Ausgabe Januar 2020

Ein Jahr der Erkenntnisse

Für den deutschen Journalismus war 2019 ein annus horribilis. Zunächst bescherte die Affäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius den Medien einen weiteren erheblichen Glaubwürdigkeitsverlust. Dabei trifft die berechtigte Kritik an allzu simplen Weltbeschreibungen – für die Relotius‘ Geschichten beispielhaft stehen – auf die Ablehnung einer pluralen Medienöffentlichkeit als solcher (Stichwort „Lügenpresse“). Über diesen Debatten schwebt zudem als dauerhafte Bedrohung die große Strukturkrise, die insbesondere den Printjournalismus schon seit beinahe zwei Jahrzehnten plagt.

Umso glücklicher schätzen wir uns, dass die „Blätter“ gegen diesen tristen Trend 2019 einmal mehr gewachsen sind. Ins 65. Jahr ihres Bestehens geht unsere Zeitschrift mit einer Druckauflage von 11 500 Exemplaren. Tendenz: deutlich steigend! Unsere Zeitschrift ist daher weiterhin nicht auf Subventionen oder Werbung angewiesen, sondern stützt ihre finanzielle Unabhängigkeit allein auf ihre Leserinnen und Leser.

Auch zeigen die „Blätter“ zunehmend digital Präsenz – und das in gleich dreifacher Hinsicht: Unser Podcast, den wir seit Oktober 2018 gemeinsam mit unserem Partner detektor.fm betreiben, erreicht monatlich weit mehr als 10 000 Hörerinnen und Hörer. Neu hinzugekommen ist fast zeitgleich unsere App für Smartphones und Tablets. Und in der zweiten Januar-Woche erwartet Sie ein erstes Highlight des neuen Jahres. Dann nämlich geht unsere neue, rundum verbesserte Website an den Start: übersichtlicher und mit klarem Design sowie kompatibel für alle digitalen Endgeräte.

Geradezu klassisch präsentiert sich demgegenüber unser neuer Reader: „Unsere letzte Chance“ versammelt zwischen zwei Buchdeckeln die besten „Blätter“-Texte zur Klimakrise der vergangenen Jahre. Zu den Autorinnen und Autoren gehören neben vielen anderen Naomi Klein, Greta Thunberg, Jonathan Safran Foer und Harald Welzer. Dieser Reader bildet zugleich den letzten Band unserer Globalisierungstrilogie nach „Der Sound des Sachzwangs. Der Globalisierungsreader“ (2006) und „Mehr geht nicht! Der Postwachstumsreader“ (2015).

Nicht vorenthalten möchten wir Ihnen abschließend ein Zitat des langjährigen „Spiegel“- und „Zeit“-Redakteurs Cordt Schnibben. Er befand kürzlich auf „Übermedien“: „Wem es vor allem um politische Einordnung geht, der zieht aus einem Monatsheft der ‚Blätter‘ so viel Erkenntnis wie aus vier Ausgaben ‚Die Zeit‘ und ‚der Freitag‘.“

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes, erkenntnisreiches neues Jahr!

Berlin, im Dezember 2019

Redaktion und Verlag 

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Medien

Fortschrittsfalle KI

von Roberto Simanowski

Unbemerkt von den meisten verschiebt sich die Macht vom Menschen zur Maschine. Erste Studien bezeugen: Der Mensch wird dümmer durch KI. Je mehr er sie als Hilfsmittel nutzt, umso geringer seine kognitive Aktivität und schließlich seine Fähigkeit zum kritischen Denken.