Ausgabe März 1990

Für zwei eigenständige evangelische Kirchen in BRD und DDR.

Resolution der der TeilnehmerInnen am Studientag Kirche und Sozialismus der Ev.-theol. Fakultät der Universität Tübingen vom 30. Januar 1990(Wortlaut)

In einer Erklärung vom 17. Januar 1990 sprachen sich Repräsentanten des Kirchenbundes der DDR und Beauftragte der EKD für "eine der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland auch organisatorisch angemessene Gestalt, in einer Kirche" aus.

Damit unterwirft sich die bundesdeutsche protestantische Kirche wieder einmal dem politischen Zeitgeist. Sie ist auf dem Weg, ihr staatskonform obrigkeitshöriges Verhalten fortzusetzen, ohne aus den fatalen Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben.

So macht sie sich zur Wegbereiterin der Wiedervereinigung der DDR. Die Loccumer Erklärung legt den Grundstein für eine neue deutsch-nationale Territorialkirche. Die Kirchen leisten damit dem nationalistischen Bewußtsein, das gegenwärtig die Funktion einer bürgerlichen Ersatzreligion (civil religion) eingenommen hat, Vorschub. Die in Loccum überschwenglich zu Schau gestellte Harmonie und bruchlose Kontinuität zwischen DDR- und BRD-Kirchen verschweigt, daß es 1969 aufgrund großer Streitigkeiten (z.B. Militärseelsorgevertrag, Konzept einer "Kirche im Sozialismus") zur Trennung der Kirchen kam. Wir fordern die Widerrufung dieser Erklärung.

Sie wurde lediglich von den Kirchenleitungen verfaßt, unter Ausschluß der kirchlichen Basis. Sie stellt die Gemeinden vor vollendete Tatsachen und verunmöglicht damit einen Diskussionsprozeß. Es ist Zeit für eine Demokratisierung der kirchlichen Strukturen. Wir fordern die Eigenständigkeit der beiden Kirchen. Wir sind der Meinung, daß nur so die Gefahr einer dem kapitalistischen System unterworfenen übergroßen deutsch-nationalen Kirche begegnet werden kann. Gleichzeitig bildet die Eigenständigkeit die Chance zu gegenseitigem Lernen und zur Weiterentwicklung einer emanzipatorischen Theologie an der Basis. Wir fordern, daß die Kirche in Wahrung ihrer ökumenischen Verantwortung sich die wirtschaftlichen und politischen Folgen einer Wiedervereinigung bewußt macht.

Dazu bedarf es: - des Gesprächs mit Menschen, Gruppen und Staaten, die einer Wiedervereinigung angstvoll reserviert gegenüberstehen, hier ist vor allem an Jüdinnen und Juden zu denken. - der ökonomischen Analyse und Beurteilung einer angestrebten deutschen Einheit, durch die die DDR zum Spielball der profitorientierten BRD Wirtschaftskonzerne wird. - der Abschätzung der politischen Folgen dieses Bestrebens.

Eine Wiedervereinigung führt zu einer weiteren Destabilisierung der SU, zu einer Stärkung der NATO und zu einer Zuspitzung des NordSüd-Konflikts. Das Ergebnis wird eine schrankenlose, unkritisierte Ausweitung der menschenverachtenden, kapitalistischen Politik sein. Es ist Zeit für eine grundlegende Kritik des Kapitalismus.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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