auf die private Verantwortung als Konsumierende.

Doch gerade ändert sich etwas. Weltweit gehen Tausende – nicht nur, aber vor allem – junge Menschen auf der Straße und fordern wirksamen Klimaschutz und eine Sicherung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen. Am kommenden 20. September dürften es erneut Hunderttausende sein. Wir erleben eine neue Art der politischen Willensbildung – eine Kombination von persönlicher Betroffenheit und abstrakter wissenschaftlicher Erkenntnis. Eine Bewegung von tausenden Fridays-for-Future-, Klimastreik- oder Youth4-Climate-Gruppen stellt die Frage der Generationengerechtigkeit auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse neu.

Die Reaktionen der Entscheidungsträger*innen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik darauf sind durchaus unterschiedlich, doch leider ist der Impuls, das Klimathema nicht wirklich ernst zu nehmen, noch immer weit verbreitet. Um angesichts der grassierenden Verniedlichung oder gar Diffamierung[2] die Klimaschutzbewegung zu stärken und den Fokus wieder auf wissenschaftlich begründete inhaltliche Fragen zu richten, haben wir im Februar 2019 die Graswurzel-Initiative Scientists for Future gegründet. Nachdem anfängliche Zweifel überwunden waren, wuchs das Kernteam schnell auf über 40 Personen. Viele weitere Ehrenamtliche unterstützten es mit unglaublichem Engagement und ermöglichten einen erstaunlichen Erfolg: In deutsch-österreichisch-schweizerischer Zusammenarbeit wurde eine allgemeinverständlich formulierte Stellungnahme zu den Argumenten der Klimastreikbewegungen entwickelt und bis zum 22. März von mehr als 26 800 Wissenschaftler*innen unterschrieben.[3]

Scientists for Future[4] versteht sich als Akteur der Wissenschaftskommunikation, der sich an Wähler*innen und Noch-nicht-Wähler*innen, Entscheider*innen in Wirtschaft und Politik, aber auch an Wissenschaftler*innen außerhalb ihrer jeweiligen Fachspezialisierung wendet. Die Initiative kommuniziert die für die Zukunft unserer Gesellschaft besonders relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die noch nicht ausreichend in der Gesellschaft angekommen sind – auch dann, wenn sie nicht mehr neu sind. Sie unterstützt engagierte Menschen mit wissenschaftlicher Expertise, nutzt moderne digitale Kommunikation zur Vernetzung und geht vom Wissen zum Handeln über.

Zu dem historischen Politikversagen bezüglich der Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen und der generationengerechten Gestaltung unserer Gesellschaft hat nämlich auch die unzureichende Vermittlung von Wissen beigetragen. So argumentieren viele Menschen bezüglich der Energiewende auf der Basis veralteter Informationen. In den 1970er Jahren lautete die dominante Frage: Wann gehen die fossilen Brennstoffe aus? Und da bleiben uns eventuell noch über hundert Jahre – dem entspricht das derzeitige Tempo der Energiewende.

Seit den 1980er Jahren wissen wir jedoch, dass die Frage der Erschöpfung der Vorräte sekundär ist. Wirklich knapp ist der Platz auf der Müllhalde, auf der wir den bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe entstehenden Abfall „entsorgen“. Der Abfall ist CO2, die Müllhalde unsere Atmosphäre. CO2 ist zwar nicht per se giftig, allerdings verändert es bedrohlich die Durchschnittstemperatur der Erde. Und es zerfällt nicht einfach von alleine in der Atmosphäre – was von den Ozeanen und Ökosystemen nicht aufgenommen werden kann, bleibt.

Derzeitiger Stand der Wissenschaft ist, dass wir nur noch rund 20 Prozent der verbleibenden fossilen Brennstoffreserven verbrennen können, bevor uns der Platz auf der „Müllhalde“ ausgeht. Die Ressourcen der Atmosphäre sind also lange vor den Ressourcen im Boden erschöpft – die Zeit ist viel knapper, die Situation viel dramatischer. Denn selbst, wenn wir zum Beispiel die Wachstumslogik drosseln oder sogar stoppen, laufen wir fast ungebremst in eine Klimakatastrophe hinein. Das Problem ist schlicht nicht das Wachstum (welches zweifellos alles noch schlimmer macht), sondern der Status quo.

Wenn Aktivisten „Keep it in the ground!“ („Lasst Kohle, Erdöl und Erdgas im Boden!“) rufen, betreiben sie folglich Wissenschaftskommunikation. Es gibt viele solcher wissenschaftlichen Informationen, die für dringende und kritische politische Entscheidungen von hoher Relevanz sind. Sie sind Fachexpert*innen seit Langem gut bekannt, vielen Bürger*innen, Politiker*innen und auch Wissenschaftler*innen aber bis heute nicht.

Wie also kann Wissenschaftskommunikation (noch) besser zur Sicherung der Zukunft beitragen? Wie kann sie dabei helfen, den Informationsdschungel aus unzugänglichem Spezialwissen, Fake News, irrelevantem wissenschaftlichem Informationsmüll und korrekten Informationen besser zu durchdringen? Wie kann Wissenschaftskommunikation für all jene, die entscheiden und umsetzen, so zugänglich werden, dass sie zu Veränderungen beiträgt? Dazu sieben Vorschläge für gelingende Wissenschaftskommunikation.

Erstens: Klären wir die Relevanz von Informationen.

Wissenschaftskommunikation führt leider manchmal selbst zu Informationsüberflutung und Informationsmüll. Eine Ursache ist, dass einige Führungsetagen weiter auf Marketing und Eigenwerbung setzen. Zwar hat man sich in einem überinstitutionellen Arbeitskreis auf „Leitlinien für gute Wissenschafts-PR“[5] verständigt; diese wurden allerdings von vielen Wissenschaftsorganisationen bisher nicht institutionell etabliert.[6]

Das Setzen von Prioritäten und die Diskussion über Relevanzkriterien[7] sind zweifellos eine Herausforderung. Um aber „aus der Fülle der Informationen diejenigen herauszuarbeiten, die relevant für die Gesellschaft sind”,6 kann man pragmatisch vorgehen. Beispielsweise wäre es hilfreich, alle Beiträge bezüglich der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) zu verschlagworten und zu jedem Beitrag kurz zu kommentieren, warum die Redaktion ihn als wichtig für die Zukunftssicherung unserer Gesellschaft ansieht.[8]

Zweitens: Der Bildungsauftrag ist wichtiger als der Nachrichtenwert.

Nachrichten oder Neuigkeiten sind nicht der wichtigste Teil der Wissenschaftskommunikation. Das oben genannte Beispiel der Energiewende verdeutlicht: Es geht sehr häufig nicht um die neuesten Informationen, sondern um längerfristiges Lernen. Wir müssen Bürger*innen unterstützen, ihr Weltbild nach Schule oder Studium zu aktualisieren und mit den relevanten wissenschaftlichen Perspektivwechseln einer sich schnell verändernden Welt mitzukommen. Dafür brauchen wir eine neue Art des Lernens in einer sich immer schneller wandelnden Welt. Ob es um Frieden, Klima, Entwaldung, Biodiversitätsverlust, Nahrungssicherheit oder Bodenverlust geht: Wir müssen sicherstellen, dass alle Mitglieder der Gesellschaft weiter lernen können, dass sie nicht auf dem Wissensstand bleiben, den sie im Alter von 25 Jahren erworben haben. Zwar gibt es heute bereits ausgezeichnete Formate, die diese Mammutaufgabe erfolgreich angehen,[9] aber in der Regel erreicht Wissenschaftskommunikation zu wenige Menschen außerhalb der jeweiligen „Interessensblase“.

Drittens: Stärken wir die institutionelle Zusammenarbeit.

Zweifellos trägt Wissenschaftskommunikation erheblich dazu bei, den Spielraum für Propaganda und Manipulation zu verkleinern. Neben relativ leicht erkennbaren Fake News gibt es aber auch andere, nicht so leicht zu durchschauende Fälle. So stellte beispielsweise Anfang April der Geologe und Klimawandelleugner Sebastian Lüning als einziger geladener Naturwissenschaftler im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit des Deutschen Bundestages wissenschaftlich völlig unhaltbare Behauptungen auf.[10] Auch Hans-Werner Sinn und Koautoren erregten Aufsehen mit einer fehlerhaften Studie zu den vermeintlichen Klimavorteilen von Dieselautos gegenüber Elektroautos.[11] Wissenschaftskommunikation muss derartige Fehlinformationen möglichst rasch richtigstellen.

Um diese Handlungsfähigkeiten zu stärken, sollten die verfügbaren Ressourcen stärker auf gemeinsame Ziele und Themen fokussiert werden. Es wäre ein großer Gewinn, wenn wir thematische „schnelle Eingreiftruppen“ von Wissenschaftler*innen hätten, die über die Grenzen von Institutionen hinweg international zusammenarbeiten – etwa zu den Themen Klima, Friedenssicherung, Ernährungssicherheit, Landwirtschaft, Biodiversität, Bodenschutz, Medizin, Digitalisierung oder Cybersicherheit. Ohne auf die Expert*innen einzelner Institutionen beschränkt zu sein und mit der kombinierten Medienreichweite und Autorität vieler Institutionen könnten sie Fake News und Fehlinterpretationen hochwirksam korrigieren. Und um deren Flut auch langfristig einzudämmen, sollten diese Korrekturen und Übersichten über den Forschungsstand unter offenen Lizenzen und langfristig stabilen Webadressen (beispielsweise zenodo.org) erscheinen.

Viertens: Steigern wir die Verständlichkeit durch Teamarbeit.

Wissenschaftskommunikation muss weiter an ihrer sprachlichen und graphischen Verständlichkeit arbeiten. Der Idealfall einer an viele verschiedene Zielgruppen angepassten Kommunikation ist aber häufig eine Überforderung der Ressourcen. Machbar erscheint aber eine Publikation in zwei Varianten: eine auf gehobenem Sprachniveau für – auch fachfremde – Hochschulabsolvent*innen und eine in vereinfachter Sprache.

Wie wäre dies zu erreichen? Verständliche Sprache, intuitive Graphiken und fachliche Korrektheit sind heutzutage meist Spezialkompetenzen und nur wenige Autor*innen sind exzellent in allen Feldern. Sogar ausgebildete Wissenschaftsjournalist*innen sind angesichts immer differenzierterer Arbeitsfelder der Wissenschaft und einer explosionsartig wachsenden Zahl der Publikationen überfordert: Auch sie können Informationen manchmal nicht korrekt einordnen oder übersehen neue Erkenntnisse. Umgekehrt können nur wenige Wissenschaftler*innen auf Anhieb verständlich und journalistisch auf hohem Niveau schreiben.

Deshalb ein Vorschlag: Die Verantwortung wird nicht mehr informell („kannst du es einmal für mich lesen“, „kannst du mir die Grafik verbessern“, etc.) geteilt, sondern die Arbeit geschieht in echten, ad hoc zusammengestellten Teams. Gute Wissenschaftskommunikation hat dann mehrere Autor*innen: für die fachliche Korrektheit, für die Verständlichkeit, für die Graphiken. Alle übernehmen echte Verantwortung und können sich die Wissenschaftskommunikation für ihre jeweils eigenen Leistungsnachweise zuordnen.

Fünftens: Stellen wir Zusammenhänge her.

Wir sind eine unter der Komplexität von Informationen förmlich ächzende Gesellschaft. Niemand ist in der Lage, tausende von Spezialartikeln zu lesen, um sich das nötige Verständnis und den nötigen Überblick durch Primärliteratur zu erarbeiten. Haben wir wirklich einen Mangel an Spezialist*innen, oder fehlen nicht vor allem Generalist*innen, die die Zusammenhänge verstehen? Wissenschaftskommunikation kann eine essentielle gesellschaftliche Funktion erfüllen, indem sie Entscheidungsträger*innen und Wähler*innen ebenso wie Wissenschaftler*innen das Verständnis von Zusammenhängen ermöglicht.

Ja, auch Wissenschaftler*innen selbst: Auch diese sind ja außerhalb ihrer engen Spezialisierung Laien. Wie können wir die Nachhaltigkeitstransformation unserer Gesellschaft stemmen, wenn nicht einmal die Spezialisten sich gegenseitig verstehen? Wenn Klimaforscher nicht Biodiversität, Ökonomen nicht das Klima, Sozialwissenschaftler keine planetaren Grenzen, Biodiversitätsforscher keine Gerechtigkeitsfragen begreifen? Eine Betrachtung von Wissenschaftskommunikation als Transfer zwischen einem Wissenschaftssystem und einer Laiengesellschaft ist daher ein verfehltes Konzept.

Wissenschaftskommunikation muss dafür aber auch hohe Qualitätsmaßstäbe setzen. Wenn sowohl Wissenschaftler*innen als auch Bürger*innen die Informationen nicht nur interessant finden, sondern verwenden, vergleichen und prüfen wollen, sind Hinweise auf Quellen und weiterführende Originalliteratur nötig. Erst so wird Wissenschaftskommunikation in einer komplexen Welt wirksam.

Daher mein Appell: Kommunizieren wir so, dass es für Fachfremde wie auch für Laien verständlich ist und ein Verständnis von Zusammenhängen ermöglicht. Aber seien wir dennoch sorgfältig und transparent. Unter welchen Annahmen gilt eine Aussage, auf welchen Quellen beruht diese? Wissenschaftskommunikation sollte ohne Ausnahme mindestens so gut zitieren wie das von Millionen von Bürger*innen aufgerufene Video von Rezo.[12]

Sechstens: Es gibt kein Innen und Außen der Wissenschaft.

Noch immer gibt es – weniger in den Köpfen der Wissenschaftskommunikator*innen als in denen der Auftraggeber*innen – das Zerrbild eines geschlossenen Systems der Wissenschaft auf der einen Seite und einer ahnungslosen Gesellschaft auf der anderen Seite, in die Wissen kommuniziert und transferiert werden muss. Dazwischen stehen Wissenschaftsjournalist*innen oder institutionelle Kommunikationsabteilungen, welche die schwierige und langweilige Sprache der Wissenschaft verstehen und in verständliche und spannende Artikel übersetzen.

Besser wäre ein anderes Modell ohne Innen und Außen der Wissenschaft. Es gibt Wissenschaftler*innen, welche den Stand der Wissenschaft in einem kleinen Sektor besonders gut verstehen. Die aber, genau wie andere Expert*innen mit oder ohne Hochschulabschluss, auf Unterstützung angewiesen sind, um in der Flut der Informationen Korrektes und Relevantes neu lernen zu können. Und die so ihre eigene Arbeit, wissenschaftlich oder nicht, im Kontext der wissenschaftlichen Erkenntnisse eines bestimmten Sektors einordnen und gegebenenfalls verändern können.

Viele Bürger*innen und Politiker*innen wollen den Stand der Wissenschaft zu gesellschaftlichen Herausforderungen und Lösungen verstehen; auch Laien wollen und können mit Wissenschaft interagieren.[13] Sie finden Wissenschaft nicht nur einfach „spannend“, sondern sie wollen sich Erkenntnisse aneignen und zur Grundlage ihres rationalen politischen Handelns in einer Demokratie machen.

Und viele Politiker*innen und ihre Mitarbeiter sind Wissenschaftler*innen. Würden diese schon ohne Wissenschaftskommunikation den Stand fachfremder Wissenschaften problemlos verstehen, hätten wir sehr viel weniger Probleme. Auch sie sind also eine hoch relevante Zielgruppe.

Bei alledem zeigt sich: Wissenschaftskommunikation ist nicht Übersetzung, sondern Review von und Integration mit anderem Wissen. Sie ist unabdingbar, um die immer engeren Grenzen der Spezialisierung zu überwinden und die eigene Arbeit, ob Grundlagenwissenschaft, angewandte Wissenschaften oder Praxis, in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Sie ist nicht Werbung für argwöhnisch beobachtete Wissenschaft, sondern Voraussetzung inter- und transdisziplinärer wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Sie ist Teil des Wissenschaftsbetriebes.

Siebtens: Finanzieren wir Wissenschaftskommunikation als öffentliches Gut.

All dies verlangt Ressourcen. Es geht hier schließlich darum, mit hervorragend ausgestatteten Lobbyorganisationen (wie beispielsweise der zurzeit im Auftrag von Arbeitgeberverbänden gegen Maßnahmen zum Klimaschutz agierenden „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“) mitzuhalten. Dies kann nicht ausschließlich durch Selbstausbeutung in der Freizeit (Scientists for Future) oder unterbezahlte journalistische Arbeit unter prekären Einkommensverhältnissen erfolgen. Hier gilt es, die erforderlichen Stellen an öffentlichen Einrichtungen aufzustocken. Die Bedingung dafür sollte aber sein, dass die Ergebnisse auch tatsächlich öffentliches Gut werden und unter offenen Lizenzen für die breite Nutzung zur Verfügung stehen, damit Texte und Illustrationen in Zukunft nicht nur den kommerziellen Schulbuchverlagen, den Zeitungen und Zeitschriften der Eliten zur Verfügung stehen, sondern in Wikipedia und offene Bildungsressourcen übernommen werden können und damit frei verfügbar sind. Auf diese Weise würde Wissenschaftskommunikation zu einem wichtigen Teil der politischen Bildung mündiger Bürger*innen.

Wir können alle voneinander lernen. Und wir müssen alle schneller lernen. Die Zeit drängt: Die alte Methode, Innovationen erst nach der Verrentung der Bedenkenträger einzuführen, kann heute nicht mehr funktionieren. Es sind nicht die Jungen, die lernen müssen, die Nachhaltigkeitskrisen zu lösen. Wir, die Älteren, müssen dazu- und umlernen. Wir haben Jahrzehnte vergeudet, doch es ist noch nicht zu spät, um zu lernen und zu handeln. Ja, Jung und Alt haben häufig eine unterschiedliche Bereitschaft zu lernen. Und bei manchen Älteren mögen auch Schuldgefühle eine erkenntnisverhindernde Wirkung haben. Eine Politik mit der Schuld wäre jedoch in vielerlei Hinsicht ein falsches Konzept. Die Lebensleistung einer älteren Generation muss nicht in Frage gestellt werden, auch wenn die Zukunft tatsächlich anders werden muss. Die ältere Generation hat kriegsverwüstete Länder wiederaufgebaut. Sie hat aus Kriegen[14] gelernt: Sie hat die Staaten durch Standardisierung, Abbau von Zollschranken und Handelshemmnissen, aber auch durch klimaschädliche[15] Subventionierung von Güter- und Flugverkehr in gegenseitige Abhängigkeit gebracht und sich in internationalen Friedenssicherungssystemen organisiert. Sie hat extreme Armut, Unterernährung, Kindersterblichkeit und Bevölkerungswachstum in bemerkenswerter Weise zurückgedrängt und Wohlstand, Lebenserwartung und Bildung, insbesondere von Frauen, gefördert.[16] Kein*e Braunkohlearbeiter*in muss sich für die vergangenen Jahrzehnte schämen. Aber wir alle müssen uns schämen, wenn wir uns den Erkenntnissen über Zusammenhänge und nötige Kurskorrekturen weiter verschließen. So gesehen kann erfolgreiche Wissenschaftskommunikation – quasi als geistiger Jungbrunnen – überzeugtes und zukunftsorientiertes Handeln auf neuer Basis ermöglichen. Wer aus der Vergangenheit lernt, kann in Zukunft anders handeln, ohne sich in der Rückschau zu zerfleischen.

Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation sind daher politische Schlüsselkonzepte, um Antworten auf die Fragen nach der Sicherung der Zukunft zu finden. Sie sind Voraussetzung nicht etwa für technische und wirtschaftliche Optimierung, sondern für die Diskussion von Nachhaltigkeit als einer Gerechtigkeitsfrage. Fridays for Future hat gezeigt: Das Prinzip „Brot und Spiele auf Pump“ funktioniert nicht mehr, seit die junge Generation begriffen hat, dass die Schuldscheine für die gegenwärtigen Konsumspiele auf ihren Namen ausgestellt sind.

Und es zeigt sich, dass die Kombination von Jugendbewegung, Zugang zu wissenschaftlicher Information und digitaler Vernetzung[17] die Erkenntnis ermöglicht: Der Kaiser hat keine Kleider an. Aber so muss es nicht bleiben, und wir können alle zu Schöpfer*innen unserer Zukunft werden!

Dies ist eine Teamarbeit. Ich danke Christoph Cluse, Benedikt Fecher, Alice Chodura und Anja Köhne für Kritik und Kommentare sowie Clara Herdeanu, Franz Ossing und Josef Zens für Kritik und Unterstützung bei der sprachlichen Verständlichkeit.

 


[1] Vgl. den Zwischenbericht der Enquetekommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ gemäß Beschluss des Deutschen Bundestages vom 16. Oktober und vom 27. November 1987, Drucksachen 11/533, 11/787, 11/971, 11/1351.

[2] Albrecht von Lucke, Fridays for Future: Der Kampf um die Empörungshoheit. Wie die junge Generation um ihre Stimme gebracht werden soll, in: „Blätter“, 3/2019, S. 91-100.

[3] Hagedorn u.a., in „GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society“, 2/2019, S. 79-87, doi: 10.14512/gaia.28.2.3, siehe auch unter www.oekom.de.

[5] Wissenschaft im Dialog, Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR, 2016, https://www.wissenschaft-im-dialog.de/fileadmin/user_upload/user_upload/....

[6] Jens Rehländer, Das unterschätzte Gespräch mit Politik und Gesellschaft, in: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), 16.5.2019.

[7] Julian Hamann, David Kaldewey und Julia Schubert, Ist gesellschaftliche Relevanz von Forschung bewertbar, und wenn ja, wie? Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), https://www.oeaw.ac.at/fileadmin/NEWS/2019/IMG/preisfrage/01_PF_2018-085..., 2018.

[8] Die Einschätzungen könnten durch Teams und Redaktionen selber geschehen und jährlich stichprobenartig mit lokalen WK-Jugendräten von unter 30jährigen Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft besprochen werden.

[9] Einige Beispiele: Quarks, Kurzgesagt, maiLab, klimafakten.de, klimareporter.de, riffreporter.de, Klimahaus Bremerhaven, Artefakte am Museum für Naturkunde Berlin.

[10] Vgl. Sachverständige äußern sich kontrovers zur CO2-Bepreisung, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw14-pa-umwelt-629674, 3.4.2019.

[11] Christoph Buchal, Hans-Dieter Karl und Hans-Werner Sinn, Kohlemotoren, Windmotoren und Dieselmotoren: Was zeigt die CO2-Bilanz?, in: „ifo Schnelldienst“, 8/2019, https://www.ifo.de/DocDL/sd-2019-08-sinn-karl-buchal-motoren-2019-04-25.pdf

[12] Christian Thomsen, „Rezo zitiert sauberer als so mancher Bundesminister“, in: „Der Tagesspiegel“, 26.5.2019.

[13] Das Video von Rezo ist dafür nur der jüngste und bekannteste Beleg.

[14] Max Roser, War and Peace, https://ourworldindata.org/war-and-peace, 2019.

[15] Umweltbundesamt, Umweltschädliche Subventionen, https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/wirtschaft-umwel..., 25.6.2019.

[16] Vgl. z.B. Our World in Data, https://ourworldindata.org und Closing the gender gap, http://uis.unesco.org, 3.3.2017.

[17] Gregor Hagedorn, FridaysForFuture: Digitalisierung macht Protest wissenschaftlicher, in: „Earth System Knowledge Platform“, 2019, https://www.eskp.de/en/climate-change/klimawandel-fridaysforfuture/.

(aus: »Blätter« 9/2019, Seite 57-64)
Themen: Wissenschaft, Ökologie und Soziale Bewegungen

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